Er wäre wohl gern in Altona geblieben, hätte als einziger Sohn das Geschäft seines Vaters übernommen, seine Jugendliebe Emily Reincke geheiratet und ein bürgerliches Leben als Fernhandelskaufmann geführt. Aber für den 1799 geborenen Heinrich Witt kommt es anders. Die Briten beschlagnahmen die Schiffe seines Vaters während der Napoleonischen Kriege, und Emily verschmäht es, den Sohn einer Familie ohne geschäftliche Zukunft zu heiraten.

Witt geht 1823 von Altona, das damals zu Dänemark gehört, nach London. Englisch hat er schon während eines halbjährigen Internatsaufenthalts als Jugendlicher gelernt, und die Metropole des Welthandels verspricht Aufstiegschancen und beste Gehälter.

Noch im selben Jahr tritt er in das Handelshaus Antony Gibbs and Sons ein, wo er eine Weile als Buchhalter dahindümpelt, bis man ihm anbietet, nach Arequipa im Süden Perus zu gehen. Dort wird gerade eine Filiale des Handelshauses eröffnet. Zwar tobt in den Anden ein Bürgerkrieg zwischen den Verteidigern der spanischen Kolonialherrschaft und den Anhängern der Unabhängigkeit. Aber Gibbs wettet wie viele britische Firmen auf die Aufständischen und will sich Startvorteile im Handel mit den dann unabhängigen Republiken sichern.

1824 kommt Witt nach Peru, wo er mit Unterbrechungen den Rest seines Lebens bleibt. Als er 1892 im Alter von 93 Jahren stirbt, hinterlässt er ein Tagebuch von dreizehn Bänden mit insgesamt mehr als 11.000 Seiten. Darin beschreibt er detailliert seine eigene Geschichte und die Entstehung der modernen Welt im 19. Jahrhundert. Das Tagebuch liefert einen außergewöhnlichen Einblick in das Selbstverständnis eines kosmopolitischen norddeutschen Kaufmanns, in dem sich Kultiviertheit, bürgerlicher Liberalismus, Rassismus und Eurozentrismus verbinden.

Witt kümmert sich zunächst um das Geschäft in den südlichen Anden, das auf dem Export von Edelmetallen und Wolle fußt. 1833 zieht er nach Lima und wird leitender Angestellter der dortigen Filiale von Gibbs. Als er 1842 die Firma verlässt, besitzt er ein Vermögen, das es ihm erlaubt, von den Zinsen seines Kapitals zu leben.

Er begibt sich auf eine lange Reise durch Europa, aber sein alter Plan, in Altona ein eigenes Geschäft aufzubauen, ist da bereits passé. 1831 hat er Maria de la Sierra Velarde geheiratet, eine Frau aus den besten Kreisen Südperus, die Geld, Beziehungen und drei Kinder mit in die Ehe bringt. Die Rolle einer bürgerlichen Ehefrau in einer norddeutschen Hafenstadt zu übernehmen kommt für Maria nicht infrage.

In Lima steigt Witt in das lukrative Geschäft mit Guano ein. Der Vogelkot liegt meterhoch auf unbewohnten Inseln vor der Küste Perus. Er ist Eigentum des peruanischen Staates, der Lizenzen zum Abbau und Verkauf nach Europa vergibt. Dort wird Guano in einer Zeit rasanten Bevölkerungswachstums als Dünger dringend benötigt.

Sieht man vom Guano ab, investiert Witt vornehmlich in Geldgeschäfte. Ein Teil seines Kapitals liegt bei europäischen Bank-Kaufhäusern, also großen Handelshäusern, die mit Geldeinlagen von Dritten arbeiten. Ein anderer Teil verbleibt als Darlehen in Lima und später als Kapital der ersten dort gegründeten Banken. All diese Geschäfte bedeuten Einnahmen ohne viel Arbeit. Entsprechend viel Zeit kann Witt seinem Tagebuch widmen.

Schon als Jugendlicher hat er zu schreiben begonnen. Aber erst 1859, im Alter von 60 Jahren, entscheidet er sich, der Nachwelt sein Tagebuch zu hinterlassen und daher alle bisherigen Texte zu überarbeiten. Während er ältere Einträge auf Deutsch, Spanisch und Englisch verfasst hat, wird das überarbeitete Tagebuch durchgängig auf Englisch geschrieben.

Sein Zeitaufwand ist nicht nur aufgrund der Menge des produzierten Texts gigantisch. Von 1859 an kann er aufgrund einer schweren Augenkrankheit nicht mehr lesen und schreiben. Während er die Rohfassung der neuen Tagebücher Familienangehörigen oder einem Sekretär diktiert, lässt er sich seine alten Tagebücher zunächst vorlesen und diktiert dann Absatz für Absatz die "überarbeitete und kondensierte Kopie des Originals".