Als die größte Krise der deutschen Autoindustrie im vergangenen Herbst Gestalt annahm, passte zwischen den Bundesverkehrsminister und die deutsche Autoindustrie kein Blatt. "Ein Generalverdacht gegen die gesamte Automobilbranche ist vollkommen unangemessen. In Deutschland werden die modernsten, innovativsten und besten Autos der Welt gebaut", sagte Alexander Dobrindt (CSU) noch im vergangenen November.

Das Engagement, mit dem Dobrindt der Industrie seither bei jeder Gelegenheit beispringt, ist verblüffend. Vor allem, da nun publik wird, was sein Ministerium seit Jahren wissen konnte. Schon im Herbst 2010 hatte eine EU-Behörde die Abgastricks europäischer Autobauer systematisch nachgewiesen und sogar publiziert. In einem Workshop am 23. November 2010 wurden die Ergebnisse, die die Gemeinsame Forschungsstelle der EU-Kommission ermittelt hatte, in internen Workshops präsentiert. Eingeladen waren auch die ständige Vertretung Deutschlands in Brüssel und der Minister, der hieß damals noch Peter Ramsauer (CSU).

"Die deutschen Behörden wussten sehr früh, welches Spiel die Autoindustrie spielt", sagt der grüne Europa-Parlamentarier Claude Turmes. "Offensichtlich war der wirtschaftliche Erfolg der Unternehmen wichtiger als die Gesundheit der Bürger." Ein unerhörter Vorwurf. Doch Turmes ist Mitglied im Abgas-Untersuchungsausschuss des EU-Parlaments, und was dort zutage gefördert wird, lässt wenig Zweifel an seinen Ausführungen.

Im besagten Workshop Ende 2010 wurde eine Studie zu Abgastests vorgestellt. Die Wissenschaftler wiesen nach, was sich in diesem Ausmaß kein Politiker vorstellen konnte. Obwohl die Fahrzeuge die bestehenden Abgasnormen im Labor erfüllten, war der Schadstoffausstoß auf der Straße, also dort, wo es die Menschen betrifft, viel höher. Demnach überschritten Dieselautos die zulässigen Grenzwerte der Abgasnormen Euro 3 bis Euro 5 durchschnittlich um den Faktor zwei bis vier. Sie bliesen also bis zu viermal mehr Stickoxide in die Luft als erlaubt.

Damals schrie niemand auf. Für die Zulassung der Fahrzeuge war schließlich nur der Labortest relevant. Aber erstaunlich ist das schon, zumal die EU seit Jahren für saubere Luft kämpft. Doch trotz aller Gesetze sank der Stickoxidanteil in der Luft nicht. "Gefährliche Atemwegserkrankungen und der vorzeitige Tod von Tausenden Europäern wurden billigend in Kauf genommen", sagt Turmes.

Wer in Europa eine Halskette in Umlauf bringt, die von Kindern verschluckt werden könnte, oder Batterieladegeräte vertreibt, die zu überhitzen drohen, wird an den öffentlichen Pranger gestellt. Per Frühwarnsystem informiert die EU-Kommission Millionen Verbraucher im Internet. Das nennt sie Verbraucherschutz.Wenn aber Autos auf der Straße ein Vielfaches mehr an Schadstoffen ausstoßen als im für die Zulassung relevanten Labortest? Dann passiert jahrelang gar nichts.