Als ich mit zehn Jahren aus Prag nach Deutschland kam, wusste ich leider schon, wie gefährlich das Leben sein konnte. Die Bolschewiken hatten in der Sowjetunion meinen Großvater umgebracht, sie hatten in Prag meinen Onkel für Jahre ins Gefängnis gesteckt, sie hatten meinem Vater verboten, zu studieren, und dann waren sie auch noch im Sommer 1968 mit ihren Soldaten, Politoffizieren und Panzerdivisionen in die Tschechoslowakei einmarschiert, weil sie von Dubček, Havel und den dekadenten Filmen des Prager Barrandov-Studios genug hatten.

Ja, ich war wirklich sehr froh, in Deutschland zu sein, auf der anderen, der sicheren Seite der Stalin-Breschnew-Linie, hier würde mir bestimmt so schnell nichts passieren. Nur eine Sache wunderte mich und ging mir bald auf die Nerven: Fast keiner von denen, die ich hier in der Schule und an der Universität traf, hatte eine Ahnung davon, wie gefährlich das Leben sein konnte, wie dünn die Zivilisations- und Demokratieschicht war, auf der sich die Bewohner von US-Europa seit 1945 bewegten, wie schnell aus Freiheit Diktatur werden konnte, wenn es ein charismatischer Massensadist und angeblicher Menschheitsretter unbedingt wollte.

Und schon gar nicht wussten meine von Brandt, Schmidt und Kohl verwöhnten Mitschüler und Kommilitonen, dass in der zweiten, besseren Hälfte des 20. Jahrhunderts der Kommunismus und alles, was sie dafür hielten, der größte Feind ihres süßen und freien Westlebens war. Im Gegenteil, sie liebten ihn, in allen seinen vulgären, oberflächlichen Varianten und Variationen, auf einmal gab es in Deutschland mehr K-Gruppen als Brotsorten, und die kommende Revolution sollte der ganz reale Horrorfilm sein, von dem sie sich maximalen Pubertäts-Thrill versprachen. Kommunismus – egal ob als müder, moskautreuer Bolschewismus-Aufguss, als schmutzige maoistische Kulturrevolutions-Fantasie oder als jesuitische MG-Sophistik – war vor allem aber die Superpower-Ideologie, die sie fürs Erwachsenwerden brauchten. Mit ungelesenen Marx-Bänden im Bücherregal, mit simplifizierenden Nieder-mit-dem-Bösen-Dogmen in den Köpfen und wirren Alles-wird-gut-Idealen in den Herzen fühlten sie sich überhaupt erst stark genug, Nein zu sagen, wenn ihre wilhelminisch strengen SPD-, CDU- und Ex-NSDAP-Eltern von ihnen verlangten, dass sie endlich mal wieder zum Friseur gingen, mit 18 eine der damals üblichen drei Staatsparteien wählten und den 12-Uhr-Sonntagsbraten ganz aufaßen. Sie waren links, damit sie nicht rechts sein mussten, und weil so viele andere aus ihrer Generation auch links waren, konnten sie sich gemeinsam vor den reaktionären Erwachsenen etwas weniger fürchten.

Sahra Wagenknecht © Peter M. Hoffmann für DIE ZEIT

Wie seltsam, naiv und unreif die Westjugend war, wurde mir besonders an diesem warmen, grauen Hamburger Tag im Frühling oder Sommer 1972 klar, an dem vier Hamburger Polizisten unseren jungen kommunistischen Sozialkundelehrer an den Armen und Beinen aus der Klasse raustrugen, weil kurz vorher die sozialliberale Brandt-Regierung in einem Anfall machiavellistischer Klarsicht beschlossen hatte, dass Leute, die den Staat abschaffen wollten, der sie bezahlte, keine Beamten mehr sein durften. Die halbe Schule war wütend, die meisten Schüler und auch einige Referendare hatten sich zuerst sogar schützend vor den kleinen, bärtigen und plötzlich sehr verschreckten Mann gestellt, aber dann gingen sie zur Seite und skandierten: "Polizei, SA, SS! Polizei, SA, SS!" Ich skandierte natürlich nicht mit. Ich konnte unseren Sozialkundelehrer nicht ausstehen, ich fand, er hatte es nicht anders verdient. Er wollte, dass wir Vietcong-Schriften auswendig lernten und erklärten, was wir aus ihnen für den BRD-Klassenkampf lernen könnten, er war so autoritär wie Kaiser Wilhelm, er hatte keinen Humor, und wenn ihm jemand widersprach, fing er an zu schreien. Schade, dachte ich, dass nicht vier Jahre vorher ein paar nette westdeutsche Polizisten gekommen waren und alle sowjetischen Soldaten aus der ČSSR an allen vieren rausgetragen hatten.

Ungefähr zehn Jahre später war dann plötzlich alles ganz anders, es war besser, schöner, leichter, undogmatischer, freier und internationaler. Die Leute, die ich jetzt traf, in den Cafés, Bars und Diskotheken von München, redeten nicht mehr über Marx, Mao und Adorno, sondern über Depeche Mode, Vivienne Westwood, Andy Warhol und Hunter S. Thompson. Die Jungs schnitten sich die Haare ab, die Mädchen rasierten sich die Beine und die Achseln, und jeder Zweite hatte Freunde in New York und wollte sie dort bald besuchen.

Die Dauerparty der frühen und mittleren achtziger Jahre, dachten damals viele und sagen manche bis heute, sei nicht mehr als ein ästhetizistisches Spiel gewesen, gedankenlose, harmlose Anything goes-Dekadenz und die Lust an Jacketts, deren Schultern so breit waren wie die echten Schultern von Arnold Schwarzenegger. In Wahrheit war es aber etwas sehr Tiefes, Politisches, Essenzielles. Es war – für viele – die gut durchdachte und noch besser gelaunte Reaktion auf das düstere, apodiktische, linke, unintelligente Jahrzehnt davor, es war ein Nein, das jetzt nicht den Eltern, sondern der vorherigen Jugendgeneration entgegengeschleudert wurde, den ehemaligen Sozialkundelehrern, den heuchlerischen stern-Redakteuren und neuen Grünen, es war ein Arschtritt für jeden, der glaubte, das Leben bestehe nur aus politischen und moralischen Direktiven, weshalb er beim Sex mit seiner hässlichen Hippiefreundin statt an Kim Basinger an Petra Kelly dachte. Und oft war es auch die Wiederentdeckung der eigenen Jugend, die man so lange unter den ungelesenen, unverstandenen Bändchen der edition suhrkamp begraben hatte.

Die meisten sagten Pop dazu – ein Wort, das mich bald aufregte, denn wenn Leute wie Diedrich Diederichsen oder Kid P. es benutzten, klang es bloß wieder wie die allerneueste altpubertäre Kommunistenlehre. Mir war zunächst aber egal, wie das, was wir damals dachten und machten, genannt wurde. Ich war einfach nur froh, dass der Westen, in dem ich lebte, immer freier, liberaler und offener zu werden schien, also genau so, wie es mir meine Eltern und ihre tschechischen, polnischen und russischen Emigrantenfreunde versprochen hatten. Und je mehr Artikel ich über die Alt-68er und ihre Kinder schrieb – ich lebte inzwischen vom Schreiben –, desto klarer wurde mir, was mich an ihnen schon immer gestört hatte: Sie waren auch nicht viel besser als ihre Todfeinde, die echten und die eingebildeten Nazis, nur dass an ihren Händen meist kein Blut klebte. Sie fürchteten sich wie ihre Eltern und Großeltern vor Amerikas Vielfalt, Liberalität und absoluter Meinungsfreiheit, sie sprachen – in wiedererwachendem Goebbels-Newspeak – von den Machenschaften der "Ostküste", und überhaupt waren die USA aus ihrer Sicht an allem schuld, was auf der Welt nicht funktionierte, während sie zur Sowjetunion ein ähnlich taktisch freundliches Verhältnis hatten wie Deutschland in Zeiten des Hitler-Stalin-Pakts. Dass sie Israel – zum leicht durchschaubaren Zweck der Gewissensentlastung – immer lauter als das neue "Dritte Reich" beschimpften, fand ich sogar noch ziemlich unterhaltsam, weil es so verräterisch und unfreiwillig komisch war wie der Mann, der zum Psychiater kommt und sagt, er habe zwar kein Vaterproblem, trinke aber komischerweise jede Nacht im Traum aus Papas Schädel Margaritas.

Was ich an den Ur-68ern und ihren Siebziger-Jahre-Lehrlingen aber wirklich hasste, waren ihr totalitärer, undemokratischer Idealismus, ihre 110-Dezibel-Besserwisserei, ihre offenbar fast schon genetisch bedingte Unfähigkeit, ein Argument zu analysieren und dann selbst ein Gegenargument zu entwickeln, um so der Lösung eines real existierenden Problems ganz pragmatisch ein wenig näher zu kommen. Die alten und nicht ganz so alten BRD-Linken, die sich allmählich in die von ihnen verachtete kapitalistische Gesellschaft professionell und institutionell hineinfraßen, waren die Sandinisten der freien Welt, und manchmal auch ihre Nordkoreaner. Wer anderer Meinung war als sie, musste darum aus dem Weg geräumt werden, an der Universität, in der Redaktion, sie wollten das Gute, schufen aber immer nur das Böse, und außerdem aßen sie Spaghetti mit Gabel und Löffel.