Einmal muss Agentenführer Nahodil doch ein wenig gröber zupacken. Der Fernsehjournalist, der bis dahin immer seinen Pflichten als "Informator" des tschechoslowakischen Geheimdienstes artig nachgekommen war, will plötzlich abspringen, verweigert sogar, das obligate Geldkuvert anzunehmen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Daumenschrauben anzuziehen. Aus dieser Nummer, das macht Nahodil seinem Zuträger namens Holec klar, werde er so leicht nicht mehr herauskommen. Man habe ihn schließlich in der Hand.

Es ist der 21. August 1968. Mit einer halben Million Mann sind die Truppen des Warschauer Paktes in der ČSSR eingefallen und haben den Reformprozess des Prager Frühlings niedergewalzt. Der neue ORF, der sich eben erst aus den Fängen der Politik befreit und emanzipiert hatte, steht vor seiner ersten großen Bewährungsprobe. Er ist die erste Anlaufstelle für alle Nachrichten, die über den Panzerkommunismus aus dem Nachbarland in den Westen dringen. Doch Fernsehdirektor Helmut Zilk, alias Holec, steht seit Jahren im Sold der Prager Auslandsspionage. Jetzt wird er erpresst. Er soll Desinformation auf Sendung bringen, obwohl er über authentisches Filmmaterial der Straßenkämpfe verfügt, dass ein junger Regisseur in den Westen geschmuggelt hat.

In seinem neuen Spielfilm Deckname Holec hat Franz Novotny, eines der verdienten Schlachtrösser des österreichischen Kinos, geschickt zwei reale Handlungsstränge miteinander verwoben. Er erzählt einerseits die Geschichte von Jan Nemec (im Film heißt er Honza), eines unangepassten Vertreters der Neuen Welle des tschechoslowakischen Films, der im August 1968 die Straßenkämpfe in Prag mit seiner Kamera festhielt und das brisante Material über die Grenze schleuste. Parallel dazu folgt Novotny den Spuren der Spionageaffäre Zilk, die das Nachrichtenmagazin profil 2009 aufgedeckt hatte. Fast vier Jahre lang hatte der lebenslustige und durchaus geltungssüchtige Fernsehmann dem tschechoslowakischen Geheimdienst Informationen aus dem Innenleben der österreichischen Politik geliefert und dafür insgesamt 70.000 Schilling, das entspricht heute rund 24.000 Euro, sowie Sachgeschenke, etwa einen ausladenden Luster aus böhmischem Bleikristall, erhalten.

Der aufbrausende Besser-Wessi gockelt eitel durch das kommunistische Fernsehstudio

Zilk, später Unterrichtsminister und populärer Bürgermeister von Wien, war allerdings kein bedeutender Spion. An große Staatsgeheimnisse kam er nicht heran, was er seinen Auftraggebern liefern konnte waren die Zusammenfassungen von Hintergrundgesprächen, die der Journalist mit Politikern führte, oder halb offizielle Informationen wie das Mitteilungsblatt für die 70.000 Vertrauensleute der SPÖ.

Für einen Agentenfilm aus der Zeit des Kalten Krieges ist das denkbar sprödes Ausgangsmaterial. Novotny, ein Vertreter des deftigen, mitunter auch derben Tempokinos, hält sich daher auch nur lose an die Fakten. Er breitet vielmehr genüsslich ein Sittenbild aus den biederen sechziger Jahren aus, als sich zum ersten Mal nach Kriegsende bescheidener Wohlstand breitmacht. Gezielt hat Novotny all jene Elemente herausgepickt, in denen sich die grotesk-österreichischen Aspekte der Geschichte manifestieren. Im Mittelpunkt des historischen Tableaus steht die Figur des Bonvivants und Schürzenjägers Zilk, der sich schon damals in der Rolle des besserwisserischen Tausendsassas gefiel. Der Film ist daher auch viel mehr die Charakterstudie eines Karrieristen denn die Chronik einer Spionageaffäre. Der Schauspieler Johannes Zeiler, vor fünf Jahren Titelheld der russischen Faust-Verfilmung von Aleksandr Sokurov, verkörpert dieses polternde Showtalent mit einer erstaunlichen Authentizität, ohne der Versuchung der platten Imitation zu erliegen.

Zilk war schon in den frühen sechziger Jahren eine vertraute Erscheinung in Wien. Bekannt war er mit den TV-Publikumsdiskussionen Stadtgespräche geworden, in denen er sich mit dröhnendem Bassbariton als Dompteur in der Manege der Meinungen gefiel. Mit dieser Sendung schaffte er es, 1964 in Prag zu gastieren und in einem Liveprogramm den Eisernen Vorhang zu überwinden. Aus diesem Anlass geriet er auch ins Visier der Prager Agenten, die Zilk wenig später als Informationslieferanten anwarben.