Es gibt Leben, in denen viel los ist und die trotzdem den Titel tragen könnten: "Ein ganz normales Leben". Und es gibt Leben, in denen die Protagonisten, fast ohne selbst etwas dafür zu tun, von einem Roman in den nächsten stolpern. So ein Leben hat Björn Casapietra, 46 Jahre alt.

Casapietra war einst Soap-Darsteller und ist heute Sänger, er tritt mit Opernarien oder Balladen auf, er hat auch schon Musicals gesungen. Er tourt durchs Land, immer wieder buchen ihn Kirchen für ein Abendkonzert. Aber das ist nur ein Teil seiner Geschichte.

Wir treffen uns in seiner Dachgeschosswohnung in Berlin-Mitte. Er ist gerade frisch eingezogen. Von seinem Balkon aus schaut man über die Dachgiebel. Ja, riecht schwer nach Mitte hier. Hitze, vietnamesische Küche. Björn Casapietra zupft Basilikum. Heute gibt es Pesto. Seine Tochter lebt inzwischen fast die ganze Woche über bei ihm. Das letzte Jahr war vielleicht das schlimmste in seinem Leben, sagt er. Die Scheidung habe ihm ungeheuer zugesetzt, er kann sehr lange darüber reden. Irgendwann hatte ihn der Geliebte seiner Frau via Facebook aufgeklärt. Die Wut sitzt tief. Und seine Mutter Celestina, die längst wieder in Italien lebt, habe das Seegrundstück und Elternhaus in Rauchfangswerder verkauft, das er geliebt und viele Jahre gepflegt habe.

Es gibt Essen. Wir reden über Schlaflosigkeit. Das Drama, es liegt in dieser Familie.

Björn Casapietras Mutter ist die italienische Opernsängerin Celestina Casapietra (da steckt schon in der Berufsbezeichnung plus Herkunft ein gewisses Dramenpotenzial). Sein Vater war der Dirigent Herbert Kegel. Unter dessen Leitung ist die Dresdner Philharmonie zu einem Weltklasseorchester aufgestiegen, in tiefster DDR-Zeit. Björn Casapietra heißt eigentlich Björn Herbert Fritz Roberto Kegel Casapietra. Was für ein Name. Was für eine Geschichte. Die große italienische Sängerin Celestina Casapietra war eigentlich nur zu einer Probe in die DDR gebeten worden. Irgendjemandem war ihre Stimme aufgefallen, man hatte sie eingeladen, und sie blieb – was an der überschwänglichen Begeisterung lag, die der damals 25-jährigen Genuesin in Ost-Berlin entgegenschlug; aber auch und vor allem an einem Mann.

Mit Sonnenbrille und Sophia-Loren-Hut saß Celestina Casapietra 1965 in der Loge der Berliner Staatsoper. Und Herbert Kegel dirigierte fast nur in ihre Richtung. Das Publikum fragte sich, wer wohl dort oben sitzt, eine Frau, die inmitten des DDR-Publikums vermutlich wie ein Paradiesvogel wirkte, eine Skurrilität.

Aus Kegel und Casapietra wurde das DDR-Glamourpaar der sechziger Jahre. In der Illustrierten FF dabei erschienen stetige Fortschreibungen des schillernden Ehelebens. Doch was als große Liebe begann, wurde eine anschwellende Tragödie. Mit der Geburt ihres Sohnes, so beschreibt es Björn Casapietra heute, begann ein 20 Jahre währender Kampf der Eltern.

Er wuchs auf in Rauchfangswerder, einst die Glamour-Zentrale der DDR

Einige Tage vor unserem Treffen in Björn Casapietras Mitte-Wohnung: Fahrt zur S-Bahn-Station Zeuthen. Dann rüber über den Zeuthener See nach Rauchfangswerder (einen Tag vorher zum ersten Mal gehört). Rauchfangswerder: die Spitze einer Halbinsel am Rand von Berlin. Ost-Berlin, um genau zu sein. Von oben (Google!) aus betrachtet, sieht sie aus wie Manhattan, eine Landzunge, umgeben von Wasser. Von unten (Erde!) wie eine verschlafene Siedlung, die einem zeigen will: Bitte weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen.