Leere Symbole finden sich überall. In einer Schachtel Buntstifte zum Beispiel, neulich gekauft, zehn Stück mit extra Rillen für Kinderfinger, die noch kaum einen Stift halten können. Es sind Gelb, Rot, Grün und Blau dabei, Schwarz und Weiß. Und ein blässliches Lachsorange. Was ist das denn? Eine Episode in dem Roman Vor der Zunahme der Zeichen von Senthuran Varatharajah mag es erhellen. Es handelt sich da um eine Art Internet-Briefroman. "wenn wir im kindergarten menschen mit dunkler haut malten, nahmen uns die erzieherinnen", so einer der Briefpartner in Kleinschreibung, "den stift aus der hand und sie nahmen einen hellrosanen aus der buntstiftdose vor uns und legten ihn zwischen unsere finger, und ihre hände schlossen sich um sie und sie sagten, diese farbe nenne man hautfarbe, sie wiederholten es, diese farbe nennen wir hier hautfarbe, und wir sprachen es ihnen nach."

Alltagsrassismus steckt hier in einem Wort, ja eigentlich schon im bloßen Vorhandensein so eines Stiftes. Aber Senthuran Varatharajah trägt die Kindergarten-Erinnerung nicht als Beschwerde vor, eher als Exemplar einer faszinierenden Sammlung merkwürdig unzuverlässiger Zeichen. Denn zu der scheinbar naiven Diskriminierung aller anderen als einer hellrosa "Hautfarbe" kommt, dass, wie jedes Kind weiß, diese Farbe selbst niemals "stimmt". Insofern, als selbst Personen, die sich im Prinzip davon repräsentiert fühlen dürfen, vielleicht eine Mischung aus Gelb, Braun, Rot und Violett am Leib haben. Aber, zumindest solange sie noch am Leben sind, sicher kein wächsernes Apricot. Akribisch registriert Varatharajah in seinem Roman eine ganze Reihe ähnlicher Symbole, Gegenstände und Geschichten, die völlig "realistisch" wirken, obwohl ihre Beziehung zur Wirklichkeit prekär bleibt.

Das ergibt sich schon aus dem Handlungsgerüst: Zwei Menschen entdecken einander auf Facebook. Die Algorithmen spülen sie zusammen. Sie schreiben sich Nachrichten und checken ab: gemeinsame Freunde, Studium in der kleinen Stadt Marburg. Aber sie kennen sich nicht: "wir hätten uns nie begegnet sein können". Der komplizierte Konjunktiv redet von einem Ereignis, das die Verneinung und das Plusquamperfekt sogleich in den Bereich des Irrealen verweisen. So surft man mit Varatharajah auf der Grammatik durch mögliche Parallelwelten. Die Begegnung von Senthil Vasuthevan und Valmira Surroi findet statt, sie ist offensichtlich außerordentlich produktiv, bringt Texte, Briefe, Ideen hervor. Aber es gibt sie nicht im körperhaften Sinn.

Die männliche Hauptfigur hat neben den Initialen seines Namens mit dem Autor Varatharajah einige biografische Details gemeinsam: Seine Eltern flohen mit ihm vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka, als er ein Säugling war. Die Sprache seiner Eltern, Tamil, spricht er kaum. Seine fiktive Briefpartnerin, die mit ihren Eltern aus dem Kosovo kam, spricht ein altmodisches Albanisch, das sich seit ihrer Flucht nicht weiterentwickelt hat. Beide lässt Varatharajah auf Deutsch schreiben, der Sprache, von der sie sagen, sie sei ihnen so vollständig Ersatz der Muttersprache geworden, dass sie ihre "eigentliche" Sprache verloren hätten.

Nächtelang tippen die beiden, er in Kleinschreibung, sie "korrekt", und über jeder Botschaft steht, wie auf Facebook üblich, die Uhrzeit, zu der sie gesendet wurde. Diese nackten Daten sind der einzige rote Faden der Geschichte. Davon abgesehen, reihen sich Assoziationen aneinander, auf eine Geschichte des einen antwortet die andere mit einem Einfall, einer Erinnerung, die lose daran anknüpft. So entsteht ein Textpuzzle über das Einwandern in ein wenig gastfreundliches Land, über Fremdsein in Deutschland.