Wolf Biermann und Manfred Krug sind bekannte Beispiele für Bürger, die die DDR in Richtung Westen verließen. Aber da ist etwas, das beide noch eint – dass sie ursprünglich nämlich auch aus dem Westen stammten: Biermann, 1976 ausgebürgert, war 1953 als Kommunist aus Hamburg in die DDR gekommen. Krug, der 1977 ausreiste, stammt aus Duisburg, war 1949 mit seinem Vater in den Osten gegangen. Nach 1961 wurden solche Umzüge zum Sonderfall, aber es gab sie über die ganze DDR-Zeit hinweg. Fünf Beispiele von Künstlern, die in den SED-Staat zogen:

Dean Reed, Musiker, geboren 1938 in Denver, Colorado

Ein US-Amerikaner, der unter mysteriösen Umständen in der DDR stirbt: Das klingt eher nach einem Agententhriller als nach einer Musiker-Biografie. Der aus den USA stammende Country- und Folk-Sänger Dean Reed ist in den sechziger Jahren zunächst ein Teenager-Idol in Südamerika gewesen. Dort politisierte er sich, wurde zum bekennenden Sozialisten und startete von 1966 an eine zweite Karriere im Ostblock. 1973 zog "der rote Elvis" – wohl vor allem der Liebe wegen – nach Leipzig, wo die DDR-Oberen den "Sänger des anderen Amerika" regelrecht hofierten. 1986 verteidigte er im US-Fernsehen die Berliner Mauer und zeigte ein Foto, das ihn mit Kalaschnikow bei palästinensischen Kämpfern zeigte. Das verziehen ihm die Amerikaner nie. Doch auch sein Verhältnis zur DDR war nicht ungetrübt: Laut Stasi-Protokollen verglich er 1982 im Streit mit einem Polizisten "die DDR mit einem faschistischen Staat", den er und die DDR-Bürger "bis oben hin satt" hätten. Als er 1986 starb, war von einem Unfall die Rede. Nicht nur im Westen kursierte das Gerüchte, Reed sei beseitigt worden. Nach der Wende erfuhr die Öffentlichkeit: Es war Selbstmord. Seinen Abschiedsbrief hatten die DDR-Behörden unter Verschluss gehalten. Dabei machte Reed darin dem SED-Staat gar keine Vorwürfe – sondern seiner Frau.

Wolfgang Kieling, Schauspieler, geboren 1924 in Berlin-Neukölln

Den Schauspieler Wolfgang Kieling, geboren 1924, zog es gleich zweimal vom Westen in die DDR – beide Male blieb er nicht lang. 1954 trieben ihn, der nach dem Krieg in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gesessen hatte, "politische Gründe" in die DDR, aber wohl auch eine fruchtbare Zusammenarbeit mit der DEFA, für die er bis 1957 in zahlreichen Filmen mitwirkte. Ab 1958 nahm er Engagements im Westen an und lebte auch dort, siedelte aber im März 1968 erneut in die DDR über, aus Protest gegen den Umgang der West-Öffentlichkeit mit den Studentenunruhen. Obwohl die DEFA ihn erneut engagierte, kehrte er 1970 reuig in den Westen zurück, wo inzwischen Willy Brandt an der Macht war.

Bertolt Brecht, Dramatiker, geboren 1898 in Augsburg

Dass Bertolt Brecht und seine Frau Helene Weigel sich in der DDR niederlassen würden, war nach ihrer Rückkehr aus dem Exil in den USA alles andere als ausgemacht. Zwar verwehrte man Brecht in den westdeutschen Besatzungszonen die Einreise, doch erwog er, zunächst in Zürich zu bleiben, wo er sich seit 1947 aufhielt. Aber in der Schweiz wollte man ihn langfristig nicht dulden, "aus politisch-polizeilichen Gründen", man verdächtigte Brecht kommunistischer Umtriebe. Die Eheleute waren so quasi staatenlos – nach Zwischenstopps in Österreich und Prag gelangten sie 1948 erstmals nach Ost-Berlin, wo die SED-Führung intensiv um sie warb. 1949 bemühte sich Brecht erneut in Zürich um eine langfristige Aufenthaltserlaubnis – erfolglos. Zwar erhielten er und seine Frau 1950 österreichische Pässe, die Brecht als Gegenleistung für seine Mitwirkung an der Wiederbelebung der Salzburger Festspiele gefordert hatte, doch schon im Mai 1949 hatte sich das Ehepaar in Ost-Berlin niedergelassen. Helene Weigel wurde Intendantin des Berliner Ensembles, das Haus wurde für den Regisseur und Schriftsteller Brecht der wichtigste Arbeitsort.

Stefan Heym, Schriftsteller, 1913 in Chemnitz geboren

Auch Stefan Heym und seine Frau Gertrude verbrachten die NS-Zeit im US-Exil. Heym kehrte schon im Krieg als amerikanischer Soldat nach Europa zurück, war Redakteur bei zwei Zeitungen in den westlichen Besatzungszonen. Ende 1945 musste er, dezidierter Linker, aus politischen Gründen wieder in die Staaten, wo er und seine Frau sich dann zusehends von den Anhängern McCarthys denunziert fühlen – weshalb sie sich 1952 für den Umzug in die DDR entschieden. Heym geriet in Konflikt mit den Oberen. Er protestierte gegen Wolf Biermanns Ausweisung, wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, forderte die Wiedervereinigung unter sozialistischen Vorzeichen. Als diese kam – allerdings ohne diese Vorzeichen –, wurde er ein großer Kritiker des neuen Systems.

Ronald M. Schernikau, Autor, geboren 1960 in Magdeburg

Die Einbürgerung Ronald M. Schernikaus in die DDR wäre um ein Haar durch deren Untergang verhindert worden. Erst am 1. September 1989 erwarb der Schriftsteller, 1960 in Magdeburg geboren und 1966 mit seiner Mutter in den Westen geflohen, die Ost-Staatsbürgerschaft. Seit 1986 hatte er, Kommunist und Vorkämpfer der Schwulenbewegung, in Leipzig Literatur studiert. Zum endgültigen Umzug in die DDR und zum Wechsel der Staatsbürgerschaft riet ihm nicht zuletzt Peter Hacks. Dieser war 1955 selbst in die DDR übergesiedelt. Nur die DDR, schrieb Hacks an Schernikau, stelle jungen Schriftstellern "auf ihre entsetzliche Weise" die Fragen des Jahrhunderts. Schernikau kam zu dem Schluss: "In der DDR werden die besseren Bücher geschrieben."