Am 30. Mai 1589 warfen die Essener Heine in die Emscher. Doch statt unterzugehen und zu ertrinken, trieb er auf der Wasseroberfläche und überlebte. Wahrscheinlich hatten sich Luftblasen in seiner Kleidung gebildet. Für die Essener war damit bewiesen: Heine ist ein Hexer! Das Wasser stößt ihn ab, weil er mit dem Teufel im Bunde ist!

Auf Hexerei stand im Jahr 1589 die Todesstrafe.

Ich rede nicht gerne darüber, dass einer meiner Vorfahren ein Hexer war. Selbst enge Freunde wissen nichts von Heine. Wenn ich ihn doch mal erwähne, gefriert meist die Mimik der Zuhörer. Dann fragen sich alle, ob ich Witze mache oder spinne. Ich gebe zu: Auch ich habe die Sache mit Heine lange nicht geglaubt. Ich wusste zu wenig darüber.

Vor einigen Wochen sprach ich mit einem Bekannten über Magie. "Eine Wahrsagerin", erzählte er, "hat mir einmal prophezeit, ich würde mit 84 Jahren in den USA sterben." "Das kann ich toppen", erwiderte ich und erzählte ihm, was ich von Heine wusste, es war nicht sehr viel. Mein Bekannter meinte, ein dunkles Erbe laste jetzt möglicherweise auf mir. Ich glaube nicht an Hokuspokus. Mit einer Sache jedoch hat mein Bekannter recht: Heines Geschichte ist mein Erbe.

So ungewöhnlich sein Schicksal auch klingt – das ist es nicht. Bis zu 60.000 Menschen fielen den Hexenverfolgungen im frühneuzeitlichen Europa zum Opfer, viele weitere wurden verdächtigt, gefoltert. Ihre Nachkommen leben heute überall, es müssen Hunderttausende sein. Die meisten ahnen nicht, was ihre Vorfahren durchlitten haben.

Das erste Mal habe ich von den Hexenverfolgungen in meiner Familie gehört, als ich neun oder zehn Jahre alt war. Meine Mutter erzählte mir davon. Sie hatte es von meiner Urgroßmutter gehört. Wir wussten nur: Die Hexenverfolgungen des Jahres 1589 sollen mit dem "Holbecks Hof" in Essen-Steele zusammenhängen, auf dem meine Vorfahren gelebt haben. Das erste Mal wurde der Hof 1332 urkundlich erwähnt. Der Name stammt vom Holzbach ab, der in der Nähe des Hofes floss. Mein Urgroßvater wuchs dort auf, meine Mutter ist eine geborene Holbeck. Sie besitzt noch eine Originalzeichnung des Hofes, die im Wohnzimmer hängt.

Auf dieser Zeichnung von 1923 ist der Holbecks Hof noch zu sehen. © Merle Schmalenbach

Meine Mutter wollte die Erinnerung an ihre Vorfahren lebendig halten. Vor einigen Jahren bastelte sie deshalb eine Website und stöberte in Bibliotheken. Dort stieß sie auf Heine In der Holtbecke. "In der Holtbecke" – so hieß der Hof meiner Vorfahren ursprünglich. 1589 wurde Heine der Hexerei verdächtigt. Die entsprechenden Kirchenbücher reichen nur bis ins Jahr 1642 zurück. Das genaue Verwandtschaftsverhältnis lässt sich nicht mehr klären. Der seltene Name, der Ort, die Familienlegende – das alles passt jedoch zusammen. Meine Mutter lud die Information hoch, vergaß die Geschichte und schaltete die Website irgendwann ab. Andere haben Prinzen oder berühmte Schriftsteller in ihrer Verwandtschaft. Wir haben einen Dorf-Hexer. Immerhin.

Allein damit hätte ich bereits eine alte Studienkollegin beeindrucken können. Sie war überzeugt davon, selbst eine Hexe zu sein. Ihre Vorfahren hätten die Zauberei beherrscht, sagte sie einmal mit bedeutungsschwerer Stimme, als wir auf unseren Professor warteten. Sie besitze ein uraltes Zauberbuch, in dem die Sprüche verzeichnet seien. "Einmal hat ein Geist unsere Wohnung heimgesucht. Unser Hund hat daraufhin die Wand angestarrt und ganz laut gebellt!", sagte sie. Ich dachte: Vielleicht hat sie zu viel "Harry Potter" gelesen. Vielleicht will sie nur dem Alltag entfliehen und aus der Masse herausragen.

1589 wäre das gefährlich gewesen: Wer auffiel, war in Lebensgefahr.

So wie Heine. Die Originaldokumente des Falls liegen im Landesarchiv in Nordrhein-Westfalen. Heines Geschichte ist gut dokumentiert: 18 Frauen und Männer, darunter Heine, nahmen damals gemeinsam an der Wasserprobe in der Emscher teil. Das Unglaubliche: Sie hatten selbst "unauffhorlich" um dieses Gottesurteil gebeten. Die Essener bezichtigten sie der Hexerei. Der soziale Druck muss enorm gewesen sein.

Am 30. Mai 1589 dann die Wasserprobe. Sechs Menschen sanken auf den Grund der Emscher und galten damit als unschuldig. Vermutlich wurden sie in letzter Minute vom Scharfrichter vor dem Ertrinken gerettet. So geschah es häufig. Heine und die elf anderen schwammen oben. Am nächsten Tag begannen die Folterungen. Eine Frau aus der Gruppe, Trine Dulmans, wurde mit einer Schraubenschiene gequält, mit Ruten geschlagen, in ein Eisenhalsband geschlossen und von hinten aufgezogen. Das war damals eine übliche Foltermethode. Oft kugelten dabei die Schultergelenke aus. Auch Heine wurde gefoltert, vermutlich auf die gleiche Weise. Er brach zusammen und gestand.