Vorsicht vor den Projektionen mächtiger Männer. Das, was Recep Tayyip Erdoğan für die Ehre der Türkei hält, gebietet ihm, das zu tun, was er für die angemessene Landesverteidigung hält: Der Staatspräsident verweigert Bundestagsabgeordneten hartnäckig, deutsche Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik zu besuchen. Zu tief geht offenbar die Verletzung, zu stark rührt der Drang nach Bestrafung dafür, dass ebenjene Abgeordneten den Völkermord an den Armeniern einen Völkermord an den Armeniern nannten.

Im Gegenzug droht jetzt Bundestagspräsident Norbert Lammert der Türkei mit dem Abzug der in Incirlik stationierten 270 Luftwaffen-Soldaten. "Vielleicht muss noch einmal verdeutlicht werden", so der CDU-Politiker, "dass der Bundestag dem Einsatz deutscher Soldaten im Ausland grundsätzlich nur zustimmt, wenn sie dort gebraucht werden und willkommen sind."

Nun, gebraucht werden die Soldaten dort ganz sicher, und willkommen sind sie Erdoğan bestimmt auch, denn sie helfen mit Aufklärungsjets und Tankflugzeugen bei der Bekämpfung des IS in Syrien und dem Irak – jenes IS, der nicht nur in Paris und Brüssel Menschen ermordet, sondern auch in Istanbul und Ankara.

Als Erdoğansche Motivlage wahrscheinlicher ist, dass ihm die Idee einer Fürsorgepflicht des Parlaments für Soldaten so wenig vertraut ist, dass er eine Visite von deutschen Abgeordneten auf der Airbase Incirlik für ungefähr so notwendig halten dürfte wie einen Comedy-Show-Abend mit Jan Böhmermann in den dortigen Hangars.

Die Diplomatie mit der Türkei ist allerdings schon ohne Interventionen von Norbert Lammert eine der kompliziertesten, die die Bundesregierung zu bewältigen hat. Was immer Berlin und Ankara zueinander sagen, es hören nie nur die beiden Parteien, sondern immer mindestens ein halbes Dutzend. Es hören die türkischstämmigen Bürger in Deutschland, von denen sich bei kritischer Sprache viele schnell mitbeleidigt fühlen. Es hören die Oppositionellen in der Türkei, die sich bei unkritischer Sprache ebenso schnell enttäuscht fühlen. Es hören Flüchtlinge und Migranten, die ihre Pläne von deutsch-türkischen Absprachen abhängig machen. Und es hören Deutschlands EU-Nachbarn, die hoffen, dass der wacklige Türsteher-Deal mit Erdoğan bloß halten möge.

Seit der Lammert-Drohung hören sicher verstärkt auch jene Nato-Verbündeten zu, die von Incirlik aus all die Bombenangriffe fliegen, für die Deutschland Kerosin und Bilder liefert. Diese Verbündeten fragen sich höchstwahrscheinlich, ob dem Bundestagspräsidenten hinreichend klar ist, worum es bei dieser Mission, worum es für den Mittleren Osten und für Europa eigentlich geht.

Das Problem mit Drohungen ist nämlich, dass man sie womöglich wahr machen muss. Und in der Tat könnte man die Ansicht vertreten, dass es sich bei dem "Islamischen Staat" um einen Menschheitsfeind von solcher Dimension handelt, dass eine Abgeordneten-vor-Ort-Recherche nach ausgewogenen Speiseplänen und Freizeitangeboten auf der Militärbasis womöglich mal ein wenig zurückstehen könnte.

Will Norbert Lammert das im Zweifel wirklich: sich aus der Anti-IS-Kampagne ausklinken, weil Parlamentarier nicht in die Türkei dürfen, weil Erdoğan gekränkt ist, nachdem der Bundestag eine richtige Resolution verabschiedet hat?

In der Sache hat der Bundestagspräsident ja recht: Truppenbesuche müssen möglich sein, immer und überall. Nur hätte es andere, klügere Wege gegeben, den notwendigen Druck auf die Türkei aufzubauen.

Die meisten anderen europäischen Länder haben ebenfalls Parlamentsarmeen, und selbst solche, die keine haben, wie etwa Frankreich, haben ein Interesse daran, dass ihre Abgeordneten ihre Soldaten besuchen können, wann immer sie dies wünschen. Sprich: Der nächste Schritt nach dem erfolglosen Gespräch der Bundeskanzlerin mit Erdoğan wäre es gewesen, die übrigen 26 Staaten hinter die deutsche Position zu bringen. Es gibt eine Art Diplomaten-Parlament für solche Schachzüge: den Nato-Rat in Brüssel.

Statt die Sache kühl zu handhaben, hat Norbert Lammert sich auf das Erdoğansche Spiel von Demütigung und Bestrafung eingelassen. Er braucht jetzt Glück, um es zu gewinnen.