Liebe Sehnsucht,

ich schreibe Dir, weil die Liebe eine wankelmütige Sache ist. Sie hat keine Gestalt, sie lässt sich nicht messen und ist doch unfassbar mächtig, weil sie uns packt und auf eine Reise mitnimmt, der wir uns nicht entziehen können. Wenn man aber einen Menschen liebt oder ein Ding, den oder das man nicht permanent bei sich hat, erzeugt das ein Gefühl, das mit Deinem Namen beschrieben wird: Sehnsucht.

Er klingt in meinen Ohren erst mal positiv: Ich sehne mich nach etwas, das mich süchtig gemacht hat. Denn die Sucht ist doch menschlich, ob nach Schokolade oder Anerkennung, man kann sich in seiner Sucht auch beim Sammeln von Briefmarken und Sneakern verlieren. Mir geht es allerdings nicht um die Hingabe an Dinge, sondern um die menschliche Liebe. Wenn diese Liebe nicht zwischen zwei Menschen besteht, die das große Glück haben, am selben Ort zu leben, entwickelt sich eine Fernbeziehung. Ich las schon von Paaren, die sich seit Jahren nur alle paar Monate begegnen, die auf unterschiedlichen Kontinenten leben und für die die visuelle Kommunikation des Internets der einzige Trost ist.

Und nun kommt Dein großer Auftritt, der Auftritt der Sehnsucht in der Liebe. Du weckst in uns ein Gefühl des Habenwollens, das dringende Bedürfnis, gemeinsame Zeit zu haben. Ein geradezu brennendes Verlangen, ein Zustand der Unvollkommenheit ohne den anderen. Diese Art von Dir ist dann nichts Nettes, nichts Kleines, sie ist noch nicht einmal etwas Romantisches, sondern ein fieser, ziehender Schmerz, da mögen die Poeten noch so viel Lametta um Dich Monster legen. Es hilft auch nicht, zu wissen, dass der Moment des Zusammenseins wiederkommen wird.

Vielleicht fragst Du Dich, warum ich nun ausgerechnet Dir einen Liebesbrief schreibe. Aber was bleibt mir anderes übrig, Du hast Dich durch mein Gefühlsleben getobt, Du kommst und gehst, wie es Dir passt, und Du hinterlässt verbrannte Erde. Ich habe Dich als räudige Schlampe beschimpft und Dich verflucht, das hat Dich allerdings nie davon abgehalten, mit jokerhaftem Grinsen wieder aufzutauchen. Ich will Dich lieben lernen, Sehnsucht. Dann wirst Du vielleicht ein Teil meines Lebens, mit dem ich mich abfinden kann. Solange Du das auch willst.

Tim Raue, 42, ist Koch und Unternehmer. Er führt in Berlin eines der weltbesten Restaurants