Ein Loch ist das, was übrig bleibt, wenn einem Arschloch der Arsch abhandenkommt. Ein Loch ist demnach ein aufs Wesentliche reduziertes Arschloch. Das ist eine Interpretation, aber nicht die einzige. Das Wort "Loch" wurde aus dem Deutschen ins Russische eingebürgert, es ist in der Jugendsprache Russlands angekommen, auch in der Sprache der Gangster. Die Dolmetscherin, die sich vor der Staatsschutzkammer des Landgerichts Lüneburg mit der Semantik des Lochs auseinandersetzt, hat Lexika der Universitäten von Moskau und St. Petersburg zurate gezogen, außerdem Wörterbücher des russischen Jargons. Sie muss dem Gericht die Bedeutungsvielfalt erklären, und das Loch ist ein kompliziertes Wesen.

Ein Loch kann ein Mensch sein, der leicht zum Opfer wird. Als Loch gilt auch ein Pechvogel. Ein Loch kann aber auch ein einfach gestrickter Typ sein, ein Tölpel. "Hat das Loch einen ironischen Unterton?", will ein Verteidiger wissen. "Jemanden zum Loch machen", sagt die Dolmetscherin, das bedeute: jemanden austricksen. Das Loch, meint sie, sei in diesem Fall "ein Arsch mit Ohren".

Im Mai dieses Jahres ist das Loch im Gerichtssaal angekommen. Auf einigen Mitschnitten von insgesamt rund 600.000 Telefonüberwachungen der deutschen Polizei taucht der Begriff Loch auf. Es ist der 96. Verhandlungstag in einem gigantischen Verfahren, das Anfang 2015 gegen die sogenannten "Diebe im Gesetz" eröffnet wurde. Eine Oberstaatsanwältin aus Hannover und ihre Kollegen haben acht Jahre lang gegen diese Gruppierung ermittelt. Am Anfang schien klar, dass hier sechs Männer einer russisch-georgischen Mafia angeklagt sind, die auch in Deutschland bestimmte Gebiete kontrolliert. Aber inzwischen ist nicht einmal mehr klar, was ein Loch ist.

Banden- und gewerbsmäßiger Betrug wird den Angeklagten vorgeworfen, Urkundenfälschung, Bildung einer kriminellen Vereinigung. Aber es geht um viel mehr, um einen Global Player des organisierten Verbrechens. Wer erfahren will, warum die Zahl der Diebstähle und Einbrüche in Deutschland sprunghaft gestiegen ist, wieso Tatverdächtige aus Georgien erstaunlich oft die Drahtzieher sein sollen, aber selten gefasst werden, sollte sich Organisationen wie die "Diebe im Gesetz" anschauen.

Die "Diebe im Gesetz", wie sie sich selbst nennen, sind eine geschlossene Gesellschaft, die während der Stalin-Zeit in sowjetischen Gefangenenlagern entstand, damals gegen die Herrschenden agierte und sich im Untergrund organisierte. Als "illegitimes Kind des kriminellen sowjetischen Systems" bezeichnete sie der Politologe Paul Erich Roth.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016.

Von Beginn an gaben sich die Diebe einen Ehrenkodex. Du darfst niemals von ehrlicher Arbeit leben. So lautet eines der Gebote. Du darfst die eigene Organisation niemals verleugnen. Du darfst schweigen, wenn Polizisten dich verhören. Du darfst aber niemals deine Zugehörigkeit bestreiten. Noch heute werden die "Diebe im Gesetz" von Jugendlichen in Georgien und Russland bewundert. Manche der Bosse werden wie Popstars gefeiert. Ihnen zu Ehren werden Theaterstücke aufgeführt und Lieder angestimmt.

Der Mann, der heute als Hauptangeklagter vor dem Lüneburger Gericht steht, wurde im März 2007 vom russischen Amt für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität während einer vorübergehenden Festnahme in Moskau gefilmt. Auf dem Video steht er mit nacktem Oberkörper da und beantwortet Fragen. Er hat sich ein Handtuch um die Hüfte gebunden, und man sieht Tätowierungen auf seiner Brust, zwei Engel und ein Kreuz, Symbole von gekrönten "Dieben im Gesetz". Er wird gefragt, ob er ein "Dieb im Gesetz" sei, und er antwortet: "Da." Ja. Seit wann? Seit 1975, erwidert er. Er hat einen Spitznamen, Coco (Name geändert). Als er vor 59 Jahren in einem Dorf in Abchasien geboren wurde, gehörte dieses Land noch zur Sowjetunion. Inzwischen zählt es zu Georgien.

Als Coco das erste Mal in den Lüneburger Gerichtssaal geführt wird, muss er aus Sicherheitsgründen einen eigenen Eingang benutzen. An den Händen und Füßen ist er gefesselt. Im Gefängnis von Celle sitzt er in Einzelhaft. Er darf nicht mit anderen Häftlingen gemeinsam den Hof betreten, er darf im Knast auch nicht arbeiten, keinen Sport treiben. Er soll isoliert bleiben. Er gilt als Kopf einer Bande, die nach Meinung der Staatsanwaltschaft gefährlich ist.

Apfelsinen aus Ägypten

Die Geschäftsidee dieser Diebe hat der ehemalige Chef des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, so formuliert: "das kriminelle Kaufhaus". Fast alles könne man dort erwerben. Im Erdgeschoss stünden die Grabbeltische – massenhaft Angebote für Ladendiebstähle und Wohnungseinbrüche. Im ersten Geschoss die Waren für die besseren Kunden, Betrug und Bestechung, Sozialbetrug mithilfe russischer Pflegedienste in Deutschland zum Beispiel. Ganz oben im Kaufhaus, im Luxussortiment, würden ein paar ausgesuchte Gewaltdelikte angeboten. Hin und wieder, sehr selten, schwimmt eine Leiche in einem See, aber man kann nur vermuten, dass die "Diebe im Gesetz" dahinterstecken.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben die "Diebe im Gesetz" den Weltmarkt entdeckt. Sie haben sich der Globalisierung unterworfen und sie sich zunutze gemacht. Interpol schätzt das Vermögen der "Diebe im Gesetz" auf weltweit 100 Milliarden Dollar. Ein Land begeistert die Diebe besonders. Es ist sehr wohlhabend, man kann unkompliziert einreisen, leicht Beute wegschaffen, und die Fahnder sind überlastet – Deutschland.

Auf dem Platz vor dem Gerichtsgebäude in Lüneburg patrouillieren Polizisten mit gepanzerten Schutzwesten und Maschinenpistolen, als Coco im Februar 2015 dort eintrifft. Sicherheitsschleusen wurden installiert, eine Panzerglasscheibe wurde vor den Bänken der Zuschauer montiert. Die Fenster sind abgedunkelt. Am Rande des Saals stehen 18 bewaffnete Polizisten – für den Fall, dass rivalisierende Banden versuchen sollten, Coco oder einen der anderen Angeklagten hinzurichten. Oder falls Cocos Verbündete auf die Idee kommen, ihn zu befreien. Möglich ist auch, dass Komplizen ihn töten wollen, falls er sich zu unliebsamen Aussagen hinreißen lassen sollte. Aber er wird sich nicht zu den Vorwürfen äußern, an keinem Tag des Prozesses, und keiner der anderen Angeklagten wird davon abweichen.

So sitzen sie reglos da, sechs schweigende Männer im fortgeschrittenen Alter, eingerahmt von sechs Dolmetschern und zwölf Verteidigern. Auch eine Ärztin ist im Saal. Einer von Cocos Verteidigern erklärt, sein Mandant habe seit der Autofahrt nach Lüneburg "Taubheitsgefühle an den Füßen" und schmerzhafte Stellen an den Händen. Die Verhandlung wird unterbrochen. Im Massageraum des Justizgebäudes untersucht die Ärztin den Angeklagten Coco. Sie kann weder Schwellungen noch Rötungen feststellen und misst den Blutdruck. 155 zu 90. Unbedenklich. Sie bietet ihm ein Schmerzmittel an, aber er lehnt ab.

Was ist das nur für eine seltsame Bande? So, wie diese Männer vor den Richtern hocken, mit gebeugten Schultern und erschöpften Blicken, könnten sie die Delegation einer walisischen Bergarbeitergewerkschaft sein. Alles an ihnen erscheint hoffnungslos altmodisch, die Seitenscheitel, die abgetragenen Pullover mit den Ärmelschonern, die klobigen Brillen, die viel zu blauen Bluejeans. Jede Datei muss man ihnen auf Papier ausdrucken. Angeblich kann Coco keinen Computer bedienen.

Nach Meinung der deutschen Ankläger ist Coco der Nachfolger des Georgiers Tamazi Pipiya, der einer von weltweit etwa 1.000 "Dieben im Gesetz" war, die an der Spitze der Organisation stehen. Schon Pipiya, der seit einem Autounfall querschnittsgelähmt war, im Juni 2012 in Freiburg einem Krebsleiden erlag und dessen Leichnam in Moskau feierlich beigesetzt wurde, waren die deutschen Ermittler jahrelang auf der Spur. Sie gehen davon aus, dass Pipiya schließlich Coco eingeführt habe, der auf einer Versammlung der Diebe gekrönt worden sei.

Die Staatsanwältin hält Coco für den Rädelsführer der norddeutschen Diebesgruppe. Von 2009 bis 2014 habe die Bande ihr Betrugssystem installiert, eine Scheinfirma in Niedersachsen gegründet, Gabelstapler und Leasingautos nicht bezahlt, sich in Containern Zwiebeln aus Spanien und Apfelsinen aus Ägypten liefern lassen, doch die Rechnungen nicht beglichen. Apfelsinen aus Ägypten? Und dafür stehen hier 18 bewaffnete Polizisten? Ist das ein Witz?

Coco selbst habe niemanden betrogen, er habe in einem Hotel in Hannover gesessen und viel telefoniert. Die Aktivitäten der Handlanger im norddeutschen Raum habe er koordiniert. Er galt als Problemlöser. Geschäfte mit Apfelsinen aus Ägypten? Deswegen der ganze Aufwand?

Die "Diebe im Gesetz" sind für Außenstehende schwer zu durchschauen. Die Organisation ist längst nicht mehr so hierarchisch und übersichtlich gegliedert, wie sie es früher einmal war. Sie ist – wie viele erfolgreiche Unternehmen auf internationalen Märkten – beweglicher geworden, stärker verzweigt, widersprüchlicher.

Sehr wenige Kriminalbeamte in Deutschland haben sich mit den "Dieben im Gesetz" intensiv beschäftigt. Mario Huber, Leiter des Sachgebiets Organisierte Kriminalität im Bayerischen Landeskriminalamt, tut es seit acht Jahren, und er sagt: "Kein Georgier, der in Deutschland stehlen geht, macht dies auf eigene Rechnung. Es beginnt schon in deutschen Erstaufnahme-Einrichtungen für Asylbewerber. Da steht plötzlich der Statthalter eines 'Diebes im Gesetz' vor der Tür und muss nicht viele Worte verlieren. Er muss nur sagen: Ich bin derjenige, der für den obschak kassiert." In einen obschak wird eingezahlt, der obschak ist die Kasse der Organisation. Aus den Erlösen werden manchmal auch Rechtsanwälte, Unterstützung für Familienmitglieder von Inhaftierten und Schadensersatz für verlorene Körperteile finanziert.

"Das Gefängnis ist ihre Heimat"

Wer Geld für den obschak braucht, muss es sich schnell beschaffen, meist durch Diebstähle. Lastwagen voller Rasierklingen werden nach Osteuropa geschafft, sagt Huber, Zigarettenstangen, Kosmetika, alles. An die einfachen Diebe, die Handlanger, würden spezielle Klaubeutel verteilt, in denen sich die gestohlenen Waren verstauen lassen. Die Tagesabläufe mancher Diebe seien so klar geregelt wie die Bürozeiten von Beamten. Wer morgens nicht pünktlich zum Stehlen antrete, dem werde das Honorar gekürzt.

Weil die Täter wüssten, dass die deutsche Polizei bei unspektakulären Verbrechen keine Großfahndung beginne, hätten sie oft leichtes Spiel. Von 500 Euro Schaden pro Tag und Täter geht die Kripo aus. Das Prinzip sei: Viel Kleinvieh macht besonders viel Mist. Mario Huber sagt: "Die organisierte Kriminalität ist an der Haustür angekommen. Dahinter vermutet niemand ein System."

Fahnder zeichnen gern eine Pyramide, wenn sie das System beschreiben wollten. Oben stehen die sogenannten Autoritäten, die eigentlichen "Diebe im Gesetz", die Könige der Diebe. Sie werden bei Diebesversammlungen in Russland oder der Türkei von anderen Dieben nach überlieferten Regeln feierlich gekrönt. Auf der zweiten Hierarchieebene bewegen sich die Statthalter und Vollstrecker, mächtige Männer fürs Grobe. Darunter die Brigadeführer als regionale Befehlshaber. Ganz unten die Diebesbanden, Truppen von bis zu hundert Soldaten. Auch sogenannte Blitzableiter sind dabei, die Verbrechen anderer auf sich nehmen. In Gefängnissen, auch in Deutschland, verändert sich die Hierarchie der Diebe leicht, das Prinzip aber bleibt ähnlich. Nur die Unterschicht ist dort eine andere. Dazu zählen sogenannte Böcke, Hähnchen und Ferkel, gedemütigte Mitglieder, ehemalige Polizisten – die Entrechteten.

Die Ordnung in Gefängnissen ist mindestens so wichtig wie die Ordnung draußen. In Gefängnissen werden die Regeln gemacht. Den Gulags der Stalin-Zeit entstammt die Gruppierung. "Deswegen fürchten diese Leute nicht das Gefängnis", sagt der Kripo-Mann Huber, "es ist ihre Heimat."

Und doch wendet sich der kriminelle Kapitalismus von Traditionen ab. Die Vollstrecker residieren mit einem Mal in modernen Metropolen wie Dubai. Die Diebe sind außerdem zerstritten. In der Sprache der Ermittler gibt es den Tiflis-Clan und den Kutaissi-Clan, benannt nach Städten in Georgien. Und es gibt das Moskau-Center, dem der "Dieb im Gesetz" Alexander Bor angehörte. Er brachte in München einen Paten aus der Unterwelt um, setzte während seines Gerichtsprozesses ein Kopfgeld auf die Staatsanwältin sowie einen Ermittler aus und saß jahrelang in bayerischen Gefängnissen. Dort stieg er zu einem Anführer auf, ordnete Hungerstreiks und Revolten von Häftlingen an. Nach seiner Freilassung wurde er im Jahr 2014 von Rivalen in Moskau erschossen, nachdem er es gewagt hatte, während eines bekannt gewordenen Polizeiverhörs die "Diebe im Gesetz" zu verleugnen.

Eine zentrale Rolle spielte Ded Hasan, das sogenannte Großväterchen Hasan, ein bulliger Pate, seit einer Ewigkeit der unangefochtene Anführer des Tiflis-Clans. Im Jahr 2013 wurde er von einem Scharfschützen in Moskau hingerichtet. So erging es 2010 schon einem der weltweit wichtigsten "Diebe im Gesetz", einem Mann mongolischer Abstammung, der wegen der Form seiner Augen den Spitznamen Japontschik trug, der kleine Japaner. Auch er: tot. Seit all den Attentaten ist die Lage verworren. Wer hat heute noch das Sagen?

Es gibt Dependancen in Tschechien, Russland, Spanien, den USA, in der Türkei, in arabischen Ländern, besondere viele in Griechenland. Diebe, die sich aus Russland absetzen müssen, bekommen in Griechenland sehr schnell einen neuen Pass und damit ein neues Leben.

Im Juli 2014 wurde Coco in Griechenland verhaftet und im Januar 2015 nach Deutschland ausgeliefert. Fotos zeigen ihn zusammen mit neun Freunden auf der Terrasse eines Istanbuler Hotels, das war im August 2013. Coco war umringt von Männern, die Spitznamen tragen wie Guli, Schlafmütze oder der Aufgedunsene. Einige solcher Bilder schaffen es auf die russische Website primecrime, einen aktuellen Veranstaltungskalender für "Diebe im Gesetz", eine Art Gala der Unterwelt. Über Hochzeiten und Geburtstage, Festnahmen und Freilassungen wird dort informiert, mit Fotoreportagen und Videos. Man kann sich durch die aufregendsten Verhöre in Russland klicken oder durch die spannendsten Obduktionen. Man erfährt, dass manch ehemaliger "Dieb im Gesetz" heute Schweine züchtet, dass die meisten Anführer der Diebe Georgier sind, gefolgt von Russen, Armeniern und Jesiden. Aber offen bleibt die Frage: Hat Coco Verbrechen begangen?

Im Mai dieses Jahres, als der Gerichtsprozess in Lüneburg auf seinen 100. Verhandlungstag zusteuert, ist noch immer kein Beweis erbracht, dass Coco eine kriminelle Bande anführte. Wo ist das Dokument, das ihn als Rädelsführer ausweist? Wo die entscheidende Zeugenaussage? Das Gericht ist dem Programm der Ankläger gefolgt und hat Zeugen geladen, die nach Ansicht der Ermittler im Milieu der "Diebe im Gesetz" zu Hause sind. Aber diese Zeugen haben die Aussage verweigert. Oder sie erinnern sich ungenau.

Spekulant, Hehler oder Dealer?

Die Strafkammer hat sich durch zahllose Aufnahmen von Telefonüberwachungen gekämpft, die Fundamente der Anklage. Die Qualität der Bänder ist oft miserabel, die Anrufer sprachen meist Russisch, regelmäßig tragen sie Spitznamen, und die wenigen verwertbaren Inhalte sind so vieldeutig wie das Loch. Aus tausend ausgefransten Stücken soll das Gericht ein Eine-Million-Teile-Puzzle zusammensetzen. Wie soll das gelingen? TKÜ, Telekommunikationsüberwachung, das könnte die Überschrift dieses Verfahrens sein. Was bedeutet es, wenn ein verdächtiger Anrufer ein "Thema bearbeiten" will? Ist das die Ankündigung einer Straftat? Sicher nicht. Gut möglich, dass die achtjährige Ermittlungsarbeit am Ende nichts weiter als einen wüsten Berg aufwendig diskutierter Dateien hinterlassen wird, die zwar ein paar Betrügereien beweisen, aber Coco nichts anhaben können. Er trägt schon lange keine Fesseln mehr. Morgens spaziert er durch die Fußgängerzone in Lüneburg, setzt sich im Gerichtssaal auf seinen Stuhl, nachmittags läuft er heim. Er wurde im Februar dieses Jahres aus dem Gefängnis entlassen. Jetzt ist er draußen. Man musste verhindern, dass die zu erwartende Strafe die Dauer seiner 19-monatigen Untersuchungshaft übersteigen könnte. Coco ist nicht vorbestraft, bei einer Verurteilung wäre er Ersttäter, das würde seine Strafe mildern.

Die Staatsanwältin hat schon erklärt, dass es ihr nicht mehr auf Einzelstrafen ankomme, sondern auf die Gesamtstrafe. Der Vorsitzende Richter hat mit Verteidigern sogenannte Verständigungsgespräche über einen Deal geführt: Geständnisse gegen Strafrabatte. Aber die Angeklagten schweigen. Bei zwei Angeklagten hat der Richter das Angebot erneuert. Coco, dem zweieinhalb bis drei Jahre Haft in Aussicht gestellt wurden, bricht sein Schweigen aber nicht.

Nur noch fünf Polizisten sind im Gerichtssaal. Müde hängen sie auf ihren Stühlen. Die Panzerglasscheibe ist noch da, aber kein Zuschauer sitzt mehr dahinter. Das Gericht hat Verhandlungstermine bis zum Dezember 2017 festgesetzt, die Honorare der Übersetzer wurden neu besprochen. Was heißt dieses russische Wort, heißt es Spekulant, Hehler oder Dealer? Das Murmeln der Dolmetscher wird zum Dauergeräusch des Verfahrens, und einer der Angeklagten fragt seinen Verteidiger jedes Mal: "Wann ist das hier endlich zu Ende?" Einer der Verteidiger nennt den Prozess "das Lüneburger Millionengrab".

Je erschöpfter die Gesichter der Richter und Schöffen wirken, desto mehr bessert sich die Laune des Angeklagten Coco. Manchmal scherzt er mit seinen Verteidigern. Er hat sich eine Wohnung gesucht, und wären da nicht die lästigen Termine im Landgericht, könnte man denken, ein sorgloser Frührentner genieße seinen Lebensabend in der hübschen Kleinstadt Lüneburg. Wer jedoch allein lebt, der kocht für sich nicht gern. So geht Coco öfter in die Kantine des Landgerichts und speist dort gemeinsam mit Richtern und Staatsanwälten.

Am Montag vergangener Woche, dem letzten Verhandlungstag vor der Sommerpause, bietet die Kantine Frikadellen und Spaghetti an, aber Coco will lieber nach draußen. Auf dem Platz vor dem Gerichtsgebäude, wo früher ein Polizist mit einer Maschinenpistole stand, steckt sich Coco eine Zigarette an. Er winkt einen anderen Angeklagten herbei, legt seinen Arm freundschaftlich um dessen Schulter und lächelt erleichtert in die Sonne.