ZEIT: In dem Horrorfilm Poltergeist von 1982 gibt es eine Szene, in der ein Elternpaar im Bett ganz selbstverständlich Marihuana raucht. Wäre das heute in so einem Film noch möglich?

Spielberg: Es wäre schon möglich, da eindeutig eine Liberalisierung stattgefunden hat. Die Frage ist vielmehr, ob es noch zum Zeitgeist passt. Ich würde sagen, es war nicht möglich, die Szene zu zeigen, als ich den Film gedreht habe. Ich bekam einen Riesenärger, denn Nancy Reagan begab sich auf den Kriegspfad. Sie benutzte Poltergeist als Beispiel dafür, dass Hollywood Drogen als etwas Banales darstelle und die Amerikaner zu deren Konsum anstachle. Die Reagan-Regierung hatte Poltergeist ewig auf dem Kieker.

ZEIT: Haben Sie die Szene bereut?

Spielberg: Nein, im Gegenteil, ich bin stolz darauf. Dabei habe ich selbst nie Marihuana geraucht oder andere Drogen genommen. Aber ich bin in den amerikanischen Sechzigern aufgewachsen, und da rauchten im College alle Marihuana und Schlimmeres. Ich wollte schon damals Filmregisseur werden und dachte, wenn ich mich berauschte, würde ich die Kontrolle verlieren und wäre auch nicht mehr in der Lage, die Dreharbeiten zu leiten. Man könnte sagen, dass mich mein Berufswunsch von der Drogenkultur ferngehalten hat.

ZEIT: Sie haben ein halbes Jahrhundert Hollywood-Geschichte geschrieben und sind als Regisseur oder Produzent an einem Drittel der erfolgreichsten Filme aller Zeiten beteiligt. Warum haben Sie jetzt, als fast 70-Jähriger, noch einmal einen Kinderfilm gedreht?

Spielberg: Weil es schön ist.

ZEIT: Könnte man eigentlich sagen, dass die USA einen Big Friendly Giant brauchen?

Spielberg: Wenn Sie das so sehen. Aber ich habe meine Filme nie als Metaphern konstruiert. Ich habe eine klare politische Haltung (Spielberg unterstützt die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton, Anm. d. Red.), vermische sie aber nicht mit meinen Filmen. Insofern ist BFG nicht politisch. Außer die Szenen, in denen die bösen Riesen den freundlichen Riesen mobben. Aber das ist keine Politik, sondern eher eine soziale Realität. Sie beschäftigt mich, seit ich ein Kind war und selbst gemobbt wurde. Und sie beschäftigt mich noch heute.

ZEIT: Wann wurden Sie gemobbt?

Spielberg: In der Highschool und der Junior Highschool, also zwischen der siebten und zwölften Klasse.

ZEIT: Begegnete Ihnen in dieser Zeit auch Antisemitismus?

Spielberg: Das Mobbing war reiner Antisemitismus. Wir waren aus New Jersey nach Arizona gezogen, wo sie keine Juden kannten, nur seltsame Geschichten über sie. Es war eine schlimme Zeit für mich. Auch wenn die Schikanen nicht systematisch kamen. Aber ich habe es doch nie vergessen. Es musste gar nicht jeden Tag stattfinden, um schlimm zu sein.

ZEIT: Ist es vielleicht so, dass Sie sich selbst einen BFG wünschten?

Spielberg: In einem Winkel meines Herzens, ja.

ZEIT: Drehen Sie immer noch Home-Movies?

Spielberg: Natürlich. Aber nicht mit dem Smartphone, sondern mit einer richtigen Kamera. Ich filme mehrmals die Woche, vor allem an den Wochenenden. Jedes Jahr wird zu einem Film zusammengeschnitten. Alles ist drauf, der erste Wackelzahn, die Einschulung, die Ferien, der Highschool-Abschluss, erste Liebe und gebrochene Herzen. Am Ende des Jahres schauen wir uns den Film gemeinsam mit Freunden und Familie an und sehen, wie das Jahr war. Angefangen habe ich mit 8-Millimeter-Filmen, als meine Kinder mit der Highschool fertig waren, drehte ich auf Video, und jetzt ist alles digital.

ZEIT: Ihr Vater ist jetzt 99 Jahre alt. Wenn Sie ebenfalls so alt werden, könnten Sie in 30 Jahren noch eine weitere Version von E.T. drehen.

Spielberg: Ich kann mir nicht vorstellen, auf andere Weise durchs Leben zu gehen, als das Vergehen der Zeit durch das Filmemachen festzuhalten.