Die Waggons der Wiener U-Bahn sind berüchtigt dafür, dass sie häufig zugemüllt sind mit bunt bedrucktem Zeitungspapier. Schuld daran ist der hemmungslose Konkurrenzkampf der Gratiszeitungen, deren Entnahmeboxen überall an den Abgängen zu den Bahnsteigen auf potenzielle Leser lauern. Allein der Marktführer Heute, an dem sich nun das Zürcher Medienhaus Tamedia zu 25,5 Prozent beteiligt hat, bringt täglich knapp 650.000 Exemplare unter die Fahrgäste.

Mit seinem Mix aus schreierischen Schlagzeilen und leicht verdaulichem Häppchenjournalismus ist das 2004 gegründete Blatt die große Erfolgsgeschichte auf dem österreichischen Medienmarkt. Obwohl die Postille in letzter Zeit mit einigen Rückgängen zu kämpfen hatte, verfügt sie mit zuletzt 32,2 Prozent weiterhin über die größte Reichweite in der Bundeshauptstadt und erwirtschaftet satte Gewinne.

Hauptverantwortlich dafür, dass die Millionen auch mitten in der großen Krise der gedruckten Zeitungen nach wie vor sprudeln, ist die österreichische Politik. Ministerien, staatsnahe Unternehmen und insbesondere die von Sozialdemokraten dominierte Stadt Wien alimentieren großzügig Heute und die beiden anderen großen Boulevardgazetten, die Kronen Zeitung und Österreich , und versuchen, sich so das publizistische Wohlwollen der Massenblätter zu erkaufen. Das Recherchenetzwerk Dossier will errechnet haben, dass allein aus dem roten Wiener Rathaus in den ersten zehn Jahren von Heute insgesamt 45 Millionen Franken in das seichte Printprodukt geflossen seien.

Dieser politisch-wirtschaftlichen Symbiose ist es äußerst zuträglich, dass die Zeitungsleute eng mit den kommunalen Strukturen verzahnt sind. Bis heute ist nicht restlos geklärt, wer letztlich hinter der Gründung des Gratisblattes stand. Beteiligt an dem unübersichtlichen Gewirr von Stiftungen und Beteiligungen waren jedenfalls eng mit den Genossen verbrüderte Wirtschaftstreuhänder und Steuerberater. Ein langjähriger Weggefährte des damaligen Leiters des Wiener Wohnbaudepartements und späteren Bundeskanzlers Werner Faymann fungierte als Gründungsgeschäftsführer und leitet noch immer den Verlag.

"Um ihre Macht abzusichern, kaufen sich Politiker in die Medien ein", beichtete kürzlich der ehemalige Heute -Chefredakteur Wolfgang Ainetter, der heute bei der Bild Zeitungy beschäftigt ist, in einem Erinnerungstext an seine Wiener Zeit: "Jahr für Jahr gibt die öffentliche Hand mehr als 200 Millionen Euro für Inserate und Werbung aus." Als Ainetter einmal die Etikette der Hofberichterstattung verletzte und eine peinliche Leserbrief-Affäre der SPÖ in seinem Tralala-Blättchen thematisierte, habe ihn Herausgeberin Eva Dichand angeheischt: "Ich verbiete Ihnen kritischen Journalismus." Natürlich will die kühle Chefin nie eine derartige Stallorder ausgegeben haben. Kurz nach dem Zwischenfall verließ der Blattmacher jedenfalls seine Wirkungsstätte.

Der Wiener Boulevard, auf den sich Tamedia jetzt gewagt hat, ist ein raues Pflaster, wo unentwegt um politischen Einfluss ebenso gefeilscht wird wie um lukrative Anzeigenaufträge. Heute nimmt dort einen besonderen Kristallisationspunkt ein. Herausgeberin Dichand ist mit dem Zeitungserben und Chef der Kronen Zeitung, Christoph Dichand, verheiratet, und ihr verstorbener Schwiegervater Hans, ein väterlicher Freund des Politikers Faymann, hatte einst selbst eine Gratiszeitung auf den Markt geworfen. Wegen des Widerstandes seiner deutschen Geschäftspartner musste er das Blatt aber bald wieder einstellen.

Noch immer sind daher die Vermutungen nicht aus der Welt, bei der Gründung des Gefälligkeitjournals Heute hätten nicht nur die Genossen, sondern habe auch der eigenwillige Zeitungszar Dichand seine Finger im Spiel gehabt.

Die goldenen Zeiten für Boulevardpostillen dürften nun aber weitgehend vorüber sein. Kanzler Faymann, der arlecchino der gekauften Meinung, musste vor zwei Monaten nach einer parteiinternen Revolte den Hut nehmen, sein Nachfolger schielt weit weniger nach wohlfeilen Medien-Deals, eine Reihe neuer Gesetze schränkt den politischen Ablasshandel staatlicher Organe beträchtlich ein, und auch Wien muss auf Druck der Grünen in der Stadtregierung seinen Werbeetat empfindlich kürzen. Für die Recken vom Boulevard werden bei sinkenden Ressourcen die Verteilungskämpfe nun um einiges ruppiger werden. Mehr als fraglich scheint es allerdings, ob das Geschäftsmodell einer politischen Günstlingswirtschaft, wie es Heute perfektioniert hat, auf lange Sicht von Bestand sein wird.