So landet, wer sich einen Überblick über alle Moscheen in Deutschland verschaffen will, letztlich bei den Verbänden. "Die muslimischen Gemeinden in Deutschland sind in verschiedenen Dachverbänden und Vereinen organisiert", so steht es auf der Website der Deutschen Islam Konferenz. Klingt gut. Diese Verbände müssten doch Listen ihrer Mitglieder haben, die sich addieren lassen. Nach wenigen Telefonaten jedoch steht fest: Auch auf diesem Weg lässt sich keine genaue Zahl finden. Denn anders, als die Website der DIK suggeriert, sind längst nicht alle Moscheen Teil eines Verbandes.

Die Anfragen fördern noch etwas zutage: Argwohn. Unverständnis über die Fragen, ein kaum verhüllter Unwille, sie zu beantworten.

Manche Verbände machen nur ungenaue Angaben. Andere verweisen auf Übersichten, auf denen neben Moscheen auch Kulturvereine und Jugendinitiativen verzeichnet sind. Wieder andere erklären, die Mitgliederlisten könnten im Moment nicht verschickt werden, sie würden gerade überarbeitet, man möge Geduld haben. Nach Wochen des Wartens wird klar: Da kommt keine Liste.

Erst auf wiederholte Nachfragen und vielfache Anrufe gibt es dann andere Erklärungen, warum keine vollständigen Mitgliederlisten herausgegeben werden. Man müsse dafür bitte Verständnis aufbringen, sagt ein Verbandsvertreter unter dem Vorbehalt, unter keinen Umständen zitiert zu werden, denn einige Moscheen seien in der Vergangenheit Opfer von Hassnachrichten oder Ziele von Schweinefleischattacken geworden. Darum wollten sie in der Öffentlichkeit nicht als Moscheen wahrgenommen werden.

Ein anderer Funktionär erklärt, unter den Mitgliedern seines Verbandes befänden sich Moscheen, die vom Verfassungsschutz beobachtet würden. Mit denen wolle man aber nicht in Verbindung gebracht werden. Ein Dritter begründet die fehlende Transparenz damit, dass die Mitgliederliste im Moment nicht ganz der öffentlich wahrgenommenen Bedeutung des Verbandes entspreche. Heißt: Sie sind nicht so groß, wie sie tun. Doch fast alle Verbandsvertreter erklären sich immerhin bereit, ungefähre Angaben zu machen – aber nur mündlich.

Zwischenergebnis: Zählt man die Mitgliederlisten der Verbände zusammen, addiert man die Zahlen, die im Vertrauen genannt werden, und fügt man jene Moscheen hinzu, die keinem Verband angehören (rund 450), ergibt sich die Zahl von ungefähr 2.750 Moscheen in Deutschland.

Zum Vergleich: Es gibt rund 45.000 christliche Kirchen und 130 Synagogen.

Die 2.750 Moscheen sind nur eine Schätzung. Niemand weiß, wie viele es tatsächlich gibt. Es existiert keine vollständige Übersicht, es gibt kein amtliches Verzeichnis, keine Verbandszentrale, bei der sich Muslime anmelden könnten – oder gar müssten –, wenn sie eine Moschee eröffnen. Es gibt keine akademische Forschung, keine Behördenstatistik.

Der Islam mag mittlerweile zu Deutschland gehören, seine Gebetsräume werden oft nur dann wahrgenommen, wenn es Probleme gibt. Zum Teil liegt das an der vagen Definition. "Moschee" ist nicht gleichzusetzen etwa mit dem Begriff der christlichen Kirche. Eine Moschee ist ein Raum, in dem Muslime zusammenkommen, um gemeinsam zu beten. Sie ist für die meisten Muslime kein "heiliger Ort", sondern in erster Linie ein zweckmäßiger. Das tägliche Gebet kann der Gläubige allein praktizieren. Er braucht dafür keine Moschee. Nur wenn er mit anderen und einem Vorbeter, dem Imam, beten möchte, begibt er sich in ein Gebetshaus. Das kann eine weitläufige, mit Kuppeln geschmückte Anlage sein, mit Minarett und plätscherndem Brunnen versehen wie an der Hamburger Außenalster – oder auch nur ein Zimmer in einer Mietwohnung.

Als die ersten türkischen Gastarbeiter in den 1960er Jahren nach Deutschland kamen, hatten sie weder das Geld, große Moscheen zu bauen, noch die Absicht, lange hierzubleiben. Deshalb mieteten sie für ihre gemeinsamen Gebete unbenutzte Lagerhallen, Tiefgaragen oder leer stehende Supermärkte, häufig in billigen Lagen, in Hinterhöfen, Kellern oder Seitengassen. Heute machen die türkischstämmigen Muslime mit 75 Prozent immer noch die größte Gruppe der in Deutschland lebenden Muslime aus, und immer noch sind die meisten ihrer Moscheen an eher unscheinbaren Orten untergebracht.

Sie sind vorwiegend Sunniten. Für die Schiiten hingegen, meist aus dem Iran stammend, gibt es klare Vorgaben: Der Boden, auf dem die Moschee errichtet wird, muss Gott gewidmet werden. Der Gebetsraum gilt als geweiht und darf nur nach vorangegangener Reinigung betreten werden. Aleviten wiederum, von denen mehr als die Hälfte der Auffassung ist, sie seien gar keine Muslime, beten in sogenannten Cemhäusern. Sie verstehen diese Gebäude einfach nur als Räume der Versammlung (Cem); zum gemeinsamen Gebet können sie auch unter freiem Himmel an fast jedem Ort zusammenkommen.