Wie das Leben wohl sein mag, wenn die Rumänen zu uns nach Gelsenkirchen ziehen? Das konnte sich Eckart Kuke erst vorstellen, als er abgenagte Kotelettknochen und benutzte Babywindeln aus den Fenstern eines Nachbarhauses fliegen sah. Er sah auch Transporter mit Frontscheiben voller Autobahnvignetten in der Hertastraße parken, und er sah Menschen, die Matratzen ins Haus trugen. "Da sind sie also", sagte sich Kuke, die neuen Zuwanderer aus dem Osten der Europäischen Union, und er nahm sich vor, sich auf sie zu freuen.

Eckart Kuke ist 66 Jahre alt, ein pensionierter Lehrer, der unbedingt auf einer Hauptschule unterrichten wollte, weil er sich für das Lösen von Problemen zuständig fühlte. Für die Flucht vor Problemen hatte er nie viel übrig. Jugendliche aus 21 Nationen besuchten seine Hauptschule im Ruhrgebiet. Kuke lernte junge Türken, Libanesen und Russen kennen. Er war einst aus der gepflegten Stadt Aachen ins verwilderte Gelsenkirchen gezogen, dorthin, wo jeder vierte Einwohner von Hartz IV lebt, wo die Stadtteile Schalke heißen, Rotthausen und Bulmke-Hüllen. Kuke mag diese widerspenstige Urbanität und die darin keimende Lebendigkeit, das Milieu unangepasster Typen. Seitdem aber seine neuen Nachbarn da sind, stellt sich Kuke Fragen, die er früher nie auszusprechen wagte. Zum Beispiel: "Was ist das für ein Film, in den ich da geraten bin?"

Seit dem Jahr 2014 gilt die Freizügigkeit von Arbeitnehmern in der EU auch für Bulgaren und Rumänen. 6.200 von ihnen leben heute in Gelsenkirchen: gut 4.200 Rumänen, darunter viele Roma-Familien, und fast 2.000 Bulgaren – in einer Stadt mit 265.000 Menschen. 6.200 neue Einwohner, nicht einmal drei Prozent der Bevölkerung. Rechnet man die rund 4.000 Flüchtlinge hinzu, kommt man auf vier Prozent. Kann das schon ein Problem sein?

Gelsenkirchen ist einer der Anziehungspunkte für Bulgaren und Rumänen, weil man dort für vier Euro Miete pro Quadratmeter jede Menge Wohnungen findet und billig leben kann. Aber kommen die Zuwanderer überhaupt nach Gelsenkirchen, um dort zu leben und zu bleiben, oder tun sie etwas anderes?

Eckart Kuke kann sich darauf noch immer keine Antwort geben. Mit seiner Frau, einer Architektin, kaufte er vor 17 Jahren eine ehemalige Bonbonfabrik in einem Hinterhof und baute sie liebevoll zu einer Wohnung aus. Im Hof legte er einen Garten an, in dem er Wein und Erdbeeren anbaut.

Die Menschen aus Rumänien, die im Sommer 2014 in das Haus auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofes zogen, nahmen von Eckart Kuke kaum Notiz. Wie viele wohnten nun in diesem dreistöckigen Haus, fragte er sich, 30 oder 40 Menschen? 50? Die Eingangstür stand immer offen, es war ein Kommen und Gehen. Bis in die Nächte standen die Menschen auf den Balkonen und telefonierten. Auch drinnen unterhielten sie sich, laut, sehr laut. Sie schlossen die Kabel ihrer Fernseher an die Satellitenschüssel eines anderen Hauses an. Sie ließen ihre Kinder toben und schreien, manchmal bis drei Uhr morgens. Sie warfen Müll vom Balkon. Es waren so viele Menschen im Haus, die so viel Abfall produzierten, dass die Tonnen nach kurzer Zeit überquollen.

"Ich werde hier noch verrückt. Wir stecken in einem Hexenkessel", klagte die Nachbarin Marina Ebert, eine Krankenschwester, der ein Haus unmittelbar neben dem der Rumänen gehört. "Ich habe dann etwas getan, was ich Selbstverteidigung nennen würde", sagt Kuke heute. "Ich habe es zunächst mit Sprache versucht. Sprache kann ein Zaubermittel sein."

Er ging hinüber ins Haus der Rumänen und sprach die Nachbarn auf Italienisch an. Schließlich geriet er an einen freundlichen Mann, der sich Antonio nannte und auf Italienisch antwortete. Das muss der Chef dieses Roma-Clans sein, vermutete Kuke. Wenn Antonio sprach, wurden die anderen stiller. Antonio, ein Mann mit geschliffenen Umgangsformen, schien der Organisator im Haus zu sein, so kam es Kuke vor. "Dieser Mann ist in Ordnung", hörte er Antonio über Kuke sagen, und Kuke freute sich. Kuke erklärte die deutschen Müll- und Lärmregeln. Vor den Augen eines Rumänen kippte er eine überladene Mülltonne aus und sortierte für die Nachbarn den Abfall. Anschließend glaubte Kuke, etwas erreicht zu haben, aber es änderte sich nichts.

Neue Transporter brachten neue Rumänen. Die Neuen warfen die zurückgelassenen Betten und Regale der früheren Mieter aus dem Fenster, schleppten danach ihre eigenen Möbel hoch. Wovon leben die wohl?, fragte sich Kuke.

Freizügigkeit bedeutet, dass andere EU-Bürger nach Deutschland ziehen dürfen, wenn sie sich hier um einen Job bemühen. Sechs Monate haben sie Zeit, eine Stelle zu finden. Sinn des Gesetzes ist es nicht, arme Menschen zu versorgen, sondern Bürgern die Chance zu geben, überall in der EU zu arbeiten. Aber suchten diese Menschen wirklich nach Arbeit?

"Ich bin echt kein Rassist, aber …"

Marina Ebert, die Nachbarin, versuchte herauszufinden, wem das Haus überhaupt gehört. Mit solchen Nachforschungen, die privates Eigentum berühren, tun sich auch die Behörden schwer. Die frühere Eigentümerin des Hauses, das erfuhr Marina Ebert, war schon lange tot, aber in Bochum gab es einen Nachlassverwalter. Dieser wiederum hat das Haus an einen Türken verkauft, der eine Immobilienfirma besitzt, in deren Namen das Wort Luxus vorkommt. Der neue Hausbesitzer schickte Handlanger, die die Miete manchmal bar kassierten. Wer nicht zahle, fliege raus, hörte Marina Ebert einen Verwalter mehrmals drohen. Das war die neue Hausordnung.

"Ich fühle mich hier plötzlich fremd", sagte sie zu ihrem Nachbarn Kuke. Beide dachten daran fortzuziehen. Der überzeugte Hauptschullehrer flüchtet vor Ausländern? Für Eckart Kuke ein schwer erträglicher Gedanke. Es fiel ihm auch nicht leicht, das Ordnungsamt einzuschalten. Der engagierte Pädagoge Eckart Kuke bittet den Staat darum, seine private Ordnung wiederherzustellen? Hat sein Zaubermittel Sprache versagt? Von nun an dokumentierte seine Nachbarin die Abfallberge im Hof auf Fotos, sie sicherte Beweise. Es ist ihr noch heute anzumerken, wie unwohl sie sich in der Rolle der Schnüfflerin fühlte.

Im Februar und März dieses Jahres fuhren Autos der Kriminalpolizei mehrmals in der Hertastraße vor. Das Haus der Rumänen wurde auf den Kopf gestellt, Wohnungen wurden durchsucht. Die Hilfeschreie einer Frau aus dem Dachgeschoss waren nachts nach draußen gedrungen, für die Nachbarn hörte es sich beängstigend an. Danach passierte etwas Seltsames. Über Nacht zogen alle Rumänen weg. Das Haus stand plötzlich leer. Das könnte daran gelegen haben, dass eine Anwaltskanzlei aus Köln das Gebäude von der türkischen Firma übernommen und den Mietern angekündigt hatte, sie rauszuwerfen.

Was ging hier vor? Eckart Kuke hatte sich Bücher über das Leben der Roma beschafft, aber seine eigenen Nachbarn waren ihm ein Rätsel geblieben. Verblüfft hatte Kuke festgestellt, dass Antonio gar nicht im gegenüberliegenden Haus lebte, sondern "eine Schwester". So behauptete es jedenfalls Antonio, von dem Kuke geglaubt hatte, sie hätten sich miteinander angefreundet. Aber wo lebte dann Antonio? Eine Frau aus Antonios Clan versprach Kuke, ihn zu einer Feier einzuladen, dann verschwand auch diese Frau, genau wie Antonio. Kuke sagt: "Es ist alles so undurchschaubar."

Jeden Tag rufen Menschen die Hotline der Stadt Gelsenkirchen an und beschweren sich über die Zuwanderer aus dem Osten. "Ich bin echt kein Rassist, aber ..." So beginnen viele ihrer Sätze. Die Klagen der Deutschtürken, die im Rathaus anrufen, ähneln sich auch. "Ich habe alles getan, was ihr wolltet. Ich habe mich euch angepasst. Warum müssen die sich nicht anpassen?" Die Stadt hat einen Ordnungsdienst eingerichtet, dessen Mitarbeiter Uniformen tragen, auf deren Rücken der Slogan steht: "Recht und Ordnung". In Schulungen wurde den Leuten aus der Verwaltung beigebracht, wie man Handfesseln anlegt, dass man sich vor den Eingang einer fremden Wohnung mit Türspion immer nur seitlich stellt und auf seinen Fluchtweg achten muss, sobald man in eine aufgebrachte Menschenmenge gerät.

Um Ordnung wird gestritten, Ordnung in einem umfassenden Sinne, den Staat als Ordnungsmacht im öffentlichen Leben. Sozialdemokraten regieren seit Langem die Stadt. Kann die SPD die Ordnung garantieren? "Ihr könnt uns nicht die Probleme der ganzen Welt reindrücken", klagen Anrufer der Hotline.

Jeder Zuwanderer wird in Gelsenkirchen willkommen geheißen, es gibt sogenannte Willkommensbesuche von Vertretern des Ordnungsamtes und der Wohlfahrtsverbände. Broschüren in rumänischer und bulgarischer Sprache werden an Wohnungstüren verteilt, auch die Mülltrennung wird erklärt. Die Geschichte der Stadt ist eine Geschichte der Zuwanderung. Hätten Ende des 19. Jahrhunderts nicht Tausende Arbeiter aus Polen in den Bergwerken der Stadt angeheuert, hätte Gelsenkirchen damals nicht zu einem Kraftzentrum der deutschen Industrie werden können. Ohne Zuwanderer wäre Gelsenkirchen nichts.

Aber die Willkommenskultur gerät unter Druck. Keine Stadt in Westdeutschland hat heute eine höhere Arbeitslosenquote als Gelsenkirchen – fast 15 Prozent. Immer wenn die neuesten Zahlen zur Armut von Kindern veröffentlicht werden – in Gelsenkirchen rund 12.000 Kinder –, rufen Fernsehsender im Rathaus an und verlangen nach Bildern von zerlumpten Mädchen und Jungen. Auf eine Stelle als Küchenhilfe, die öffentlich ausgeschrieben wird, kommen in Gelsenkirchen rund 1.300 Bewerber. Es gibt Jobs für Menschen, die sich mit Computerprogrammen auskennen, aber es gibt fast nichts für Menschen, die schlecht Deutsch sprechen und nur ihre Hände als Arbeitsmittel anzubieten haben. Für einen ungelernten Arbeiter aus Rumänien, der in Deutschland eine Stelle sucht, ist nichts sinnloser, als nach Gelsenkirchen zu ziehen. Jemand, der eine billige Bleibe sucht, jedoch nicht unbedingt Arbeit, sondern Hartz IV, findet keinen besseren Ort als Gelsenkirchen.

Fragt man Frank Baranowski, den Gelsenkirchener Oberbürgermeister und Sprecher der Ruhr-SPD, wie er auf die Zuwanderer aus dem Osten der EU blickt, dann erwidert er: "Sich darüber zu äußern ist eine Gratwanderung, besonders für einen Sozialdemokraten." Danach sagt er: "Es gibt deutliche Hinweise auf Sozialbetrug. Zum Teil geht es auch um organisierte Kriminalität." Das sei "ein Phänomen". Spricht er mit anderen Politikern über dieses Phänomen, dann fängt er sich manchmal den Vorwurf des Rassismus ein. "Aber Rassismus kann ein vorgeschobenes Argument sein, um eine notwendige Diskussion zu verhindern", sagt Baranowski.

Einmal wurde er gemeinsam mit anderen Bürgermeistern zu einer Konferenz des Bundesbauministeriums in Berlin eingeladen, um über die Schwierigkeiten mit den Zuwanderern zu berichten. Baranowski sprach von seinem Kampf gegen die Besitzer Hunderter heruntergekommener Häuser, die im Amtsjargon Schrottimmobilien heißen und in denen Tausende Bulgaren und Rumänen leben. Er sprach über unbezahlte Strom- und Wasserrechnungen, Immobilienhaie, dubiose Hausverwalter, Zwischenhändler und Preistreiber, den ganzen Graubereich, für den sich kein Staatsanwalt interessiert. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung schüttelte den Kopf, und Baranowski wusste nicht, ob sie ihm nicht glauben konnte oder ob sie es nicht wollte. Dabei hatte er nicht einmal den Arbeiterstrich erwähnt. Die Bezeichnung Arbeiterstrich hätte die Integrationsbeauftragte vielleicht erschreckt.

Probleme nicht kleinreden, nur weil sie von Ausländern verursacht werden

Frank Baranowski ist ein besonnener Mensch, der sich gründlich überlegt, wie er politisch vorgeht. Zwei Dinge hat er sich vorgenommen. Über Probleme offen zu sprechen, statt sie zu vertuschen. Und die Probleme nicht kleinzureden, nur weil sie von Ausländern verursacht werden.

Im Mai 2015 richtete er im Rathaus eine Stabsstelle ein, die sich mit den Zuwanderern aus dem Osten der EU beschäftigt. In Gelsenkirchen waren bis dahin schon jede Menge Sozialarbeiter unterwegs, die sich um die Sorgen der Bulgaren und Rumänen kümmern, sie zur Schuldnerberatung begleiten, als mobiler Kindergarten in einem Wohnwagen zu ihnen ins Viertel kommen und sogar für sie einkaufen, wenn es ihnen sehr schlecht geht. Jetzt aber gibt es auch eine andere Art von Sozialarbeitern: Fahnder, die sich nicht Fahnder nennen dürfen, sondern zum Beispiel Leiter der Abteilung Wohnungswesen.

Das ist Markus Horstmann. Seit zwei Jahren versucht er, sich im Gelsenkirchener Häuserkampf ein Bild von seinen Gegnern zu machen. Aber die Gegner sind wendig und ihm voraus. Seine Gegner sind nicht etwa Rumänen und Bulgaren, sondern meist türkischer Abstammung und kennen sich im Geschäft mit Schrotthäusern aus, die sie an die Zuwanderer vermieten. Als Verwalter dieser Häuser treten auch Deutsche auf. Horstmann sagt: "Auch wir hier haben Gentrifizierung, nur umgekehrt. Die Wohlhabenden gehen, die Armen kommen." Aus einem der vergammelten Häuser hatte der Ordnungsdienst im Jahr 2014 gerade noch rechtzeitig die Bewohner evakuiert und Kinderbetten ins Freie geschleppt, als drinnen die gesamte Treppe zusammenbrach. In anderen Häusern hatten Mieter Starkstromleitungen notdürftig zusammengebunden, mit Klingeldraht überbrückt und mit Tesafilm verklebt, danach durch Wasserlachen gelegt. Im Winter drehen einige Bewohner, denen das Gas abgestellt wurde, ihren Herd oder Backofen auf, um zu heizen.

Horstmann hat Schaubilder des Firmengeflechts angefertigt, das rund um die Schrotthäuser entstanden ist. Die Chefs jener Firmen, die Immobilien kaufen und oft weiterverkaufen, sind die entscheidenden Figuren in diesem System: die Dealer. Aber es gibt noch etliche andere Firmen mit anderen Chefs. Beugt man sich über einen der Pläne, glaubt man das Organigramm eines Dax-Konzerns zu sehen. Da sind eine Marketing-Gesellschaft, Reise- und Stromberater, eine Touristikfirma, ein Reisevermittler. Da tauchen Teileigentümer auf, in Grundbüchern nicht eingetragene Hausbesitzer, Spezialisten für Mietverträge, die Schwester eines Immobilienvermittlers, ein Bauservice, eine Grundbesitz GmbH, eine Management-Gesellschaft, nein, es sind genau genommen mehrere dieser Art. Da sind Zweigstellen und haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaften, auch in Nachbarstädten. Zwischeneigentümer treten in Erscheinung, Strohmänner, auch solche, die Markus Horstmann für Teilzeit-Strohmänner hält. In der übrigen Zeit arbeiten sie auf eigene Rechnung. In einer der Firmen wechselte binnen zwei Jahren 15 Mal der Geschäftsführer. Fragt man Horstmann, wie viele Schrotthäuser diese Leute besitzen, antwortet er: "Ich traue mich nicht zu zählen."

Man wird bestimmt irgendwann verrückt, wenn man versuchen sollte, dieses Dickicht zu durchdringen, und man wird wahrscheinlich sehr schnell verrückt, wenn man sich klarmacht, dass dieses Schaubild nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit spiegelt. Erstaunlicherweise ist Horstmann nicht verrückt geworden, er ist bei klarem Verstand und verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: den Sumpf trockenlegen. "Noch lachen die über mich", sagt Horstmann, "ich weiß, dass die lachen. Aber ich kriege die. Ich kriege die am Ende alle." Er müsse nur den Druck erhöhen. Doch das sagt sich so leicht. Horstmann ist nicht bei der Kripo und hat wenige Befugnisse. Er würde gern Register verdächtiger Personen anlegen, aber das darf er nicht. Nicht einmal seine Kollegen aus anderen Behörden rücken Angaben heraus – Datenschutz. Weder die Kripo noch das Finanzamt arbeiten mit ihm zusammen. Solange Horstmann keine Indizien für Straftaten hat, bleiben diese Häuser Privatsache.

Einer von Horstmanns Kollegen hat sich einmal auf das Gelände eines türkischen Schrotthaus-Dealers gewagt, um mit ihm zu reden. Aber der Chef war nicht zu sprechen. Ein muskulöser Mann tauchte auf, von dem es hieß, er habe seine Fähigkeiten im Bosnienkrieg unter Beweis gestellt und habe seine Fäuste nicht unter Kontrolle. Der Besucher vom Amt verzog sich rasch.

Der Mann, der diese Firma leitet, fährt einen weißen Hummer, einen bulligen amerikanischen Geländewagen. Besucht man ihn in der Firma, berichtet er voller Stolz, dass kein Hummer weit und breit schönere Geräusche hervorbringe als seiner. "Der lauteste hier", sagt Nuhcan Yildiz. Seinen Führerschein musste Yildiz abgeben, aber er umgibt sich mit Leuten, die ihn chauffieren, manchmal bis nach Istanbul.

Yildiz betreibt seine Immobilienfirma in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude in Gelsenkirchen-Schalke. Oft sitzt ihm eine Traube von Männern gegenüber, während Yildiz raucht, telefoniert und auf einem iPad herumtippt. Ein Billardzimmer gibt es in diesem Bürohaus, eine Tür, über der die Hörner eines Stieres angebracht sind, einen elektrischen Massagestuhl, einen Rottweiler aus Plastik und ein Aquarium mit einem kleinen Totenkopf. Auf seiner Visitenkarte wirbt Yildiz mit dem Slogan We make your dreams come true!, "Wir lassen Ihre Träume wahr werden!".

Yildiz überlässt es einem seiner türkischen Angestellten, der in Trier Betriebswirtschaft studierte, über die Geschäfte zu reden. "In Gelsenkirchen kann man viel Geld machen", sagt der Angestellte, "der Kaufpreis eines Hauses liegt hier nur beim Sechsfachen der Nettojahresmiete. In Berlin oder Hamburg ist es mindestens das 20-Fache." Man kann es auch so ausdrücken: In Gelsenkirchen wurden kleine Eigentumswohnungen in Schrotthäusern schon für 1.000 bis 5.000 Euro verkauft, dreistöckige Mehrfamilienhäuser für 90.000 Euro.

Es gibt die Scheinfirmen, weil es Hartz IV gibt

Es komme, sagt der Angestellte, "so viel Geld herein, das glaubt man gar nicht". Investoren aus Katar wollen einsteigen, Russen, neuerdings auch Israelis. Am besten sei es, ganze Häuser zu kaufen, nicht nur einzelne Wohnungen. Über die Mieter, Bulgaren und Rumänen, verliert er nicht viele Worte. Er sagt bloß: "Die wohnen nicht. Die hausen."

Das große Geschäft der Schrotthaus-Dealer beginnt, sobald eine Zwangsversteigerung eröffnet wird. Wer im Gerichtssaal mitbieten will, muss vorher nur die Sicherheitsleistung zahlen, zehn Prozent des Verkehrswertes, 4.000 Euro, vielleicht 6.000. Mitarbeiter städtischer Ämter sitzen an manchen Tagen auch im Gerichtssaal und machen sich ein Bild. Der Höchstbietende erhält den Zuschlag, er ist der neue Hausbesitzer, muss aber den Kaufpreis nicht sofort zahlen. Das ist die entscheidende Lücke für die Schrotthaus-Dealer: Sie zahlen nicht, und nach einem halben Jahr wird vom Gericht die nächste Zwangsversteigerung angeordnet. Doch bis es so weit ist, kann der neue Besitzer bei Bulgaren und Rumänen Mieten eintreiben. Schon nach zwei Monaten rechnet sich das Modell.

Die Mieter lernen ihren Hausbesitzer nie kennen, vielleicht seinen Verwalter, der ankündigt, dass bald Männer, die sich Otto nennen oder Ali, persönlich zum Kassieren der Miete erscheinen werden. Von diesen Einnahmen zwackt dann ein Strohmann des Schrotthaus-Dealers die Anzahlung für das Gericht ab, wenn dasselbe Haus am Ende erneut versteigert wird. Auf diese Weise wechseln oft die Besitzer, die Einnahmen der Schrotthaus-Dealer steigen, und das Dickicht breitet sich aus.

Die Täter in diesem System sind also die Schrotthaus-Dealer. Die Opfer sind Rumänen und Bulgaren. So sieht es aus, aber Opfer können auch zu Tätern werden, das Dickicht ist kompliziert. Denn die Zuwanderer aus Osteuropa brauchen einen Job, um in Deutschland bleiben zu dürfen. Wie sollen sie in Gelsenkirchen eine Arbeit finden, die sie und ihre Familie ernährt? Wer kein Geld hat, kann auch keine Miete zahlen. So kommen Verbündete der Schrotthaus-Dealer ins Spiel, Scheinarbeitgeber, meist Türken, Libanesen oder Rumänen. Die Dealer und manche ihrer Verbündeten sind miteinander verwandt. Ihnen ist ein Mann aus dem Gelsenkirchener Jobcenter auf der Spur, der in der Zeitung "Mister X" heißen soll, weil er fürchtet, von einigen seiner Kunden aufgespürt und verprügelt zu werden. Mister X tut etwas, was nicht jeder seiner Kollegen tut. Er zeigt Kunden an, die ihrem Arbeitsberater drohen: "Ich stech dich ab."

Im Jobcenter gründete Mister X die "Soko Scheinarbeit", als er mitbekam, dass vor den Eingängen von Arbeitsagenturen Arbeitsverträge an Rumänen und Bulgaren verkauft wurden. Wer eine Arbeit nachweisen kann, etwa einen Minijob für 400 Euro im Monat, kann einen Antrag auf "Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts" stellen, Formular HA. Das Jobcenter stockt dann das kleine Einkommen aus dem Minijob auf – bei einer sechsköpfigen Familie um etwa 1.600 Euro, abhängig vom Alter der Kinder.

Manche Rumänen, die kaum Deutsch sprechen und weder lesen noch schreiben können, bringen den perfekt ausgefüllten Antrag HA mit, andere lassen sich von Dolmetschern begleiten, die mit den Feinheiten der deutschen Sozialgesetzbücher bestens vertraut sind. Mister X wurde stutzig. Wieso werden in Gelsenkirchen mit einem Mal Firmen gegründet, die aus dem Nichts heraus 60 bis 80 Arbeitsplätze anmelden, lauter Jobs für Hausmeister, Putzhilfen oder Maurer? Immer sind es Minijobs, die eine höchstmögliche Aufstockung des Gehalts durch das Jobcenter nach sich ziehen. Mister X fand heraus, dass viele dieser Firmen gar nicht existieren. 60 Verdachtsfällen geht er im Moment nach. Es gibt diese Scheinfirmen, weil es Hartz IV gibt.

Manche Scheinarbeitgeber zahlen den Scheinarbeitern tatsächlich Lohn, um den Schein zu wahren, lassen sich aber deren Kontokarten aushändigen und holen sich den Lohn am Geldautomaten zurück. Geht Mister X gegen dieses System vor und kappt die Zahlungen, ziehen einige Kunden vors Sozialgericht, und nicht immer gewinnt Mister X.

Dagegen richtet auch Andrea Nahles nichts aus, die Bundesministerin für Arbeit. Sie kündigte im April dieses Jahres an, bald ein Schlupfloch zu schließen. Keine Sozialleistungen mehr für Zuwanderer aus der EU, die hier keine Arbeit haben. Aber die Menschen mit den Formularen HA haben ja Arbeit, jedenfalls zum Schein.

Für andere, die weder Arbeit noch Scheinarbeit finden, bieten sich zwei Möglichkeiten: der Arbeiterstrich und die Familienkasse. Der Ort des Arbeiterstrichs wechselt öfter, mal liegt er vor einem Wettbüro, mal neben einer Bushaltestelle oder einem Café. Dort sammeln sich frühmorgens Menschen, die von einem Transporter zu Baustellen gefahren werden. Gibt es auf dem Bau wenig zu tun, werden nur ein paar ausgesuchte Tagelöhner mitgenommen, die Überflüssigen bleiben auf der Straße zurück. Vielleicht klappt es morgen, oder übermorgen.

Bei der Familienkasse in Bochum, die auch für Gelsenkirchen zuständig ist und das Kindergeld überweist, ist die Sache einfacher. Jedem Einwohner, der Kinder hat, wird das Geld ausgezahlt. "Ab dem fünften Kind lohnt sich das Leben in Deutschland", sagte eine Rumänin zu einem Mann vom Gelsenkirchener Ordnungsdienst. Um Kindergeld zu bekommen, muss man allerdings gemeldet sein. Die Anmeldung ist begehrt. Das Bürgercenter in Gelsenkirchen, das neue Einwohner registriert, ist an vielen Tagen so überlaufen, dass Geschäftemacher morgens Wartenummern ziehen und sie später für 30 bis 50 Euro an die Menschen in der Wartezone verkaufen. Die Stadt wird deshalb bald ihr System umstellen und Namen neben die Wartenummern drucken.

Hat Gelsenkirchen überhaupt ein Problem?

Wer Kindergeld möchte, muss seine Kinder anmelden. Dann wird das Geld auch rückwirkend gezahlt, bis zu vier Jahre – wenn der Mietvertrag besagt, dass man schon seit vier Jahren in Deutschland lebt. Bei vier Kindern kommen so bis zu 38.000 Euro Nachzahlung zusammen. Die Kinder müssen dafür nicht in Deutschland leben, aber es muss sie geben. "Nichts ist einfacher", sagt ein Beamter aus Gelsenkirchen, "als die Familienkasse an der Nase herumzuführen." Nur einmal im Jahr werden dort die Daten in den Computern abgeglichen. Bis dahin erfährt die Kasse nicht, ob ein Rumäne, der Kindergeld bekommt, schon lange wieder in Rumänien wohnt.

So könnte man endlos weitermachen. Man könnte all die Tricks aufzählen, zum Beispiel den mit der Rechnung aus Holland. Versucht ein Amt in besonders krassen Ausnahmefällen, die Freizügigkeit eines Zuwanderers aberkennen zu lassen, dann genügt eine aktuelle Rechnung aus irgendeinem Bistro in den Niederlanden, um die Ausreise und erneute Einreise in die Bundesrepublik zu belegen und damit das ganze Verfahren zu stoppen. Man könnte erwähnen, dass Schein-Geburtsurkunden entdeckt wurden. Viel Schein ist entstanden, um den Staat zu schröpfen. Aber tun das die Deutschen nicht auch? Betrügen reiche Steuerflüchtlinge die Finanzbehörden nicht um ungleich höhere Beträge? Und hat Gelsenkirchen überhaupt ein Problem?

Gelsenkirchen war eine schrumpfende, überalterte Stadt. Wie bauen wir unsere Stadt zurück? Das war für Planer lange Zeit die wichtigste Frage. Die Bulgaren und Rumänen ziehen in Häuser, in denen keiner mehr leben wollte. Noch immer stehen etwa 10.000 Wohnungen in Gelsenkirchen leer. Und die Zuwanderer bringen viele Kinder mit. Die Kindergärten haben jetzt wieder Kinder, und die Schulen haben wieder Schüler. 42 Prozent der Zugezogenen sind jünger als 18 Jahre. Das Leben liegt noch vor ihnen. Wo also ist das Problem?

Es drückt sich in zwei Zahlen aus: 3.106 zu 4.599. Seit Anfang vergangenen Jahres sind 4.599 Rumänen und Bulgaren nach Gelsenkirchen gezogen, und 3.106 sind weggezogen. Die meisten sind nach wenigen Monaten oder einem Jahr gegangen – und mit ihnen die Kinder. Manchmal ziehen die Familien weiter, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlten und vor die Tür gesetzt wurden. Manchmal, weil der Hauseigentümer sie loswerden wollte, um das Gebäude teuer an Investoren zu verkaufen. Manchmal, weil ihre Matratzen plötzlich von Verwaltern auf den Hof geworfen und verbrannt wurden. Manchmal, weil ihnen die Kontrollen durch den Ordnungsdienst missfallen haben. Manchmal, weil sie glauben, dass ihre Kinder außerhalb Gelsenkirchens bessere Berufsaussichten haben. Manchmal, weil sie merken, dass beim Betteln in der Fußgängerzone von Gelsenkirchen nur wenig zu holen ist.

Die Familien suchen dann in anderen Städten nach Arbeit, oder nach Scheinarbeit, leben eine Weile in Frankreich, Italien oder Spanien, kehren vielleicht nach Gelsenkirchen zurück, ziehen weiter. Die Globalisierung ist nach unten durchgereicht worden und hat vieles durcheinandergewirbelt, weil sie etwas Ungewohntes mitbringt: das Leben im Provisorium. Wer sich nach Ordnung sehnt, muss das Provisorium hassen.

Ordentliche Tage beginnen mit Regenschauern und enden mit Regenschauern. Unordentliche Tage beginnen mit Sonnenschein und enden mit Sonnenschein. So blickt Herbert Leipelt auf die Welt, ein Rentner, der in Gelsenkirchen-Rotthausen in einem Mietshaus lebt, das er geerbt hat. Bei Sonne sitzen die Bulgaren, die in den Nachbarhäusern leben, im gemeinsamen Innenhof, schrauben an Autos herum, reden laut, lachen und grillen, bis in die Nacht. Bei Regen bleiben sie drinnen. Das sind die Tage, die Leipelt genießt. "Regen ist gut. Ist traurig, aber ist so", sagt er. "Hömma", fuhr er einmal einen der Bulgaren an, "ich wurde hier vor 75 Jahren geboren. Ihr habt euch anzupassen, nicht wir."

Aber Leipelt weiß nicht, ob seine Worte verstanden wurden. Auch ein anderer Hauseigentümer legt sich mit den Bulgaren an, ein türkischer Nachbar, mit dem sich Leipelt gut versteht. Seit die deutschen Mieter aus den Nachbarhäusern weggezogen sind, hält Leipelt hier das letzte deutsche Haus, so sieht er das. "Nach Zwickau" sei eine Nachbarin gezogen, "von Rotthausen nach Zwickau". Das klingt, als habe Leipelt sagen wollen: Aus einem bedrohten Paradies rettete sie sich in die Hölle. Eine andere Nachbarin verbringe ihre Tage auf dem Friedhof, um dort Ruhe zu finden.

Früher war Herbert Leipelt Glasschneider, ein einfacher Arbeiter, wie es viele Menschen in Gelsenkirchen heute noch sind. Sollte Sigmar Gabriel genauer ergründen wollen, was in den sogenannten kleinen Leuten vorgeht, die der Parteichef seit Kurzem offensiv vertreten will, könnte er Herbert Leipelt besuchen. Leipelt verpasst kein Treffen seiner SPD, Ortsverein Rotthausen. Die SPD ist seine Heimat. Er beschwerte sich auch schon bei der Stellvertreterin des Oberbürgermeisters, Martina Rudowitz. "Ruf mich an, wenn was ist", bat sie ihn anschließend. "Martina, ich kann dich doch nicht jeden Tag anrufen", antwortete Leipelt.

In seinen kleinen Garten gelangt er, wenn er im Hof das Tor seiner Garage öffnet, sich an seinem Auto vorbeidrückt und durch die Hintertür der Garage ins Freie tritt. Hier, in seiner Laube, fühlt er sich geschützt. Leipelt hat sich seine Ordnung selber geschaffen. Er kann sich die Ordnung nicht kaufen, weil er sich eine Putzfrau oder einen Gärtner nicht leisten kann. Hört man ihn schimpfen, dann klingt es so, als habe er etwas gegen Ausländer. In Wahrheit hat er etwas gegen Menschen, die seine Ordnung gefährden. Die Ordnung ist Leipelts Errungenschaft am Ende eines mühsamen Lebens. Deswegen nimmt er den Lärm persönlich. An Tagen, die ihn mit vielen Sonnenstunden quälen, kann es jetzt vorkommen, dass sich Leipelt fragt: "Für was bist du eigentlich noch in diesem Verein?" Der Verein ist die SPD.

Im Januar dieses Jahres hatten drei SPD-Ortsvereine vor, gegen den Bau von Flüchtlingsheimen zu demonstrieren, Großunterkünfte, die fast alle in verarmten Bezirken der Stadt errichtet werden sollten. Die SPD verteilte Flugblätter und rief zum Protest auf. So etwas hatte es noch nie gegeben.

"Wir räumen das weg"

Das alles geschah nicht in Gelsenkirchen, sondern im Essener Norden, an der Grenze zu Gelsenkirchen. Es ging nicht um Zuwanderer aus der EU, sondern um Flüchtlinge aus Syrien. Dennoch war es ein Warnsignal, das auch für Gelsenkirchen galt.

Das Signal wurde wahrgenommen. Der Generalsekretär der nordrhein-westfälischen Parteispitze besuchte den Urheber der Aktion und riet ihm dringend: "Überlegt euch das." Stephan Duda, der Chef der SPD in Essen-Karnap, blies die Aktion ab, als er hörte, dass sich die AfD und die NPD der Kundgebung anschließen wollten. "Andernfalls hätte ich es durchgezogen", sagt er heute, "obwohl ich wusste, dass man so was als Sozialdemokrat nicht macht." Als Zeitungen darüber berichteten, erreichten ihn viele Telefonanrufe und E-Mails, die Menschen gratulierten ihm. Offenbar war ein Ventil geplatzt. Duda sagt: "Manchmal ist es nicht verkehrt, es platzen zu lassen."

Geht man in Gelsenkirchen eine der großen Straßen entlang, die nach großen Sozialdemokraten benannt sind, die Kurt-Schumacher-Straße zum Beispiel, dann stößt man auf Internetcafés und Wettbüros, vor denen junge Männer telefonieren. Man stößt auf blau-weiß angemalte Fankneipen des FC Schalke, mit schweren Plastiktüten bepackte Frauen, Säufer mit pockigen Nasen, viele Fenster mit matten Scheiben und ohne Gardinen, viele heruntergelassene Rollläden. Müsste man sich auf ein Wahrzeichen für diese Wohnviertel einigen, dann wären es die heruntergelassenen Rollläden.

Sie alle können einem leidtun, jeder Einzelne, auch die Trickser und Gelegenheitsbetrüger und Quartalsausbeuter. Man darf sich nicht einbilden, dass ein Mafiakonzern über die Schrotthäuser von Gelsenkirchen hergefallen ist. Groß und mächtig ist hier, abgesehen vom FC Schalke, nichts. Die Unterschicht hat sich in kleinliche Verteilungskämpfe verstrickt. Die Oberklasse der Unterschicht tritt gegen die Unterklasse der Unterschicht an, um ihr Auskommen zu sichern. Sieht man von den Bossen ab, dann trifft man auf lauter armselige Geschäftemacher, die in einer Ökonomie des Elends aufsteigen wollen – Männer, die sich in ramponierten Limousinen hinter abgetönten Scheiben wohlfühlen und durch halsbrecherische Wendemanöver die Straßenbahn ausbremsen.

Sie haben etwas auf die Spitze getrieben, was man in Gelsenkirchen schon immer beherrschen musste – sich durchschlagen. Sie schlagen sich durch und schlagen deshalb einander, und die Schläge schmerzen mit jedem Mal mehr. Gelsenkirchen hat keinen boomenden Hafen wie Duisburg, keine Universität wie Bochum, keine Villengegend wie Essen. Gelsenkirchen hat nur sich selbst, getragen vom unbeugsamen Willen, einfach durchzuhalten. Gelsenkirchen ist viel zu groß, um unbeachtet zu bleiben, aber viel zu klein, um ein bedeutendes Thema zu werden. Es ist eine bewundernswerte Stadt, so tapfer, so abgekämpft, so unerschrocken, so sehr von der Vergangenheit gezeichnet, so liebenswert mürrisch, so verbissen um einen alltagstauglichen Rest von Würde balgend, große Träume beherzt unterdrückend, frei von Anflügen nutzloser Metaphysik, so illusionslos, so unverwüstlich, so fabelhaft.

Dürfte sich Frank Baranowski, der Oberbürgermeister, etwas wünschen, dann wären es Abrissprämien. Dann könnte die städtische Entwicklungsgesellschaft im großen Stil aufräumen. Unter Entwicklung stellt man sich in Gelsenkirchen etwas anderes vor als in Hamburg oder München, nämlich Bagger. Sie vernichten Schrotthäuser, die von der Stadt gekauft werden und deren Renovierung sich nicht lohnt. So soll Schrotthaus-Dealern der Boden entzogen werden. Besser, man zerstört ein Haus, als es den Gegnern zu überlassen. Aber auch die Vernichtung ist eine teure Strategie. Das Geld der Stadt reicht aus, um Jahr für Jahr in drei Straßen Gebäude den Dealern zu entreißen. Es müssten hundert sein.

Drei sind aber besser als nichts. Drei sind ein Anfang. Immer öfter lässt die Stadt heruntergekommene Häuser schließen und die Eingangstüren versiegeln. Regelmäßig durchkämmen Einheiten von 20 Polizisten ganze Häuser, vollstrecken Haftbefehle und suchen nach Verdächtigen. Einmal kamen Türken und Araber aus der Nachbarschaft auf der Straße zusammen, schauten den Beamten bei der Razzia zu und applaudierten ihnen gemeinsam. Es kann jetzt sogar passieren, dass der städtische Ordnungsdienst einen Passanten auffordert, eine weggeworfene Zigarettenkippe aufzuheben. "Wir räumen das weg", sagt Oberbürgermeister Baranowski gern, und damit kann alles gemeint sein – eine Zigarette, ein Schrotthaus oder eine Scheinfirma.

Es ist schon vorgekommen, dass die Müllabfuhr jeden Tag in eine Straße fahren musste, um den Abfall wegzuschaffen, nicht nur einmal in der Woche. Es ist auch vorgekommen, dass die Müllwerker mit Containern und Radladern anrücken mussten, um das Chaos zu beseitigen – und von Anwohnern bespuckt wurden. Aber all das ist vorbei. Die Lage hat sich gebessert. Die Republik Gelsenkirchen, an deren Spitze ein Sozialdemokrat steht, hat den Kampf um die öffentliche Ordnung aufgenommen. Noch ist nicht klar, ob sich dieser Ehrgeiz politisch auszahlt. Bei der letzten Wahl jedenfalls ist die SPD in Gelsenkirchen auf 50 Prozent gekommen. Man muss das wiederholen, weil es so unglaublich klingt: 50 Prozent.

Nachzutragen bleibt, dass mit dem Müll der Rumänen die Ratten nach Gelsenkirchen gekommen sind. Aber darf man das schreiben? Man darf es schreiben, weil es stimmt. Ratten gab es zwar immer schon und überall, aber mit einem Mal sind sie in Häuser vorgedrungen. Ließe man den Gelsenkirchener Schädlingsbekämpfer Steffen Hartmann die Geschichte seiner Stadt erzählen, dann würde er berichten, dass seine Geschäfte seit zwei Jahren plötzlich wieder glänzend laufen. In den Wohnungen vieler Schrotthäuser tummeln sich Kakerlaken. Und in den Müllbergen der Innenhöfe fühlen sich Ratten wohl. Sie sind hartnäckig. Sie bleiben, wenn die Rumänen wegziehen. Das stellte auch der pensionierte Lehrer Eckart Kuke fest. Er besorgte sich Schnappfallen und streute im Garten feinen Sand auf ein Beet, um zu erfahren, ob die Ratten dort nachts entlanglaufen. "Als Ratte wäre es mir hier immer gut gegangen", sagt er. Die erlösende Nachricht ist: Diese Auseinandersetzung hat Eckart Kuke für sich entschieden.