Größer als die Trauer um den Torero, der bei einem Stierkampf in Spanien ums Leben kam, war das Entsetzen über die Tötung des Stiers, der ihn auf die Hörner genommen hatte. Empörung flutete die sozialen Medien im Internet. Und in der Tat: Mit welchem Recht wird ein Stier getötet, der schließlich nichts als sein Leben verteidigt hat? Die Moral haben die Empörten auf ihrer Seite. Etwas Lächerliches ist aber auch dabei, wie bei jedem Gefühlssturm, der auf Unkenntnis beruht. Es ist nämlich keineswegs so, dass nur dieser Stier getötet wurde, weil er den Torero ins Jenseits beförderte. Jeder Stier wird getötet – entweder in der Arena durch den Torero oder anschließend, außerhalb der Arena. Das gilt nicht nur für den heroischen spanischen Stierkampf zu Fuß, sondern auch für die weniger heroische portugiesische Variante zu Pferde, bei der vor Publikum der Stier niemals getötet, sondern nur gereizt und gestochen wird. Am Ende wird eine bimmelnde Kuhherde in die Arena geschickt, mit der sich der gedemütigte Stier willenlos nach draußen treiben lässt, seinem Schlächter hinter den Kulissen entgegen.

Der spanische Philosoph Miguel de Unamuno hielt den portugiesischen Stierkampf für die Mutter aller Heuchelei. Aber vielleicht hat er schon Anfang des 20. Jahrhunderts zu modern gedacht, um die Idee der Corrida zu verstehen. Die Moral des Stierkampfs beruhte niemals auf Fairness, überhaupt nicht auf Gerechtigkeit für den Stier, sondern allein auf dem Überlebensrisiko des Stierkämpfers. Nur weil der Torero, auch der Torero zu Pferde, eine reale Aussicht hat, getötet zu werden, konnte der Kampf als Kunst gesehen werden und nicht als Tierquälerei. Der Mensch Aug in Aug mit der tödlichen Natur – das war das Drama. Zur Natur gehörte auch die innere Menschennatur, die Angst, die überwunden werden musste. Darauf beruhte noch Hemingways Bewunderung für das vormoderne Ritual. Und natürlich konnte die vormoderne Pointe niemals in einem Sieg der Natur bestehen. Der Stier musste erledigt werden, so oder so.

Voraussetzung für die Inszenierung des menschlichen Triumphes war natürlich der Glaube an eine Übermacht der Natur. Darum hat heute, wo die Natur überall besiegt und immer schon gedemütigt ist, der Stierkampf seine Plausibilität verloren. Der Stier symbolisiert keine existenzielle Bedrohung mehr. Er ist im metaphysischen Sinn schon tot, bevor der Torero die Arena betritt. Das macht den Kampf obszön – zu einer leeren Geste, die darin besteht, eine Herausforderung zu suchen, die es in Wahrheit für den Menschen nicht mehr gibt.