An jenem Tag, an dem im fernen Birstall die britische Abgeordnete Jo Cox ermordet wird, steht Margrethe Vestager in einem kleinen Zelt in Allinge, auf der dänischen Ferieninsel Bornholm. Die EU-Kommissarin für Wettbewerb hat einen weißen Kittel übergestreift, ihre Füße stecken in Gummistiefeln, denn für den Tag ist Regen vorhergesagt. Vor ihr sitzen die Zuhörer auf weißen Plastikstühlen: Studenten, Rentner, Angestellte. Zehntausende Dänen sind zum Politikfestival Folkemødet angereist. Tagsüber wird diskutiert, abends gefeiert. Es ist ein fröhliches Gewusel mit Smørrebrød und Kinderspaß.

Der Kontrast zu ihrem Brüsseler Arbeitsplatz, hoch oben in der zehnten Etage der gläsernen Kommissionszentrale, könnte größer kaum sein. Seit November 2014 beaufsichtigt die Dänin den Wettbewerb in der EU. Dafür legt sie sich regelmäßig mit den ganz Großen an. Gerade hat sie eine Rekordbuße in Höhe von 2,9 Milliarden Euro gegen europäische Lkw-Hersteller verhängt, die ein Preiskartell gebildet hatten. Dem Internetgiganten Google drohen ebenfalls Strafen in Milliardenhöhe. Und auch gegen Gazprom, den russischen Energieriesen, führt Vestager ein Verfahren. Vestager gilt als mächtigste Frau Brüssels. Jedenfalls, solange Angela Merkel nicht dort ist. Die beiden Frauen verbindet ihre sehr kontrollierte Art der Politik. Aber es gibt auch Unterschiede. So würde Merkel ein Festival mit Plastikstühlen und Kinderspaß wohl eher meiden. Vestager dagegen scheint sich hier pudelwohl zu fühlen. Sie sagt: "Ich vermisse die Menschen."

Vestager ist nach Bornholm gekommen, um auf dem Politikfestival über "das neue Europa" zu diskutieren. Der weiße Kittel soll die Politikerin in eine Forscherin verwandeln. Und in gewisser Weise ist sie das auch. Vestager sucht nach einer neuen Formel für den alten Kontinent. Einer, mit der die EU die Menschen für sich zurückgewinnen kann.

Was bedeutet es noch, in Brüssel mächtig zu sein, wenn die EU immer schwächer wird?

So friedlich und idyllisch das Festival auch ist – die Nachricht vom Tod der britischen Abgeordneten Cox bedrückt Vestager. Sie sieht den Mord als Menetekel, ein Zeichen für die zunehmende Polarisierung in Europa. Im Zelt in Allinge meldet sich eine junge Frau zu Wort. Aufgewühlt spricht sie über die Flüchtlinge, die Europa und die EU entzweit hätten. Ein älterer Mann will aus einem Buch vorlesen, um seinen Sorgen Nachdruck zu verleihen. Das Buch hat der Schriftsteller Karl Kraus geschrieben: Die letzten Tage der Menschheit.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass Flüchtlinge, Terror und Brexit die EU überfordern. Was aber kann eine einzelne Kommissarin dagegen tun? Was bedeutet es noch, in Brüssel mächtig zu sein, wenn die EU immer schwächer wird?

Bevor Vestager nach Brüssel ging, war sie dänische Wirtschaftsministerin und stellvertretende Regierungschefin. Ihr politischer Aufstieg machte sie zum Vorbild für die Filmfigur Brigitte Nyborg, Ministerpräsidentin in der famosen und vielfach ausgezeichneten dänischen Fernsehserie Borgen. Mehrere Tage lang wurde sie dafür von der Schauspielerin begleitet. Die Parallelen sind nicht zu übersehen. So wie die Filmfigur Nyborg stand auch Vestager an der Spitze einer sozialliberalen Partei; auch ihr Mann ist Lehrer. In Dänemark war die Mutter von drei Kindern ein Star. Trotzdem hat sie für den Job als Wettbewerbskommissarin alle ihre Ämter dort aufgegeben. "Manchmal muss man nach Brüssel gehen, um den Bürgern zu dienen", sagt Vestager. Sie will zeigen, dass die EU, die viele Menschen für entrückt halten, für alle da ist.