Es ist schon fast zu kitschig, um wahr zu sein: Über der Tür des Eisladens prangt ein Name à la Venezia, Roma, San Remo, im Hintergrund schmettert Pavarotti Arien, und hinter der Eistheke steht Luigi und ruft strahlend: "Ciao! Tutto bene?" Da klingen im Kopf schon die Urlaubsglocken. Wer allerdings versucht, auf Italienisch mit Luigi zu plaudern, der macht schnell eine erstaunliche Erfahrung: Luigi – versteht nichts! Was daran liegt, dass "Luigi" in Wirklichkeit Albaner, Portugiese, Kroate oder Türke ist.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 31 vom 21. Juli 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Nationalitäten, gegen die natürlich nichts einzuwenden ist – aber sieht das Klischee in unserem Kopf nicht den charmanten, italienischen gelatiere vor, Botschafter süßer italienischer Lebensart und Kulinarik? Mag sein, dass die Chinesen das Speiseeis erfunden haben, dass es ein Franzose war, der 1799 im damaligen Alsterpavillon Deutschlands erste Eisdiele gründete, aber es waren die Italiener, die in den fünfziger und sechziger Jahren im grauen Deutschland fröhliche Eisdielen zuhauf eröffneten. 9000 gibt es heute im ganzen Land, in Hamburg sind es über 200. Und ein Viertel bis ein Drittel der Eisläden ist nicht mehr in italienischer Hand.

Das falle dem gemeinen Hamburger gar nicht auf, sagte ein Deutsch-Türke, der mit einem Portugiesen in einem Eisladen arbeitet und ab und zu italienische Lieder pfeift. Die zwei können sich auch ein paar italienische Satzfetzen zuwerfen, darauf bestand der Besitzer, der seine Nationalität nicht preisgeben will. Und warum das alles? Ganz einfach. "Eine Eisdiele läuft besser, wenn man sie mit Italien in Verbindung bringt", sagt Annalisa Carnio, Sprecherin des Verbands italienischer Eishersteller (Uniteis). "Die Frage ist: Was für ein Produkt bekommt der Kunde, wenn es nichts mit Italien zu tun hat?" Der Verband nicht italienischer Eishersteller (NoUniteis) hat darauf keine Antwort, weil er gar nicht existiert. Doch es liegt auf der Hand: Wer mit dem Italo-Etikett schwindelt, ohne wenigstens die Sprache richtig zu lernen, der scheut vielleicht auch die Mühsal der dreijährigen Ausbildung zum gelatiere und der holt sein Eis auch nicht aus dem eigenen Labor.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Verfasser kennt eine definitiv nicht original italienische Eisdiele, in der es trotzdem göttliches Erdnusseis gibt. Der Besitzer überlegt schon, sich zu outen, denn der Italien-Hype ist längst am Abklingen. Der neue Trend: Eisläden, deren Besitzer dazu stehen, dass sie Deutsche sind, und die trotzdem höchst erfolgreich sind. "Vielleicht", sagt der Nusseiskünstler, "gibt es bald auch eine Chance für türkische, portugiesische oder albanische Eisdielen."