An meinem Hamburger Lieblingsort herrscht Ruhe. Da liegt ein kleiner schilfumstandener Teich, auf dem sich Enten treiben lassen. Eine prächtige Blutbuche taucht ihr Blattwerk ins Wasser, nahebei dramatische Trauerweiden und wuchtige Eichen. Ein gepflegter Garten aus Grün und Stille auf dem Campus des Rauhen Hauses in Hamburg-Horn, einem weniger glanzvollen Teil der Hansestadt.

Die dicke Blutbuche hat Johann Hinrich Wichern in ihrem Frühstadium vielleicht noch selber gesehen, der Teich jedenfalls war schon da, als der Hamburger Senatssyndikus Karl Sieveking, ein schwerreicher Kaufmann, ihn und die daran gelegene alte Kate 1833 dem Theologen Wichern überließ. Schon auf den allerersten Zeichnungen und Kupferstichen des Rauhen Hauses sind Weiher und Kate zu erkennen. In diesem reetgedeckten Häuschen nahm dadurch etwas Großes und Wunderbares seinen leisen Anfang: der Gedanke der Diakonie, der kirchlichen Fürsorge für die Schwachen und Benachteiligten. Und der blutjunge evangelische Pastor Wichern gehörte zu den Ersten, die ihn gedacht haben. "Nur der kann sich der Not in ihrer ganzen Breite entgegenstellen, der den Mut hat zur ersten kleinen Tat", sagte er.

Auch heute in Zeiten von Not und Flüchtlingselend lässt es sich kaum schöner sagen.

Am Teich gründete Wichern sein erstes "Rettungshaus" für die vielen kranken, verwahrlosten und halb verhungerten Kinder der Hansestadt. In Hamburg lebten damals etwa 100.000 Menschen, über die Hälfte in Elendsquartieren. Der junge Geistliche sammelte die zerlumpte Jugend von den Straßen, gab ihr ein Zuhause, Bildung, Zuwendung und religiösen Trost. "Jedes Kind muss mit Liebe angenommen werden", war sein Credo.

Ich denke, die meisten Deutschen kennen heute die berühmteste Erfindung Johann Hinrich Wicherns: den Adventskranz, der damals nicht vier, sondern 24 Kerzen umfasste. Damit es den kleinen Zöglingen nicht so schwerfiel, auf das Weihnachtsfest zu warten, stellte er 20 kleine rote Kerzen rundum auf ein Wagenrad, der Kreis wurde von vier dicken weißen Kerzen unterbrochen – die die Kinder an den Adventssonntagen anzünden durften.

Das Geld für Wicherns soziale Idee kam von den wohlhabenden Hamburger Kaufleuten. Die waren ihm wohlgesinnt und unterstützten ihn nach Kräften. Der Ortsteil Horn war damals eine ländliche Gegend vor den Toren der Stadt. Die Kaufleute fuhren mit ihren Kutschen hierher in die Sommerfrische. Wo heute der Campus sich entfaltet, breiteten sich damals grüne Wiesen und Felder aus.

Die Kate ist in den 183 Jahren, die seit damals vergangen sind, mehrfach abgebrannt, aber ihr Nachbau steht unbeirrt und reetgedeckt beim Weiher. Einmal im Monat kann die Öffentlichkeit zur Besichtigung hinein. Da ist die Stube nachempfunden, in der Wichern, seine Frau Amanda und die Zöglinge um den langen Tisch saßen. Da ist Wicherns spärlicher Privatraum, mit Bett, hölzernem Sekretär und rundem Tisch. Hinter Glas: ein paar Gebrauchsgegenstände.

Auf dem parkähnlichen Gelände des Rauhen Hauses liegen heute eine ganze Reihe sozialer Einrichtungen lose verstreut. Halb hinter Bäumen ein Altenheim, daneben das Haus Schönburg, in dem Kinder leben, die das Jugendamt aus den Familien nehmen musste, nicht weit davon ein Haus der Sozialpsychiatrie, vorne am Horner Weg die Evangelische Hochschule für Sozialarbeit und Diakonie und als größtes Gebäude natürlich das Herz des Rauhen Hauses: die evangelische Wichern-Schule, zu der eine Grundschule, eine Stadtteilschule und ein Gymnasium gehören.

Auf dieses evangelische Privatgymnasium habe ich früher meine eigene Tochter geschickt, die mittlerweile studiert. Das war eine sehr kluge Entscheidung. Sie hat hier eine unbeschwerte und erfüllte Schulzeit verlebt. Ihr wurde Orientierung zuteil, sie lernte, die Menschen und die Natur zu achten und die Dinge zu hinterfragen.

Die Schule ist dem Auftrag des alten Wichern treu geblieben – sie fördert bis heute Kinder, die es weniger gut haben. Fast jeder zweite Wichern-Gymnasiast hat eine Einwanderungsgeschichte. Jeder fünfte ist Muslim. Religionsunterricht ist Pflicht für alle. Mission findet nicht statt, die Lehrer betonen lieber den Dialog zwischen Christentum und Islam. Die meisten der muslimischen Eltern sind liberale Leute und wünschen sich für ihre Kinder eine Werteerziehung jenseits des Materiellen, die sie an staatlichen Gymnasien nicht finden. Sie spüren eine Geistesverwandtschaft mit dem aufgeklärten Christentum. Die gemeinsame Hinwendung zur Bildung verbindet sie mit den deutschen Eltern stärker, als die Religion sie zu trennen vermag. Sie sehen sich als moderne Weltbürger und glauben an eine Art Weltethos, das allen großen Religionen innewohnt. So habe ich es erlebt. Für mich ist das Rauhe Haus daher ein Ort der Vernunft, der Versöhnung, der Zuversicht, der Menschenfreundlichkeit.

In einem flachen Gebäude beim Teich, das aussieht wie ein winziger Dorfbahnhof aus dem letzten Jahrhundert, hat das Projekt "Come back" seinen Ort, in dem Schulverweigerer für den geregelten Unterricht zurückgewonnen werden. Bis vor Kurzem waren hier vorübergehend auch Flüchtlingsfamilien untergebracht. Eine davon – eine syrische Witwe und ihre drei kleinen Töchter – musste nach einem halben Jahr nach Wilhelmsburg umsiedeln. Doch alle drei Kinder werden bald wieder durch diesen Park springen. Denn sie wollen auf die Wichern-Schule gehen, sie wollen eine Zukunft in Deutschland.

Wie komme ich hin? Mit der U2 und U4 bis zur Haltestelle Rauhes Haus