"Noch ist das ein Tabu in unseren Kreisen", sagt Ille Ochs. Sie hat sich langsam auf dem Sofa niedergelassen. Ein dichter, dunkler Schopf, verletzbare Augen hinter der Brille, eine schmale, zerbrechliche Figur, ein Mund, der entschlossen spricht. Mehr als zehn Jahre lang hat sie den Schritt vorbereitet, den sie in den nächsten Tagen gehen wird. Sie hat ein Buch darüber geschrieben, wie ihr eigener Vater und ihr Onkel ihr sexuelle Gewalt angetan haben. Es ist ein Buch geworden auch über die Schattenseiten eines Lebens in einem frommen Ghetto. Und über den langen Kampf, den es kostete, die Hölle von Schuldgefühlen, Verletzungen und Vorschriften hinter sich zu lassen, doch ihren Glauben an Gott zu bewahren.

Das Buch zeigt ein geschlossenes, gesetzliches Milieu unter einer unbeschwerten Oberfläche, in dem ihre Familie lebte. Das Milieu stützte Autoritäten wie ihren Vater und den Onkel. Es heizte ein Treibhaus, in dem Glaube wachsen sollte. Es öffnete aber auch dem sexuellen Missbrauch die Tür und verschloss den Opfern den Mund.

Ihre Kreise – das sind Freie evangelische Gemeinden, eine Freikirche mit 40.000 Mitgliedern in Deutschland. Ihr Innenleben ähnelt in manchem dem katholischer Pfarreien. Nichts darf auf die Gemeinde kommen, das ist heute oft noch der erste Gedanke, wenn Regelverstöße oder auch Verbrechen wie sexuelle Gewalt an den Tag zu kommen drohen. Das Buch demontiert deshalb auch den Anspruch einer Gemeinschaft, die die Freiheit im Namen trägt – und die sich gut fühlt, weil sie ja nach der Bibel lebt und der Geist Gottes in ihr wirkt, stärker als woanders. Ille Ochs ist die Erste in ihrer Kirche, die mit ihren eigenen Verletzungen ungefiltert an die Öffentlichkeit geht. Und ein Denkmal stürzt.

Die Familie von Ille Ochs ist in Freien evangelischen Gemeinden bekannt. Ihr Mann ist Pastor. Ihr Bruder Peter Strauch war bis 2009 Präses der Kirche. Er hat Lieder geschrieben, die im Evangelischen Gesangbuch stehen: In der Traurigkeit, mitten in dem Leid lass uns deine Boten sein. Im Vorwort ihres Buches dankt Peter, der Präses, seiner jüngeren Schwester für ihren Mut.

Der Nimbus der frommen Familie Strauch aus dem frommen Wuppertal-Ronsdorf war ein Grund, das Buch zu schreiben. "Und ich wollte zeigen: Es gibt einen Weg heraus aus der Hölle des Missbrauchs", sagt sie. Ille Ochs hat eine lange Therapie absolviert und ist dann selber Therapeutin geworden. Tanztherapeutin. Selbst Itthai, der Golden Retriever, der brav im Nebenzimmer liegt, ist zum Therapiehund ausgebildet. Zur Begrüßung springt er vor Freude an Besuchern hoch. Man kann ihn nur mögen. Das weckt bei manchen Klienten Gefühle und öffnet ihre Lippen.

Sie erzählt aus ihrer Kindheit. Bilder von einer Familie in einfachen Verhältnissen der Nachkriegsjahre. Ihr Vater Karl Strauch fährt Lastwagen für eine Spedition. Er übernimmt ehrenamtlich die Kinderarbeit der Freien evangelischen Gemeinde in Ronsdorf, die Jungschar wie die Sonntagsschule, den späteren Kindergottesdienst. Karl Strauch kann Kinder und Jugendliche für Jesus begeistern, denn er ist selber von ihm begeistert. In den Andachten läuft alles auf "die Entscheidung" zu. Jeder soll "Jesus sein Leben übergeben". Wer das getan hat, für den gelten andere Maßstäbe: Er ist Vorbild. Und, am wichtigsten: "ein Zeugnis sein", andere für Jesus gewinnen. Keine Kraftausdrücke, keine Wut, kein Zorn. Und später kein Tanz, keine Kneipe und kein Wort über Sex. Bald kommen am Sonntag über 100 Kinder zusammen, mehr, als die Gemeinde Mitglieder hat. Die Familie wohnt im Gemeindezentrum. Man trifft sich bei den Strauchs, am Sonntag, nach der Chorprobe und wenn man etwas auf dem Herzen hat. Kinder reden die älteren Gemeindemitglieder als Onkel und Tanten an. Alle sind sie eine große Familie.

Legendär werden Onkel Karls Freizeiten. Im Urlaub organisiert er Ferienlager für die Kinder, erst in den Nachbarstädten Witten und Solingen. 1954, als Ille geboren wird, fährt er zum ersten Mal mit Kindern nach Holland. Aus dem kriegszerstörten Wuppertal ins Ausland! In den Sechzigerjahren fahren jedes Jahr mehrere Busse um die 80 Kinder zu einem früheren Bauernhof auf der Insel Schouwen-Duiveland. "Wir erlebten das Reden Gottes unter uns", schreibt Illes Bruder Peter, der frühere Präses, in seinen Erinnerungen über die Freizeiten. Aber die Familie rätselt heute über den Vater. "Wir sind uns sicher: Er war pädophil", sagt seine Tochter. Er hat Fotos gemacht und im Keller in der Dunkelkammer entwickelt. Die Kinder sollten den Raum eigentlich nicht betreten. Manchmal schleicht Ille hinein: auffallend viele Fotos von Kindern am Strand und in Badeanzügen. "Ich schäme mich, spreche aber mit niemand darüber", schreibt sie. Die Gemeinde in Ronsdorf wird eine der wichtigsten in ihrer Kirche.

Peter Strauch hat in seinen Erinnerungen von einer unbeschwerten Kindheit berichtet und von einer zwar engen, aber unverkrampften Frömmigkeit. Seine jüngere Schwester, das Nesthäkchen, hat das fromme Ghetto, die Tabus und Brüche viel stärker gespürt. Sie war das empfindliche, störrische Mädchen, und empfindliche, störrische Mädchen gefallen Gott nicht. Während ihrer Therapie stellt sich heraus, dass sie zu den Hochsensiblen gehört. Mit Problemen, merkt sie, kann der Vater nicht umgehen, er drückt sie weg. "Immer fröhlich, immer fröhlich, alle Tage Sonnenschein. Voller Schönheit ist der Weg des Lebens, fröhlich lasst uns immer sein" – so lautet eine Strophe im Kinderliederbuch. Karl Strauch, der kindlich-fröhliche Christ, der große, mitreißende Verkündiger des Evangeliums, hat eine Generation Heranwachsender geprägt, er hat ihren Glauben stark gemacht. "Das war kein Lippenbekenntnis, es war sein Leben", sagt Ille Ochs. Einige Kinder von damals sind Pastoren geworden.