DIE ZEIT: Die Hauptfigur Ihres neuen Films BFG – Big Friendly Giant ist ein Riese, der Träume sammelt, sie neu zusammenmischt und in die Köpfe der Menschen füllt. Ist das nicht auch eine Definition des Regisseurs Steven Spielberg?

Steven Spielberg: Als ich den Film gedreht habe, dachte ich tatsächlich, die Szene im Traumlabor des Riesen sei ein Sinnbild meiner eigenen Ängste und Sehnsüchte, die zu Filmen werden. Früher träumte ich davon, mit meinen Filmen direkt in die Köpfe der Menschen zu gelangen. Diese Allmachtsfantasien habe ich irgendwann hinter mir gelassen. Ich bin weniger manipulativ als, sagen wir mal, zu den Zeiten von Der weiße Hai.

ZEIT: Einer der Träume, die der Riese in Ihrer Roald-Dahl-Verfilmung in Glasbehältern konserviert, ist beschriftet mit "Ich bin nackt bei meiner Hochzeit".

Spielberg: Und ein anderer mit "Ich bin nackt im Büro".

ZEIT: Haben Sie je geträumt, nackt bei Dreharbeiten zu erscheinen?

Spielberg: Nein, das ist ein typischer Schauspielertraum! Schauspieler haben zwei große Albträume: nackt auf dem Set zu erscheinen. Und, noch schlimmer: angezogen auf dem Set zu erscheinen und den Text vergessen zu haben. Ich habe viele Träume, aber Nacktheit kam nie darin vor.

ZEIT: Und wovor haben Sie Angst? Welche Ihrer Filme beruhen auf Albträumen?

Spielberg: Duell, Der weiße Hai, Jurassic Park, Krieg der Welten ... Wenn ich genügend Angst vor etwas habe, dann gelingt es mir manchmal, mich von diesen Ängsten durch das Filmemachen zu befreien. Ich erzähle eine Geschichte, und alle Welt fürchtet sich zu Tode. Das mag gemein erscheinen, aber für mich ist es eine Möglichkeit, den Albdruck von meiner Brust zu nehmen.

ZEIT: Und nach den Albträumen müssen Sie wieder "angenehme" Filme drehen wie E.T. oder jetzt BFG?

Spielberg: Nennen wir sie Filme, die meine Fantasie befreien. Es ist so, als ob man den Staub einer langen, anstrengenden, gefährlichen Reise abklopft und etwas ganz anderes macht.

ZEIT: Ist BFG eine Art E.T. für die jüngste Generation?

Spielberg: E.T. gehört zu den Filmen, auf die ich am stolzesten bin, weil er die ganze Welt erobert hat. Es ist mein persönlichster Film, weil er eine tiefe Kindheitssehnsucht verrät. Jedes Kind sehnt sich danach, von einem 900-jährigen Alien an die Hand genommen zu werden. Und natürlich gibt es Parallelen zwischen E.T. und BFG. Beide Filme handeln von Kindern, die sich nach einem Freund sehnen. In E.T. wird ein Außerirdischer zum Seelenverwandten eines kleinen Jungen, der unter der Trennung der Eltern leidet und seinen Vater vermisst. BFG handelt von einem Waisenmädchen, das in eine Welt von riesigen menschenfressenden Fantasywesen verschlagen wird und im Big Friendly Giant seinen Beschützer findet. Dennoch haben wir BFG nicht als Neuauflage von E.T. entworfen. Es ist einfach die Verfilmung des besten Buches, das Roald Dahl je geschrieben hat.

ZEIT: Haben Sie das Buch Ihren Kindern oder Enkeln vorgelesen?

Spielberg: Immer und immer wieder. Ich weiß also, an welchen Stellen Kinder kichern, lächeln, sich fürchten. Und ich sehe, wie glücklich sie sind, wenn sie von ihrer Angst erlöst werden. Man hat durch die Bücher, die man vorliest, eine große Macht über seine Kinder. Kinder wollen aber nicht, dass du die Geschichte für sie interpretierst. Sie wollen, dass du ihnen die Worte einfach vorliest und dich ansonsten zurückhältst. Immer dann, wenn ich versucht habe, beim Vorlesen eines Buches Stimmen zu interpretieren oder gar zu spielen, schrien sie: "Dad, hör auf!"

ZEIT: E.T. entstand vor 30 Jahren. War es für Sie schwierig, sich in die Wahrnehmungs- und Fantasiewelt heutiger Kinder zu begeben?

Spielberg: Heute wollen Kinder alles schnell – jetzt gleich oder am besten schon gestern. Und sie wollen es sofort über soziale Medien kommunizieren. Dadurch verliert sich der Augenkontakt, die Verbindung, die eine wirkliche Unterhaltung ausmacht. Ich versuche, nicht zu zynisch darüber zu sprechen, denn ich weiß, dass all das zu einer Realität gehört, der ich mich anpassen muss. So wie ich mich als Vater daran gewöhnen musste, dass schon meine Kinder, sobald sie nach Hause kamen, nur noch auf Bildschirme starrten. Und doch glaube ich, dass ein Film, der das Herz und den Geist berührt, in der Lage ist, auch Kids, die um das Jahr 2000 herum geboren sind, für anderthalb Stunden von ihren Geräten loszueisen.