Dafür, dass sich hier eine Protestbewegung formieren soll, ist es brutal still im Saal der katholischen St.-Michael-Gemeinde in Flint im US-Bundesstaat Michigan. Eigentlich sollen Teilnehmer für eine Protestaktion gewonnen werden. So hatte es sich zumindest Nayyirah Shariff, Ende 30 und Mitbegründerin der Bürgerinitiative Flint Rising, vorgestellt. Das Trinkwasser der Stadt ist bleiverseucht und mit Schadstoffen belastet, zwölf Menschen sind schon an der Legionärskrankheit gestorben, deren Erreger sich über verseuchtes Wasser ausbreiten. Doch nur eine ältere Frau ist gekommen und bekundet Interesse.

Bürgerinitiativen leben von der Hoffnung, etwas ändern zu können. In Flint aber ist Hoffnung schwer zu finden. Die Wasserkrise macht die Stadt zu einem Beispiel dafür, wie einstige Industriezentren abgehängt wurden und wie darunter vor allem die Schwarzen leiden. Eine Entwicklung, die die Wettbewerbsfähigkeit des ganzes Landes gefährden könnte.

Filmemacher Michael Moore, der aus Flint stammt und der seine Karriere 1989 mit der berühmt gewordenen Dokumentation Roger & Me über die Werksschließungen von General Motors und den folgenden Niedergang der Stadt begann, ist überzeugt: "In einem Ort mit einer weißen Mehrheit wäre so etwas nie passiert."

Tatsächlich gibt es ähnliche Skandale wie den in Flint auch in Detroit, in Cleveland, dem Industriezentrum im Bundesstaat Ohio, in der Südstadt Chicagos und in Teilen von Philadelphia. Es sind alles Orte mit einer mehrheitlich schwarzen Bevölkerung. Orte, in denen die Spannungen immer öfter in Gewalt umschlagen – wie jüngst in Ferguson, Baltimore und Dallas.

Die Eskalation ist kein Zufall. Die Rezession, die 2009 auf die Finanzkrise folgte, hat Amerikas gefährlichen Mangel an sozialer, aber vor allem wirtschaftlicher Integration offengelegt. Die Krise hat auch Flint den Rest gegeben. Dabei schien es, als ob das einstige Industriezentrum nicht mehr tiefer fallen könnte. Seit die Autoproduktion in den achtziger Jahren abwanderte, ist es stetig bergab gegangen mit der Stadt, die einst 200.000 Einwohner hatte und zu den reichsten Gemeinden der USA zählte. Jetzt leben nicht einmal mehr 100.000 Menschen in Flint, 40 Prozent davon unter der Armutsgrenze. Die Mehrheit der Bevölkerung ist schwarz. Verlassene Häuser säumen die Straßen ganzer Viertel, dazwischen stehen verkohlte Ruinen.

Die Anwohner hätten es aufgegeben, die Feuerwehr zu rufen, wenn es brennt, sagt ein Nachbar. Die Hausbesitzer sind schon lange weg. Tankstellen, Einkaufszentren, Kinos sind verbarrikadiert, die einzigen offenen Geschäfte sind liquor stores, die Bier und Schnaps verkaufen und vor denen verlorene Gestalten sich an Flaschen festhalten, denen sie braune Papiertüten übergestülpt haben, weil Trinken in der Öffentlichkeit strafbar ist. Kaum besser verhüllt blüht der Drogenhandel. Flint trägt den Spitznamen "Murdertown USA". Die Stadt gehört zu den gefährlichsten Orten Amerikas.

Das vergiftete Trinkwasser markiert einen neuen Tiefpunkt. In den Bildern zu den Schlagzeilen sieht man Soldaten, die Wasserflaschen an wartende Einheimische verteilen. Es sind Bilder, wie man sie sonst aus Katastrophengebieten kennt.

Doch die Katastrophe in Flint ist kein Unfall. Sie ist die Folge von Deindustrialisierung, Diskriminierung und Vernachlässigung. Im Frühjahr 2014 entschied der Stadtmanager von Flint, das chronisch defizitäre Budget zu entlasten, indem er den Vertrag mit den Wasserwerken aus Detroit kündigte. Stattdessen würde die Stadt ihr Wasser dem Flint River entnehmen. "Wir dachten, das sei ein Witz", sagt eine Rentnerin, die ihr ganzes Leben hier verbracht hat. Denn die Industrie hatte jahrzehntelang Abwasser in den Fluss geleitet. Die zuständigen Behörden verzichteten selbst auf die eigentlich standardmäßige Behandlung des Flusswassers mit Chemikalien, die unter anderem das Herauslösen von Schwermetallen aus alten Bleirohren verhindern.

Nach der Umstellung beschwerten sich die Einwohner über die faulig riechende Brühe, die grün oder manchmal sogar schwarz aus ihren Hähnen floss. Bald klagten sie über Hautausschläge, Haarausfall, rätselhafte Erkrankungen. Bei Proben wurden E.-coli-Bakterien festgestellt, die Durchfall und Darmerkrankungen auslösen. Immer wieder versicherten die zuständigen Behörden dennoch, das Wasser sei nicht gesundheitsschädlich.

Später stellte sich heraus, dass die Verwaltungsangestellten Trinkwasser in Flaschen in ihre Büros geliefert bekamen. Im Herbst des Jahres meldete sich General Motors bei der Stadt. Das Wasser greife die neuen Motorblöcke an, die der Autobauer in seinem verbliebenen Werk in Flint herstellt. Das Unternehmen wurde daraufhin wieder an das Detroiter Wassersystem angeschlossen. Die Einwohner mussten noch weitere zwölf Monate warten, also bis zum Herbst 2015, bis auch sie wieder ihr Trinkwasser aus Detroit bekamen. Da waren die Schadstoffwerte im Wasser längst so hoch, dass sie nach den Bestimmungen der US-Umweltbehörde denen von Giftmüll entsprachen. Vor allem bei Kindern kann die Belastung durch Blei zu irreversiblen Nerven- und Hirnschäden führen.