Mehr als 23 Millionen klassische Kapitallebensversicherungen besitzen die Deutschen – und wer eine hat, bekommt jedes Jahr Post von seiner Versicherungsgesellschaft. Inhalt der vielen Briefe: irgendwas mit Geld. Prognosen darüber, was in 20 bis 30 Jahren ausgeschüttet werden könnte. Wenn die Kunden nicht vorher sterben. Wenn sie so lange ihre Beiträge unverändert zahlen. Wenn sich die Zinsen nicht ändern. Und wenn sonst nichts passiert. Viele wirklich wichtige Informationen verschweigen die Briefe: die Summe der bisher eingezahlten Beiträge beispielsweise. Den gegenwärtigen Stand teilen die Versicherer ihren Kunden gar nicht mit. Obwohl die vielen Briefe genau so heißen: Standmitteilungen.

Im ganzen Land haben die Verbraucherzentralen nun Standmitteilungen gesammelt und miteinander verglichen. Das Ergebnis offenbart einen Irrgarten aus Versicherungsprosa und inhaltlicher Vielfalt. "Die Informationen der untersuchten Unternehmen reichen für Verbraucher nach unseren Standards nicht aus", sagt Klaus Müller, Vorstand beim Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). "Das ist ein großes gesellschaftliches Problem, weil Kapitallebensversicherungen nach wie vor die beliebteste Form der privaten Altersvorsorge in Deutschland darstellen." Die Untersuchung ist Teil des Marktwächter-Programms der Verbraucherzentralen, mit dem sie strukturelle Benachteiligungen von Konsumenten aufdecken wollen.

Kapitallebensversicherungen verbinden zwei Produkte in einem: Ein Teil der monatlichen Beiträge dient dem Risikoschutz – im Todesfall erhalten die Hinterbliebenen einen vereinbarten Geldbetrag. Der andere Teil wird angespart, angelegt und am Ende der Laufzeit wieder ausgeschüttet – er dient in vielen Fällen der zusätzlichen Altersvorsorge. Schon diese Doppelfunktion macht es schwierig, die Funktionsweise von Kapitallebensversicherungen zu verstehen, zumal auch noch mehrere Unterarten existieren.

Nahezu unmöglich ist es, verschiedene Policen miteinander zu vergleichen. Nicht einmal die Terminologie der Anbieter ist einheitlich. Statt Standmitteilungen sprechen manche von "Wertbestätigungen" (so die Zurich Deutscher Herold Lebensversicherung in einigen Verträgen), "Statusreports" (Heidelberger Lebensversicherung) oder "Kontoauszügen" (Basler Lebensversicherung), zeigt die Untersuchung. "Es gibt noch mehr als ein Dutzend andere Bezeichnungen", sagt Sandra Klug, verantwortliche Projektleiterin bei der Verbraucherzentrale Hamburg, "aber unabhängig davon ist der Informationsgehalt bei sehr vielen Anbietern gleich schlecht. Kunden können unmöglich herausfinden, ob ihre Lebensversicherung überhaupt zu ihren Lebensumständen passt."

Insgesamt sind 90 Lebensversicherer in Deutschland tätig, von Assekuranz-Konzernen bis zu kleinen Spezialanbietern ohne nennenswerte Marktanteile. Standmitteilungen zu knapp 900 Verträgen von 48 Unternehmen haben sich die Verbraucherschützer näher angeschaut – zusammengenommen decken diese Unternehmen fast 90 Prozent des Marktes für Kapitallebensversicherungen ab. Ergebnis: Alljährlich landen 68 unterschiedliche Arten von Standmitteilungen in den Briefkästen der Kunden. Manche Unternehmen verwenden sogar selbst drei bis vier Varianten.

Es gibt eine Erklärung dafür. Sprache und Inhalt von Standmitteilungen dürfen die Versicherer nahezu beliebig gestalten, denn obwohl sie von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht streng reguliert werden, gibt es in diesem Punkt nur wenige gesetzliche Vorgaben. Ein Lebensversicherer muss jeden Kunden im Wesentlichen "über die Entwicklung seiner Ansprüche unter Einbeziehung der Überschussbeteiligungen unterrichten". Damit sind die Leistungen im Todesfall sowie bei Ablauf gemeint. Wie viel von der Überschussbeteiligung bereits garantiert ist, also vom Anteil an den Unternehmensgewinnen, muss er ebenfalls angeben. Viel mehr verlangt das Gesetz nicht.

Schon an diesen Minimalanforderungen scheitern gut 26 Prozent aller Standmitteilungen. Selbst etliche große Anbieter weisen nach Ansicht der Verbraucherzentralen beispielsweise die garantierte Überschussbeteiligung nicht in der gesetzlich vorgeschriebenen Art und Weise aus, beispielsweise die Alte Leipziger. Darauf angesprochen, möchte sich das Unternehmen nicht öffentlich zu dem Thema äußern.