"Er hat mein Land besser gemacht"

Siebeck praktizierte und lehrte die Westbindung

von Joschka Fischer

In Zeiten der AfD und deren Sehnsucht nach der angeblich so guten alten Zeit unserer "Väter und Vorväter" muss man sehr ernsthaft die Frage aufwerfen, ob diese Zeiten tatsächlich so gut waren. Solange das Erinnerungsvermögen funktioniert, kann Alter zur Beantwortung dieser Frage von großem Vorteil sein, denn man hat sie ja noch leibhaftig erlebt. Und zumindest was Essen und Trinken betrifft, was bekanntlich Leib und Seele zusammenhält, waren diese vergangenen Zeiten mitnichten von großer Herrlichkeit.

Kulinarisch betrachtet, war das geteilte deutsche Vaterland durchaus ein Graus, angesiedelt irgendwo zwischen Hawaii-Toast und der allgegenwärtigen Maggi-Würze. Aber Gott sei Dank erkannte Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, dass Schluss sein musste mit dem Schwanken Deutschlands zwischen Ost und West, einer der Hauptursachen für das große Unglück, das die Deutschen zwischen 1871 und 1945 mehrfach über sich selbst und ihre Nachbarn gebracht hatten. Für Adenauer hieß dies: politisch, ökonomisch und kulturell die feste Verankerung Westdeutschlands im Westen und die Aussöhnung mit dem alten "Erbfeind" Frankreich.

Ja, Frankreich! Man kann sich heutzutage kaum mehr vorstellen, wie es damals war, Mitte der sechziger Jahre als junger Deutscher das erste Mal nach Paris zu kommen oder Südfrankreich zu entdecken. Es war ein kulinarisches Schlaraffenland. Selbst wenn die Reisekasse mehr als knapp bemessen war, selbst wenn man vin rouge ordinaire, Baguette, fromage und Salami am Straßenrand verzehrte: Es war eine andere Welt als das karge Vaterland. Und dann und wann in einem Fernfahrerrestaurant (ausgeschildert als "Les Routiers" – je mehr Lastwagen davor zur Mittagszeit parkten, desto vielversprechender!) für kleines Geld steak frites, haricots verts mit Lammkoteletts, Olivenöl und Knoblauch, Schnecken, Krevetten, dazu bisher völlig unbekannte Kräuter und zum Dessert eine crème caramel. Leben wie Gott in Frankreich eben!

Schließlich entdeckten wir in unseren Wohngemeinschaften in Frankfurt auch den Propheten all dieser Köstlichkeiten in deutscher Sprache, der zudem (völlig undeutsch) die Ironie liebte, nicht den Bierernst, und dennoch mit heiligem Zorn und lockerer Feder gegen die kulinarische Wüstenei im Vaterland anschrieb. Es war Wolfram Siebeck! Das ZEITmagazin wurde alsbald zur wöchentlichen Pflichtlektüre, um die man sich wegen Siebecks Kritiken, Kolumnen und Rezepten in der WG donnerstags balgte.

Wolfram Siebeck machte Lust auf gutes Essen, auf die grande cuisine, die sich in den frühen Siebzigern auch langsam in Deutschland auszubreiten begann. Er nahm uns mit seinen Kritiken die Schwellenangst, indem er uns das Maul wässerte und zugleich Wissen vermittelte. Kopf und Bauch kamen bei ihm gleichermaßen zu ihrem Recht! Geld wurde fortan zurückgelegt, sodass man es sich etwa alle drei Monate in einem hervorragenden Restaurant gut gehen lassen konnte. Ja, und einige Male habe ich mich erfolgreich am Weihnachtsmenü von Wolfram Siebeck versucht!

Siebeck praktizierte und lehrte sehr konkret die Westbindung und trug enorm viel dazu bei. Er hatte die Eintopfsonntage der Nazis, den Hunger im Zweiten Weltkrieg und in der Kriegsgefangenschaft noch selbst erlebt und meinte es ernst mit dem "Nie wieder!".

Er wollte Deutschland verändern, kulinarisch nach Westen öffnen, und das ist ihm, gemeinsam mit manch anderen Kritikern, Köchen und Gastronomen seiner Generation, auch gelungen. Dass Deutschland kulinarisch und önologisch so ein ganz anderes Land geworden ist, ist Leuten wie Wolfram Siebeck zu verdanken. Und er war ein guter Lehrer, der mein Leben und mein Land verändert, sehr viel besser gemacht hat. Dafür bin ich ihm für immer dankbar. Möge er sich in alle Ewigkeit in der himmlischen Küche von Fernand Point und dessen Kellermeister verwöhnen lassen.