Wer Geld für den obschak braucht, muss es sich schnell beschaffen, meist durch Diebstähle. Lastwagen voller Rasierklingen werden nach Osteuropa geschafft, sagt Huber, Zigarettenstangen, Kosmetika, alles. An die einfachen Diebe, die Handlanger, würden spezielle Klaubeutel verteilt, in denen sich die gestohlenen Waren verstauen lassen. Die Tagesabläufe mancher Diebe seien so klar geregelt wie die Bürozeiten von Beamten. Wer morgens nicht pünktlich zum Stehlen antrete, dem werde das Honorar gekürzt.

Weil die Täter wüssten, dass die deutsche Polizei bei unspektakulären Verbrechen keine Großfahndung beginne, hätten sie oft leichtes Spiel. Von 500 Euro Schaden pro Tag und Täter geht die Kripo aus. Das Prinzip sei: Viel Kleinvieh macht besonders viel Mist. Mario Huber sagt: "Die organisierte Kriminalität ist an der Haustür angekommen. Dahinter vermutet niemand ein System."

Fahnder zeichnen gern eine Pyramide, wenn sie das System beschreiben wollten. Oben stehen die sogenannten Autoritäten, die eigentlichen "Diebe im Gesetz", die Könige der Diebe. Sie werden bei Diebesversammlungen in Russland oder der Türkei von anderen Dieben nach überlieferten Regeln feierlich gekrönt. Auf der zweiten Hierarchieebene bewegen sich die Statthalter und Vollstrecker, mächtige Männer fürs Grobe. Darunter die Brigadeführer als regionale Befehlshaber. Ganz unten die Diebesbanden, Truppen von bis zu hundert Soldaten. Auch sogenannte Blitzableiter sind dabei, die Verbrechen anderer auf sich nehmen. In Gefängnissen, auch in Deutschland, verändert sich die Hierarchie der Diebe leicht, das Prinzip aber bleibt ähnlich. Nur die Unterschicht ist dort eine andere. Dazu zählen sogenannte Böcke, Hähnchen und Ferkel, gedemütigte Mitglieder, ehemalige Polizisten – die Entrechteten.

Die Ordnung in Gefängnissen ist mindestens so wichtig wie die Ordnung draußen. In Gefängnissen werden die Regeln gemacht. Den Gulags der Stalin-Zeit entstammt die Gruppierung. "Deswegen fürchten diese Leute nicht das Gefängnis", sagt der Kripo-Mann Huber, "es ist ihre Heimat."

Und doch wendet sich der kriminelle Kapitalismus von Traditionen ab. Die Vollstrecker residieren mit einem Mal in modernen Metropolen wie Dubai. Die Diebe sind außerdem zerstritten. In der Sprache der Ermittler gibt es den Tiflis-Clan und den Kutaissi-Clan, benannt nach Städten in Georgien. Und es gibt das Moskau-Center, dem der "Dieb im Gesetz" Alexander Bor angehörte. Er brachte in München einen Paten aus der Unterwelt um, setzte während seines Gerichtsprozesses ein Kopfgeld auf die Staatsanwältin sowie einen Ermittler aus und saß jahrelang in bayerischen Gefängnissen. Dort stieg er zu einem Anführer auf, ordnete Hungerstreiks und Revolten von Häftlingen an. Nach seiner Freilassung wurde er im Jahr 2014 von Rivalen in Moskau erschossen, nachdem er es gewagt hatte, während eines bekannt gewordenen Polizeiverhörs die "Diebe im Gesetz" zu verleugnen.

Eine zentrale Rolle spielte Ded Hasan, das sogenannte Großväterchen Hasan, ein bulliger Pate, seit einer Ewigkeit der unangefochtene Anführer des Tiflis-Clans. Im Jahr 2013 wurde er von einem Scharfschützen in Moskau hingerichtet. So erging es 2010 schon einem der weltweit wichtigsten "Diebe im Gesetz", einem Mann mongolischer Abstammung, der wegen der Form seiner Augen den Spitznamen Japontschik trug, der kleine Japaner. Auch er: tot. Seit all den Attentaten ist die Lage verworren. Wer hat heute noch das Sagen?

Es gibt Dependancen in Tschechien, Russland, Spanien, den USA, in der Türkei, in arabischen Ländern, besondere viele in Griechenland. Diebe, die sich aus Russland absetzen müssen, bekommen in Griechenland sehr schnell einen neuen Pass und damit ein neues Leben.

Im Juli 2014 wurde Coco in Griechenland verhaftet und im Januar 2015 nach Deutschland ausgeliefert. Fotos zeigen ihn zusammen mit neun Freunden auf der Terrasse eines Istanbuler Hotels, das war im August 2013. Coco war umringt von Männern, die Spitznamen tragen wie Guli, Schlafmütze oder der Aufgedunsene. Einige solcher Bilder schaffen es auf die russische Website primecrime, einen aktuellen Veranstaltungskalender für "Diebe im Gesetz", eine Art Gala der Unterwelt. Über Hochzeiten und Geburtstage, Festnahmen und Freilassungen wird dort informiert, mit Fotoreportagen und Videos. Man kann sich durch die aufregendsten Verhöre in Russland klicken oder durch die spannendsten Obduktionen. Man erfährt, dass manch ehemaliger "Dieb im Gesetz" heute Schweine züchtet, dass die meisten Anführer der Diebe Georgier sind, gefolgt von Russen, Armeniern und Jesiden. Aber offen bleibt die Frage: Hat Coco Verbrechen begangen?

Im Mai dieses Jahres, als der Gerichtsprozess in Lüneburg auf seinen 100. Verhandlungstag zusteuert, ist noch immer kein Beweis erbracht, dass Coco eine kriminelle Bande anführte. Wo ist das Dokument, das ihn als Rädelsführer ausweist? Wo die entscheidende Zeugenaussage? Das Gericht ist dem Programm der Ankläger gefolgt und hat Zeugen geladen, die nach Ansicht der Ermittler im Milieu der "Diebe im Gesetz" zu Hause sind. Aber diese Zeugen haben die Aussage verweigert. Oder sie erinnern sich ungenau.