Sag noch einer, Passionsspiele wären keine Sache des 21. Jahrhunderts. In Frankreich, der einst allerchristlichsten und ältesten Tochter der Kirche, wo Staat und Kirche seit 1905 streng getrennt sind, haben in den vergangenen vier Wochen die längsten und teuersten Passionsspiele der Geschichte stattgefunden – mit Milliardenzuschüssen des Staates.

Die Handlung: Ein Junge aus einfachen Verhältnissen, der Augenstern seiner leidenden Mutter, steigt zum Superstar und Messias einer ganzen Nation auf. Sie verehren und verhätscheln ihn, nennen ihn CR7 statt bei seinem Namen Cristiano (was "Anhänger Christi" bedeutet).

Sie stellen ihn auf einen Sockel. Und er vollbringt Wunder; jedes Spiel mindestens eines. Mit der Hacke, mit dem Kopf. Dafür verzeihen sie ihm sein Gehabe, seine Cowboy-Posen. Sie verzeihen ihm, wenn er Mitspieler zur Schnecke macht, Schiedsrichter in den Senkel stellt. Seine gezupften Augenbrauen, sein zwanghaftes Ausziehen der Klamotten. Kleine Jungs machen das halt. Dann kommt das Finale der teuersten Passionsspiele der Geschichte. Aus Sicherheitsgründen hatte man im Stade de France in der Nacht zuvor das Licht angelassen. Millionen Motten sicherten sich die besten Plätze. Nachtschwärmer, die zum Licht streben; Symbol der Kurzlebigkeit und des Todes. Ein böses Omen?

8. Minute: CR7 wird niedergestreckt. Ein grobes Foul. Der Wundertäter weint, versucht weiterzumachen. Noch einmal fällt er unter dem Kreuz, weint. Über Jerusalem – oder doch nur über sich selbst? Eine Motte fliegt in sein tränenüberströmtes Gesicht. Dann: CR7 stirbt mitten auf dem Platz. Er kann sich nicht mehr rühren, muss als einziger Spieler des Turniers in einem Plastiksarg abtransportiert werden. Dann geschieht das eigentliche Wunder: Seine Jünger realisieren, dass der Herr nicht mehr unter ihnen ist. Sie wissen, dass er sich nichts mehr wünschte als die Krone des europäischen Fußballs. Sie wachsen über sich hinaus und schaffen es in die Verlängerung – und dem Geringsten unter ihnen, dem Chancentod der WM 2014, gelingt der alles entscheidende Schuss.

Zur Siegesfeier ist der Herr auferstanden. Humpelnd zwar, aber fähig, sich wie gewöhnlich das Trikot herunterzureißen, seinen geschundenen Leib zu zeigen. Das Untergewand so weit herunterzulassen, dass der Name des Unterhosensponsors sichtbar wird. Er weint – vor Freude. Und sie geben ihm die Krone, die ihm gebührt. Die Seifenoper "CR7 Superstar – A Passion Play" ist zu Ende. Silbernes Konfetti vertreibt für einen Moment die Nachtfalter. Lord Andrew Lloyd Webber hätte es nicht besser gekonnt.

Portugal ist eine katholische Nation. Ihre einstigen Kolonien wurden von den Jesuiten geprägt. Die passionsreiche Pilgerfahrt zum Henri-Delaunay-Pokal gehört also eigentlich noch getoppt durch eine Audienz bei Papst Franziskus im Vatikan. Und wenn das nicht klappt: Portugals mystischer Ort ist Fátima, 1917 Schauplatz diverser Erscheinungen der Gottesmutter. Im kommenden Mai, zum 100. Jahrestag, reist Franziskus dorthin, zum amtierenden Europameister. "CR7" heißt das vierte Geheimnis von Fátima.