Wer Kindergeld möchte, muss seine Kinder anmelden. Dann wird das Geld auch rückwirkend gezahlt, bis zu vier Jahre – wenn der Mietvertrag besagt, dass man schon seit vier Jahren in Deutschland lebt. Bei vier Kindern kommen so bis zu 38.000 Euro Nachzahlung zusammen. Die Kinder müssen dafür nicht in Deutschland leben, aber es muss sie geben. "Nichts ist einfacher", sagt ein Beamter aus Gelsenkirchen, "als die Familienkasse an der Nase herumzuführen." Nur einmal im Jahr werden dort die Daten in den Computern abgeglichen. Bis dahin erfährt die Kasse nicht, ob ein Rumäne, der Kindergeld bekommt, schon lange wieder in Rumänien wohnt.

So könnte man endlos weitermachen. Man könnte all die Tricks aufzählen, zum Beispiel den mit der Rechnung aus Holland. Versucht ein Amt in besonders krassen Ausnahmefällen, die Freizügigkeit eines Zuwanderers aberkennen zu lassen, dann genügt eine aktuelle Rechnung aus irgendeinem Bistro in den Niederlanden, um die Ausreise und erneute Einreise in die Bundesrepublik zu belegen und damit das ganze Verfahren zu stoppen. Man könnte erwähnen, dass Schein-Geburtsurkunden entdeckt wurden. Viel Schein ist entstanden, um den Staat zu schröpfen. Aber tun das die Deutschen nicht auch? Betrügen reiche Steuerflüchtlinge die Finanzbehörden nicht um ungleich höhere Beträge? Und hat Gelsenkirchen überhaupt ein Problem?

Gelsenkirchen war eine schrumpfende, überalterte Stadt. Wie bauen wir unsere Stadt zurück? Das war für Planer lange Zeit die wichtigste Frage. Die Bulgaren und Rumänen ziehen in Häuser, in denen keiner mehr leben wollte. Noch immer stehen etwa 10.000 Wohnungen in Gelsenkirchen leer. Und die Zuwanderer bringen viele Kinder mit. Die Kindergärten haben jetzt wieder Kinder, und die Schulen haben wieder Schüler. 42 Prozent der Zugezogenen sind jünger als 18 Jahre. Das Leben liegt noch vor ihnen. Wo also ist das Problem?

Es drückt sich in zwei Zahlen aus: 3.106 zu 4.599. Seit Anfang vergangenen Jahres sind 4.599 Rumänen und Bulgaren nach Gelsenkirchen gezogen, und 3.106 sind weggezogen. Die meisten sind nach wenigen Monaten oder einem Jahr gegangen – und mit ihnen die Kinder. Manchmal ziehen die Familien weiter, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlten und vor die Tür gesetzt wurden. Manchmal, weil der Hauseigentümer sie loswerden wollte, um das Gebäude teuer an Investoren zu verkaufen. Manchmal, weil ihre Matratzen plötzlich von Verwaltern auf den Hof geworfen und verbrannt wurden. Manchmal, weil ihnen die Kontrollen durch den Ordnungsdienst missfallen haben. Manchmal, weil sie glauben, dass ihre Kinder außerhalb Gelsenkirchens bessere Berufsaussichten haben. Manchmal, weil sie merken, dass beim Betteln in der Fußgängerzone von Gelsenkirchen nur wenig zu holen ist.

Die Familien suchen dann in anderen Städten nach Arbeit, oder nach Scheinarbeit, leben eine Weile in Frankreich, Italien oder Spanien, kehren vielleicht nach Gelsenkirchen zurück, ziehen weiter. Die Globalisierung ist nach unten durchgereicht worden und hat vieles durcheinandergewirbelt, weil sie etwas Ungewohntes mitbringt: das Leben im Provisorium. Wer sich nach Ordnung sehnt, muss das Provisorium hassen.

Ordentliche Tage beginnen mit Regenschauern und enden mit Regenschauern. Unordentliche Tage beginnen mit Sonnenschein und enden mit Sonnenschein. So blickt Herbert Leipelt auf die Welt, ein Rentner, der in Gelsenkirchen-Rotthausen in einem Mietshaus lebt, das er geerbt hat. Bei Sonne sitzen die Bulgaren, die in den Nachbarhäusern leben, im gemeinsamen Innenhof, schrauben an Autos herum, reden laut, lachen und grillen, bis in die Nacht. Bei Regen bleiben sie drinnen. Das sind die Tage, die Leipelt genießt. "Regen ist gut. Ist traurig, aber ist so", sagt er. "Hömma", fuhr er einmal einen der Bulgaren an, "ich wurde hier vor 75 Jahren geboren. Ihr habt euch anzupassen, nicht wir."

Aber Leipelt weiß nicht, ob seine Worte verstanden wurden. Auch ein anderer Hauseigentümer legt sich mit den Bulgaren an, ein türkischer Nachbar, mit dem sich Leipelt gut versteht. Seit die deutschen Mieter aus den Nachbarhäusern weggezogen sind, hält Leipelt hier das letzte deutsche Haus, so sieht er das. "Nach Zwickau" sei eine Nachbarin gezogen, "von Rotthausen nach Zwickau". Das klingt, als habe Leipelt sagen wollen: Aus einem bedrohten Paradies rettete sie sich in die Hölle. Eine andere Nachbarin verbringe ihre Tage auf dem Friedhof, um dort Ruhe zu finden.

Früher war Herbert Leipelt Glasschneider, ein einfacher Arbeiter, wie es viele Menschen in Gelsenkirchen heute noch sind. Sollte Sigmar Gabriel genauer ergründen wollen, was in den sogenannten kleinen Leuten vorgeht, die der Parteichef seit Kurzem offensiv vertreten will, könnte er Herbert Leipelt besuchen. Leipelt verpasst kein Treffen seiner SPD, Ortsverein Rotthausen. Die SPD ist seine Heimat. Er beschwerte sich auch schon bei der Stellvertreterin des Oberbürgermeisters, Martina Rudowitz. "Ruf mich an, wenn was ist", bat sie ihn anschließend. "Martina, ich kann dich doch nicht jeden Tag anrufen", antwortete Leipelt.

In seinen kleinen Garten gelangt er, wenn er im Hof das Tor seiner Garage öffnet, sich an seinem Auto vorbeidrückt und durch die Hintertür der Garage ins Freie tritt. Hier, in seiner Laube, fühlt er sich geschützt. Leipelt hat sich seine Ordnung selber geschaffen. Er kann sich die Ordnung nicht kaufen, weil er sich eine Putzfrau oder einen Gärtner nicht leisten kann. Hört man ihn schimpfen, dann klingt es so, als habe er etwas gegen Ausländer. In Wahrheit hat er etwas gegen Menschen, die seine Ordnung gefährden. Die Ordnung ist Leipelts Errungenschaft am Ende eines mühsamen Lebens. Deswegen nimmt er den Lärm persönlich. An Tagen, die ihn mit vielen Sonnenstunden quälen, kann es jetzt vorkommen, dass sich Leipelt fragt: "Für was bist du eigentlich noch in diesem Verein?" Der Verein ist die SPD.

Im Januar dieses Jahres hatten drei SPD-Ortsvereine vor, gegen den Bau von Flüchtlingsheimen zu demonstrieren, Großunterkünfte, die fast alle in verarmten Bezirken der Stadt errichtet werden sollten. Die SPD verteilte Flugblätter und rief zum Protest auf. So etwas hatte es noch nie gegeben.