Der Psychologie-Professor Jonathan Haidt über blindwütige Studenten und Antirassismus als Religion.

Jung und links

DIE ZEIT: Herr Haidt, an den US-Unis gehen die Studenten auf die Barrikaden und fordern mehr Gerechtigkeit für Minderheiten. Was ist da los?

Jonathan Haidt: Es brodelt, vor allem in den USA. Wir erleben die größte Studentenbewegung seit 1968 und die interessanteste moralische Bewegung, die ich je erlebt habe. Sie hat viele Facetten, die wir nicht nur in Amerika wiederfinden, sondern auch in Großbritannien und sogar in Deutschland. Erstens die Überempfindlichkeit der Studenten. Zweitens der Umgang mit Rassismus. Hier in den USA war "Black Lives Matter" der Funke, der auf die Unis übersprang. Dann erleben wir eine politische Polarisierung, die sich in wachsendem Dogmatismus an den Unis zeigt. Dazu kommen rechtliche Veränderungen. Das, was unter "Title IX" bekannt ist.

ZEIT: Warum sind die Studenten überempfindlich?

Haidt: Bei amerikanischen Eltern herrscht ununterbrochen Alarmzustand. Die Medien trichtern uns ein, dass Kinder dauernd in Gefahr seien. Seit Mitte der achtziger Jahre darf kaum ein Kind mehr ohne elterliche Aufsicht draußen spielen. Dazu kommt der steigende Wohlstand. Eltern haben weniger Kinder und investieren mehr Ressourcen in sie. Außerdem hat das Columbine-Massaker viel verändert. Dort erschossen zwei gemobbte Schüler an einer Highschool mehrere Mitschüler. Seither wird ein Kind sofort zum Direktor geschickt, wenn es ein anderes Kind schubst oder beleidigt. Meine Kinder dürfen nicht mal Räuber und Gendarm spielen. Amerikaner machen ihre Kinder zu zerbrechlichen Wesen. Deshalb rufen die Studenten dauernd nach dem Präsidenten oder der Verwaltung. So wie in Yale beim Streit um die Halloween-Kostüme.

ZEIT: Die Studenten in Yale sagen, dass sie nur mehr Sensibilität wollten, aber nicht, dass die Universität eingreift. Sie lächeln?

Haidt: Lesen Sie einfach, was die Studenten geschrieben haben. Sätze wie: "Wir dachten, wir seien eine Familie." Oder: "Sie haben sich nicht um uns gekümmert." Warum haben sie nicht dagegengehalten, mit Worten und Argumenten? Warum gefallen sie sich in ihrer Opferrolle? An US-Unis herrscht eine victimhood culture, hier wird der eigene Opferstatus zelebriert.

ZEIT: Und was ist mit Facette Nummer zwei?

Haidt: Rassenpolitik und Sklaverei sind die Ursünden der USA, heute sind sie Quelle dauernder Spannungen. An den Unis vor allem durch affirmative action, also positive Diskriminierung benachteiligter Gruppen. Die führt dazu, dass asiatischstämmige Studenten besser abschneiden müssen als der Durchschnitt, um auf die Uni zu gelangen. Bei Schwarzen ist es das Gegenteil. Das Ergebnis: Auf der Uni haben Asiaten die besten Noten, die Schwarzen die schlechtesten. Affirmative action fördert Ungleichheiten, anstatt sie auszugleichen, das wiederum befeuert Rassenkonflikte. Das Resultat ist die Black-Lives-Matter-Bewegung, die ich für sehr wichtig halte. Aber: Die Universitäten sind die antirassistischsten Institutionen dieses Landes. Jeder hier ist antirassistisch. Das ist unsere Religion.

ZEIT: Die Studenten würden auf die koloniale Vergangenheit der Unis verweisen oder den Mangel an Vielfalt beim Personal.

Haidt: Wenn jemand glaubt, dass es Rassismus ist, wenn die Postenverteilung in einer Institution nicht exakt die ethnische Zusammensetzung der Gesellschaft widerspiegelt, ist das befremdlich. Früher waren Vorurteile oder Fremdenfeindlichkeit die Definition von Rassismus. Heute gilt das nicht mehr.

ZEIT: In Yale wurde auch vor dem blackfacing gewarnt, weil es rassistisch sei. Ist es das etwa nicht?

Haidt: Die Wahrheit ist, dass sich in Yale niemand das Gesicht schwarz angemalt hat. Aber nehmen wir mal an, jemand macht das. Muss diese Person dann mittels eines bürokratischen Verfahrens der Uni verwiesen werden? Können wir ihr dann nicht einfach sagen, dass sie sich schämen sollte, dass sie ein Idiot ist? Das haben wir früher gemacht. Die Studienzeit war früher eine Zeit des Ausprobierens. Am Ende des Studiums hatte man sich von den Eltern abgenabelt. Heute haben viele Studenten täglich Kontakt zu ihren Eltern und verlangen dazu von den Uni-Angestellten, als Ersatzeltern zu fungieren. Wir haben an den Unis viele Psychotherapeuten und Minderheitenbeauftragte. Damit erziehen wir eine Generation zur Abhängigkeit.

ZEIT: Wie links sind amerikanische Unis?

Haidt: Die wachsende Polarisierung zwischen Demokraten und Republikanern seit den 1990ern und der parteipolitische Hass haben dazu geführt, dass die immer schon eher linken Universitäten noch mal radikal nach links gerutscht sind. Diese gigantische linke Studentenbewegung ist eine dogmatische Linke, die jetzt nicht nur die Konservativen, sondern auch die liberale Linke attackiert. Das ist der Graben, der sich auf dem Campus auftut. Jeder ist links, dadurch sinkt die Schwelle dafür, was als Rassismus eingestuft wird. Heute genügt ein rassistisches Graffito, damit die ganze Institution als rassistisch gilt. Eine Frage an Sie: Machen an deutschen Unis Frauen so viel Sport wie Männer?

ZEIT: Vermutlich eher nicht.

Haidt: Wenn in US-Universitäten mehr Männer als Frauen Sport machen, heißt es: "Ihr sexistischen Bastarde!", und die Universität muss etwas dagegen tun. Das verlangt die Title-IX-Regelung, die für Geschlechtergerechtigkeit sorgen soll. Fühlt sich eine Studentin durch den Kommentar eines Professors unwohl, ist es sexuelle Belästigung und zieht Strafen nach sich. Als Konsequenz haben Professoren zunehmend Angst vor ihren Studierenden.

ZEIT: Welche Folgen hat das für die Dozenten?

Haidt: Wir unterrichten Dinge, die ideologisch richtig, aber faktisch komplett falsch sind, zum Beispiel, dass Frauen weniger verdienen als Männer.

ZEIT: Und für die Studenten?

Haidt: Die schreien schon "Belästigung!", wenn jemand "Trump 2016" mit Kreide auf den Campus krakelt, so wie an der Emory-Universität geschehen. Da sagte ein Student: "Ich hatte Todesangst!" Das ist bizarr. Und undemokratisch.

ZEIT: Fördert so etwas den Aufstieg Trumps?

Haidt: Die politische Korrektheit spielt ihm in die Hände. Linke können in den USA jederzeit über Politik reden. Konservative werden bei öffentlichen Äußerungen dagegen häufig als Rassisten beschimpft. Diese Leute haben einfach die Nase voll.