Nein, es ist nicht alles schon da gewesen. Doch wer allein auf die rasende Gegenwart blickt, wird von ihr überwältigt. Sie erzeugt pausenlos Alarmstress, der den Blick trübt, wenn wir nicht einen Schritt zurücktreten und fragen: Gab es solche Zeiten schon einmal, und wie haben die Zeitgenossen damals reagiert?

Antwort gibt die Literatur, denn sie ist ein Archiv der Mentalitätsgeschichte. Schlagen wir das Buch Die Welt von gestern auf, das Stefan Zweig zwischen 1939 und 1941 schrieb und in dem er 50 Jahre zurückblickte: "... in diesem einen halben Jahrhundert hat sich mehr ereignet an radikalen Verwandlungen und Veränderungen als sonst in zehn Menschengeschlechtern, und jeder von uns fühlt: zu vieles fast." Kommt uns das bekannt vor?

Dann dies: "Für unsere Generation gab es kein Entweichen, kein Sich-abseits-Stellen wie in den früheren; wir waren dank unserer neuen Organisation der Gleichzeitigkeit ständig einbezogen in die Zeit."

So wie wir heute. Und weiter: "Wenn Bomben in Shanghai die Häuser zerschmetterten, wußten wir es in Europa in unseren Zimmern, ehe die Verwundeten aus ihren Häusern getragen waren. Was tausend Meilen über dem Meer sich ereignete, sprang uns leibhaftig im Bilde an. Es gab keinen Schutz, keine Sicherung gegen das ständige Verständigtwerden und Mitgezogensein." Das hat Stefan Zweig geschrieben – viele Jahrzehnte vor dem Internet.

Noch sein Vater und Großvater hatten "ein Leben mit kleinen Spannungen, unmerklichen Übergängen" geführt. "Was außen in der Welt geschah, ereignete sich eigentlich nur in der Zeitung und pochte nicht an ihre Zimmertür." Ruhige Zeiten eben. Und man dachte, sie würden ruhig blieben. Warum auch nicht? "Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen", lesen wir bei Zweig. "An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie, die Grenzen (...) zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen."

Ever closer union sozusagen. Dann aber brach "das Zeitalter der Extreme" an, wie der britische Historiker Eric Hobsbawm den größeren Teil des 20. Jahrhunderts bezeichnete. Wieder erwies sich, dass spätestens seit der Französischen Revolution von 1789 die turbulenten und blutroten Zeiten die Regel sind und die ruhigen, friedlichen Perioden die Ausnahme ("die leeren Blätter der Geschichte", wie Hegel sich ausdrückte). Man könnte die Phasen der Geschichte in unseren Breiten grob vereinfacht so schematisieren:

1789–1871: Erhitzung

1871–1914: Abkühlung

1914–1924: Erhitzung

1924–1933: hin und wieder etwas Abkühlung, jedenfalls hier und da

1933–1953: Erhitzung

1953–1989: Abkühlung (mit Unterbrechungen)

1989–heute: Erhitzung

Keine beruhigende, sondern eine beunruhigende Übersicht. Denn was in dieser Tabelle "Erhitzung" heißt, war meist fürchterlich, und fürchterlich könnte es wieder werden.

Neue, erhitzte Zeiten kündigen sich durch Übergangsphänomene an. Robert Musil beobachtete sie in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften, entstanden in den 1920er und 1930er Jahren: "Was ist also abhanden gekommen? Etwas Unwägbares. Ein Vorzeichen. Eine Illusion. Wie wenn ein Magnet die Eisenspäne losläßt und sie wieder durcheinandergeraten. Wie wenn Fäden aus einem Knäuel herausfallen. Wie wenn ein Zug sich gelockert hat. Wie wenn ein Orchester falsch zu spielen anfängt."

Plötzlich Brexit. Harter Nationalismus frisst sich durch Europa. Bizarre Verbrechen werden verübt: Nachbarn zünden Flüchtlingen das Dach über dem Kopf an; offenkundig Irre rasen im Namen Allahs mit einem Lkw in Menschenmengen oder hacken mit einer Axt auf Mitreisende im Bahnabteil ein. Und ein rüder Ton macht sich breit, der nicht zum bürgerlichen Selbstverständnis der Bundesrepublik passt.