Säuberlich schrieb Johann Sebastian Bach die Zahl "1700" unter eine Zeile seiner Bibel. Hat sich der Musiker damit als Antisemit geoutet? Seine Korrektur gilt einem Absatz über "Exil und Elend" als göttliche Strafe, die "biß auff diese Stunde die überbliebenen Juden nach ihrer endlichen Zerstörung und Zerstreuung erfahren müssen über 1600 Jahr". Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem, auf die der Passus sich bezieht, geschah im Jahr 70 nach Christus. Bach war mit der Korrektur von "1600" zu "1700" also recht großzügig, die Bestrafung war ihm offenbar wichtig.

Der Ausschnitt gehört zu den Exponaten einer Ausstellung mit dem Titel Luther, Bach – und die Juden im Bachhaus Eisenach. Sie befasst sich (auch) mit der religiösen Überzeugung des Thomaskantors und natürlich mit jenen Passagen seiner Passionen, in denen es um die "Jüden" oder das "Volk" geht, das da ruft: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." Die Diskussion darüber, ob J. S. Bach ein "Gestalter lutherischer Judenpolemik" war, währt rund 30 Jahre und brachte sogar eine Neubetextung der Johannes-Passion hervor. Jetzt, vor dem Reformationsjubiläum, ist die Debatte reif für ein größeres Publikum, zumal unabhängig von der Eisenacher Schau auch das Buch Bach & God des kanadischen Musikwissenschaftlers Michael Marissen erschienen ist.

Marissen geht darin den religiösen Inhalten von Bachs Musik und seinem "Antijudaismus" nach. Wer nun aber erwartet, dass er in transatlantischer Unbefangenheit die Passionen als Pamphlete entlarvt, während Eisenach "seinen" Bach in Schutz nimmt, erlebt eher das Gegenteil.

Fest steht, dass der Komponist 81 theologische Bücher besaß (eine Luther-Ausgabe ersteigerte er sogar für ein gutes Zehntel seines Kantorengehalts), darunter auch Johannes Müllers 1707 erschienener Bericht / von des Jüdischen Volcks Unglauben / Blindheit und Verstockung. Das ist eine kaum gemäßigte Fortschreibung von Martin Luthers brutalem Pamphlet Von den Jüden und iren Lügen. Auf dieses wiederum berief sich anno 1938 der Eisenacher Landesbischof Martin Sasse, "deutscher Christ", als er seine Hetzschrift erscheinen ließ: Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen! In Eisenach kann man darin blättern und erfährt auch, dass Sasse jenes martialische Bach-Denkmal in Auftrag gab, das einen bis heute in Johann Sebastians Taufkirche frösteln lässt.

Just die Vereinnahmung als "Deutschester der Deutschen" macht den Umgang mit Bachs Luthertum so heikel. Erblickt, wer darin (oder gar in der Musik) antijüdische Töne entdeckt, dasselbe wie die Nazis? Michael Marissen hat in Bachs Bibliothek auch die Biblische Erklärung von Johannes Olearius aus dem Jahr 1681 gefunden. Die Selbstverfluchung des Volks (das erst bei Luther zum ausschließlich jüdischen wird) kann, so der orthodoxe Geistliche, auch in Gnade verwandelt werden – eine rein christlich verstandene natürlich.

Marissen weist in Bach & God darauf hin, dass die kommentierenden Passagen, die der Dichter Picander für die Matthäus-Passion schrieb, von einer Gnade für alle sprechen. Und in der Johannes-Passion wird der Heiland gefragt: "Ist aller Welt Erlösung da?" Der Sterbende antwortet "stillschweigend: ja." Selbst wenn man wie der Direktor des Bachhauses Jörg Hansen findet, dass "ein Verweis auf den [humanen] Appell der Choräle und Arien das Problem nicht löst", das die Wutchöre stellen, muss man Marissen zustimmen, dass "Feindschaft gegenüber Juden weder Thema noch Zweck des Kommentars in der Erzählung der Matthäus-Passion " ist und dass die Johannes-Passion "den Fokus von der Ungläubigkeit 'der Juden' zu den Sünden der christlichen Gläubigen verschiebt". Alles wieder gut?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016.

Für Bach, den gläubigen Lutheraner, stand außer Frage, dass das jüdische Volk sich durch Kreuzigung Jesu und Uneinsichtigkeit doppelt schuldig gemacht hatte. In einer Kantate seines ersten Leipziger Jahres 1723 geht es entsprechend gnadenlos zu. Am 10. Sonntag nach Trinitatis hatte er Musik zu liefern, die sich mit der von Jesus angekündigten Zerstörung Jerusalems befasst. In Schauet doch und sehet wird "der Rache Blitz" von aufgeregten Streichern begleitet, und in gespannter Harmonik wird "ein unersetzlicher Verlust der allerhöchsten Huld" verkündet und dann gar von Gott "nach viel Geduld" der Stab über die Juden gebrochen.

Ewige Verdammung – das entsprach ganz der Predigt zu diesem Anlass. Immerhin rief der Librettist nicht, wie Luther, zu Aktionen gegen jüdische Zeitgenossen auf. Und man könne, so Marissen, "von der Kantate nicht ernsthaft erwarten, dass sie den liberalen Überzeugungen des 21. Jahrhunderts entspricht". Diesen Punkt betont auch Jörg Hansen: "In der kirchenmusikalischen Interpretation schwingt noch eine gewaltige Portion der nationalchauvinistischen Überhöhung mit, die man vor 50 Jahren hatte – Bach als fünfter Evangelist, dessentwegen die Leute konvertieren. Muss man das alles auf ihn projizieren?"

Es macht Bachs Musik nicht geringer, wenn man den Antijudaismus kennt, in dem er sozialisiert wurde und den er auch als Kirchenmusiker belieferte. Bach ist groß, weil selbst die Wutchöre der "Juden" historisch multipel gehört werden können. Es ist eine Perspektive darin, in der man jegliche Mobdynamik erkennt, vom Römischen Reich über das Deutschland um 1700 bis heute. Felix Mendelssohn übrigens, um dessen Wiederaufführung der Matthäus-Passion 1829 der zweite Teil der Eisenacher Schau gruppiert ist, hat damals vieles gestrichen. Aber nicht diese Chöre.

Ausstellung "Luther, Bach – und die Juden", bis zum 6. November im Bachhaus Eisenach. Michael Marissen: Bach & God. Oxford University Press 2016; 288 S., 22,99 £, als E-Book 21,17 £

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