Weltweit formiert sich die größte Studentenbewegung seit 1968. An über hundert Universitäten in den USA toben die Proteste – und auch in Europa wächst der Zorn. Was treibt die Aktivisten an?

Yale, USA. Studenten greifen die jahrhundertealten Institutionen an

Die Revolution beginnt mit einer E-Mail. Am 28. Oktober 2015 findet Ryan Wilson sie in seinem Postfach. Betreff: "Halloween and the Yale Community". Die Nachricht stammt vom Ausschuss für interkulturelle Angelegenheiten, einem Gremium der Universität. Die Studenten werden gebeten, alle Halloween-Verkleidungen zu vermeiden, "die respektlos, verletzend oder herabsetzend auf ethnische, nationale, religiöse oder geschlechtliche Gruppen wirken könnten". Etwa, sich das Gesicht schwarz anzumalen, Federschmuck zu tragen oder einen Turban.

Ryan Wilson überfliegt das Schreiben. Er kennt das Thema. Aus eigener Anschauung. Er ist ein schwarzer Student in Yale. Ein Ort, an dem er immer wieder daran erinnert wird, dass er mit seiner Hautfarbe nicht dazugehört. So empfindet er es.

Kurz darauf erhalten Ryan Wilson und seine Kommilitonen eine zweite E-Mail. Absender: Erika Christakis, Dozentin für frühkindliche Entwicklung und gemeinsam mit ihrem Mann Nicholas Leiterin eines der zwölf Colleges der Universität. Christakis schreibt, die Studenten könnten ruhig alle Kostüme tragen, auf die sie Lust hätten. Die E-Mail mündet in einen generellen Angriff auf die Unis: "Sie sind zu Orten von Zensur und Verbot geworden."

Ryan Wilson lebt im College des Ehepaars Christakis. Er hatte bisher keine Probleme mit den beiden. Jetzt hat er eines. Ryan Wilson antwortet mit einem offenen Brief, der später von Tausenden unterschrieben wird. "Erika Christakis, in Ihrer E-Mail verteidigen Sie rassistische und marginalisierende Kostüme als freie Rede ... als ob die Bedürfnisse der nicht weißen Studenten nichts zählten." Es folgen Gesprächsrunden, Treffen, Proteste. Der Streit eskaliert, als Studenten vor dem Haus der Eheleute deren Rücktritt fordern. Ein Video des Protests wird auf YouTube lanciert. Die Medien berichten. Der Kostümierungsstreit wird zur nationalen Frage. Sowohl das Ehepaar Christakis als auch die Studenten werden im Internet mit Hasskommentaren überschüttet. Am Ende tritt das Paar von der Leitung des College zurück. Erika Christakis hat bis zum heutigen Tag auch nicht mehr unterrichtet.

Die Revolution des Ryan Wilson ist mehr als nur ein Streit um die Grenze zwischen Rassismus und Zensur. Sie reiht sich ein in eine Kette von Protesten und Skandalen, bei denen die Forderungen radikaler Aktivisten auf die Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft prallen. Und immer geht es um die Frage, was erlaubt ist und was nicht. Hier kämpfen Frauen darum, die Herrschaft der Männer zu brechen. Dort erheben sich Farbige gegen Rassismus. Anderswo fordern Transsexuelle geschlechtsneutrale Toiletten. Die Mehrheit fürchtet, die politische Korrektheit ersticke die Gesellschaft, die unterlegene Minderheit klagt über mangelnden Respekt.

Den Tugendterror der wenigen hat der amerikanische Schriftsteller Philip Roth schon im Jahr 2000 im Roman Der menschliche Makel antizipiert: Ein Professor wird des Rassismus beschuldigt, weil er zwei schwänzende Studenten als "dunkle Gestalten" bezeichnete. Was er nicht weiß: Die beiden sind schwarz. Die Bemerkung kostet den Professor den Job – niemand weiß, dass er selbst Schwarzer ist, dem man es durch eine Laune der Natur nicht ansieht.

Dass Roths Story im Uni-Milieu spielt, ist kein Zufall. Die Auseinandersetzungen um das, was politisch korrekt und was herabwürdigend, was avantgardistisch und was rückwärtsgewandt ist, fand schon immer an den Universitäten statt. Vor allem die Hochschulen der USA werden von einer Welle des Protests überrollt, deren Ausläufer auch in Großbritannien und sogar in Deutschland zu spüren sind.

Seit Monaten gehen die Studenten an über hundert amerikanischen Hochschulen auf die Barrikaden: In Missouri treten sie in Hungerstreik, weil der Präsident sich zu wenig gegen Rassismus engagiere. An der Brown University in Rhode Island demonstrieren sie gegen Übergriffe von Campus-Sicherheitsdiensten. In Princeton besetzen Studenten das Büro des Präsidenten und fordern die Umbenennung der nach Präsident Wilson getauften Universitätsgebäude – Wilson sei Rassist gewesen. In Harvard wird der Titel "house master" abgeschafft, weil er an die Sklaverei erinnert.