Unter dem Titel Und ich sehe ihre Wut schrieb die Schriftstellerin Mirijam Günter am 23. Juni 2016 (ZEIT Nr. 27/16): "In Deutschland bleiben die Schichten unter sich." Sie kritisiert, dass sich die oberen Schichten nach unten hin abgrenzen – durch Bildung und soziale Codes. Einerseits spürte ich beim Lesen Zustimmung. Andererseits: Die Geschichte meiner Familie zeigt, dass es nicht nur die oberen Schichten sind, die sich um Abschottung bemühen.

Wir gehören zur Mittelschicht; ich bin Lehrerin an einem Gymnasium, mein Mann arbeitet als selbstständiger Schreiner, wir haben zwei Kinder. Vor anderthalb Jahren widerfuhr uns das, was Familien mit zwei und mehr Kindern in deutschen Großstädten immer häufiger erleben. Wegen steigender Mieten wandern sie in die nächstgelegenen Vororte ab oder ziehen aufs Land, weil es dort mehr Platz, einen Garten oder gar bezahlbares Eigentum gibt. In Köln lebten wir auf 80 Quadratmetern im Agnesviertel in der Innenstadt. Nach dem zweiten Kind waren 3,5 Zimmer im vierten Stock, ohne Aufzug, mit winzigem Bad zu klein. Wir suchten eine größere Wohnung in Innenstadtnähe. Erfolglos. In einem Vorort schließlich fanden wir unsere "Villa Kunterbunt". Unser Traumhaus, gut angebunden an Autobahn und Schienenverkehr. In zwanzig Minuten sind wir mit Auto oder Bahn in Köln.

Als wir umzogen, war unsere Tochter fünf Jahre alt, der jüngere Sohn gerade zwei. Im Kölner Kindergarten hatte unsere Tochter eine enge Clique von vier Freundinnen. Mit deren Eltern hatten wir uns angefreundet, wir teilten Fahrtwege, halfen uns bei der Betreuung aus, die Kinder besuchten sich gegenseitig. Wir wussten, dass wir viel aufgaben.

Umso mehr hofften wir, auch im neuen Kindergarten leicht Anschluss zu finden. Es kam anders. Es war nicht leicht. Für uns nicht und für unsere Kinder überhaupt nicht. Jetzt, eineinhalb Jahre später, versuchen wir, immer noch fassungslos, zu verstehen, zu analysieren, zu begreifen, was uns widerfahren ist. Warum unsere Kinder kaum Einladungen zu anderen Kindern erhalten haben. Keine Treffen am Nachmittag. Kein Kontaktversuch. Kein Netzwerk.

Mirijam Günter schreibt in ihrem Artikel: "Dass die, die vermeintlich unten sind, hochkommen, das möchte man lieber nicht, auch wenn man in akademisch-bürgerlichen Kreisen viel darüber redet. Das spürt man an so manch einer Arroganz, die einem begegnet." Ich behaupte: Die Geschlossenheit funktioniert in beide Richtungen.

An unserem neuen Wohnort trafen wir auf eine im Durchschnitt dörfliche Bevölkerung. Viele sind hier aufgewachsen, haben einen mittleren Bildungsabschluss. Die Kinder gehen in den Kindergarten, in dem oft die Eltern schon waren. Die Familien wohnen in unmittelbarer Nähe ihrer Eltern, Verwandten und langjähriger Freunde. Oft gehen beide Elternteile arbeiten, aber die meisten Mütter schaffen es, ihre Kinder noch vor dem Mittagessen, spätestens aber bis zwei aus der Kita abzuholen. Als ich meine Tochter das erste Mal um zehn vor vier alleine (!) im Außengelände der Kita fand, glaubte ich an einen Zufall. Aber die Erzieherin sagte: "Ihre Tochter ist viel alleine. Sie holen sie auch immer sehr spät ab." Wir hatten die Betreuung bis halb fünf gebucht, weil ich als Lehrerin nicht vor halb drei nach Hause komme, an vielen Nachmittagen noch vorbereiten und korrigieren muss. Sämtliche Veranstaltungen mit Elternbeteiligung aber fanden entweder vormittags oder nachmittags um drei statt. Mit großer Selbstverständlichkeit wurde von uns erwartet, diese Termine einrichten zu können. Dass wir oft in Bedrängnis und Arbeitszeitnot gerieten, spielte keine Rolle.

Während unser Sohn in der neuen Umgebung gut zurechtkam, wurde meine Tochter nach den ersten Wochen stiller. Morgens klagte sie häufig über Bauchschmerzen, wollte zu Hause bleiben. Niemand im neuen Kindergarten spiele mit ihr.

Ich versuchte, aktiv zu werden – lud Kinder und ihre Eltern zu uns ein, war interessiert daran, diese andere Welt kennenzulernen. In den meisten Fällen wurde die Einladung nicht angenommen. Man tauschte Telefonnummern aus, reagierte aber nicht auf meine SMS. Mit der Zeit verunsicherte mich das sehr. Ich wollte mich nicht aufdrängen. Es kostete mich Überwindung, auf die anderen zuzugehen. Das Gefühl, dass sie eine Sprache sprachen, die nur ich nicht verstand, wurde immer größer. Ich wusste, dass ich etwas falsch machte. Aber was?