Indem sie sich verstecken, fügen sich die Aktivisten still in die Ungerechtigkeit, die sie kritisieren. Sie geben klein bei und nehmen die subalterne Position, die die Gesellschaft ihnen zugewiesen hat, freiwillig ein. Mutig ist das nicht.

Dabei trifft die Arbeit der Aktivisten in eine politisierte Zeit. Laut Shell-Studie interessieren sich 41 Prozent der unter 25-jährigen Deutschen inzwischen für Politik, im Jahr 2002 waren es 30 Prozent.

Die Aktivistinnen Olenka Bordo Benavides und Tahleun Wandji treten hingegen in die Öffentlichkeit. Selbstbewusst zeigen sie den Weg durch einen Seiteneingang der HU in ein helles Büro. "Ein repräsentativer Raum, der aber geschützt liegt, sodass Beratung-suchende zu uns kommen können, ohne gesehen zu werden", sagt Bordo. Die Fenster stehen offen. Obwohl man sich mitten in der Hauptstadt befindet, herrscht Ruhe. Hier kann man erzählen, ohne dass einer darüber urteilt, ob man überempfindlich ist.

Beratungssuchende können zu uns kommen, ohne sich zu exponieren.
Olenka Bordo Benavides

Empfindlich reagieren sie, wenn sie den Eindruck haben, für modische "Diversity-Konzepte" vereinnahmt zu werden. "Man hätte uns gerne als Blumentopf", sagt Wandji, "den stellt man in eine Ecke und sagt, schön, wir haben auch Schwarze, wir sind divers."

Olenka Bordo ist Sozialpädagogin, in Peru geboren und aufgewachsen. Tahleun Wandji, ein sportlicher Mann mit festem Blick, kommt aus Kamerun, wo er schon ein Studium abgeschlossen hat. Das Studium der beiden in Deutschland dauert lange, sie haben über Jahre ehrenamtlich ihre "Antidiskriminierungsberatung" aufgebaut und zwei bezahlte Stellen geschaffen. Heute sitzen sie in Gremien der Hochschulleitung und organisieren Konferenzen über "Rassismus im deutschen Bildungssystem".

Von ihren eigenen Erfahrungen mit rassistischen Strukturen an deutschen Universitäten erzählen sie im Sammelband Eingeschrieben – Zeichen setzen gegen Rassismus . Die promovierte Neurowissenschaftlerin Emily Ngubia Kessé hat dafür eine ganze Reihe von Studierenden und Mitarbeitern befragt. Durch deren Haltung wird klar, dass sie über einen sehr allgemeinen Begriff von Rassismus diskutieren. Nämlich einen Rassismus, der buchstäblich alle betrifft, die von der "deutschen Mehrheitsgesellschaft" ausgeschlossen werden, weil man sie für anders hält – egal ob dieses "Andere" auf die Sprache zurückgeht, die Hautfarbe, die Religion oder die mangelnde Bereitschaft, sich anzupassen. Alle, die nicht als "halt deutsch" durchgehen, egal ob aus der Türkei oder Spanien, ob schwarz oder asiatisch, Muslime oder Hindus. So verschieden sie sind, sie wollen sich nicht ihrer Identität halber isoliert fühlen gegenüber der mächtigen "Mehrheit". Und so treten sie auch auf, als neue gesellschaftliche Größe.

Man hätte uns gerne als Blumentopf. Den stellt man in eine Ecke und sagt, schön, wir haben auch Schwarze, wir sind divers.
Tahleun Wandji

Die amerikanische Idee der "Critical Whiteness" fordert Selbstkritik von den Weißen ein. Die sollen sich über das Privileg klar werden, sich nicht für die eigene Haut- oder Haarfarbe rechtfertigen zu müssen. Solche Unbekümmertheit wird ihnen als weiterer immaterieller Wohlstand angerechnet. Man solle sie endlich mit den "Kosten" für ihre Hautfarbe konfrontieren, fordern die Vertreter der Critical Whiteness – weiße Haut könne für Nichtweiße Erinnerung an Gewalt und Unterdrückung bedeuten. Die Konsequenz: nicht bloß allen Menschen gleichen Respekt und Stolz, sondern alle, insbesondere die Weißen, ihren Anteil an Scham und Schuld. Wieder kommen bei der Durchsetzung wünschenswerter Ziele also strafende und autoritäre Mittel zum Einsatz.

Das geht vielen anderen mächtig auf die Nerven. Man muss nicht zum Dunstkreis der AfD gehören, um das zu beobachten. An der HU gab es im Frühjahr eine viel beachtete Veranstaltung, zur Entlarvung des "politisch korrekten Rassismus der Critical Whiteness". Dreihundert Studenten waren da, um dem Postulat, man lasse sich seiner weißen Hautfarbe wegen den Mund nicht verbieten, durch Applaus beizupflichten. Ein "Kampf dem Anti-Rassismus" wurde ausgerufen. Die Fronten standen scharf gegeneinander.

Bei Lichte betrachtet aber sind die Deutschen von der befürchteten Umkehr der Dominanzverhältnisse weit entfernt. Nicht einmal Kampfansagen braucht es, um den Aktivisten Grenzen zu setzen. Meist reicht Schweigen. Viele schildern auf UniWatch, wie die Kommilitoninnen stumm zur Seite blicken, wenn Diskriminierung zur Sprache kommt.

Oxford, Großbritannien. Schwarze Studentinnen wollen die Statue des Kolonialisten Cecil Rhodes stürzen

In Oxford machen die Studenten aus Theorie nun Praxis. Dort stehen an einem warmen Tag im Mai zwei schwarze Frauen vor einer Statue und fühlen sich herabgesetzt. Die Statue steht in der gotischen Fassade des Oriel College und blickt auf die Einkäufer, Studenten und Radfahrer hinab, die das Gebäude passieren. Sie stellt einen Herrn mit Dreiteiler, Schnurrbart und Brille dar, den Hut hält er in der Hand, als habe er es eilig. Darunter: "E LARGA MUNIFICENTIA CAECILII RHODES" – auf Deutsch: "Dank der großzügigen Freigiebigkeit von Cecil Rhodes".