Denke ich an die Briefmarkensammlungen meiner Kindheit, fällt mir zuerst ein Detail ein, das einem Traum entsprungen sein könnte, ein besonders aufdringliches, bizarres Detail. Es gab da ein Album, gehütet wie ein hässlicher Schatz, in dem waren Marken aus der Zeit des "Dritten Reiches" gehortet, darunter auch eine Reihe verschiedenfarbiger Hitler-Köpfe. Sie waren alle verkehrt herum einsortiert. Der finstere Volksverführer mit dem streng gescheitelten Haar stand darin kopf. Hatte ich das getan und warum? Ich weiß nicht mehr, war es eine Vorsichtsmaßnahme gewesen, aus Sorge, jemand könnte mein Album entdecken, oder ein Akt der Teufelsaustreibung, die naive Idee, den Bösewicht, diesen Derwisch des Deutschtums, so zu enthaupten?

Der Anblick von Briefmarken führt mich in die Paradiese der Erinnerung zurück, in eine Gartenschau im Kleinen. Vor den Kinderaugen war hinter den Klarsichtstreifen der Sammelalben eine ganze Welt in Miniaturbildern kondensiert. Denn Briefmarken sind oftmals der erste Orbis pictus im Leben eines Kindes. So war es auch bei mir. Die Reihen der Marken, mir erschienen sie damals wie Blumenbeete, alle wohlgeordnet und doch irgendwie wild dank ihrer bunt durcheinanderwirbelnden, vielgestaltigen Motive. Da war die Trachtengruppe dicht neben dem Bohrturm platziert, das Eichhörnchen am Baumstamm neben dem Olympiasieger im Skispringen – Philatelie in der Farbigkeit von Zirkusplakaten. Es gab die Marken der Malediven in ungewöhnlicher Dreiecksform und gleich daneben die großformatigen aus Brasilien mit den herrlichen Schmetterlingsmotiven.

Die Überbleibsel aus der Nazizeit wirkten dagegen übersichtlich und monoton. Sie waren, auf eine bedrückende Weise, streng und einfallslos, schlicht in den Motiven – es gab da nur Adler und Burgen, brutale Stahlhelmmänner, Reiter und nackte Athleten, später auch kämpfende Wehrmacht aller Waffengattungen. Dazwischen tauchte der Diktator im Profil auf, als Typus des weitblickenden Staatsmannes. Ich weiß nicht, was in uns gefahren war, aber damals reizte uns diese widerwärtigste Figur des Zeitalters noch mächtig als finstere Märchengestalt. Er war der Dämon, den ein Bilderverbot, ein allgemeines Tabu von uns fernhalten sollte.

Das Briefmarkensammeln hatte ich irgendwann aufgegeben, noch vor dem Ende der Schulzeit. Die Alben verschwanden, wie vieles andere, auf dem Dachboden. Jahre später aber segelte mir beim Stöbern in ihnen eine Feldpostkarte mit einer violetten Marke entgegen. Es war ihre aufreizende Färbung, das Eisenhut-Lila, was mich auf abwegige Gedanken brachte. Denselben Führerkopf gab es auch in den Varianten Erbsengrün, Kastanienbraun, Blutrot, selbst in harmlosem Orange. Briefe und Ansichtskarten, die das bedrohliche Konterfei trugen, waren damals in alle Welt hinausgesandt worden. In Expresszügen waren sie kreuz und quer durch das erwachende Deutschland geliefert worden und per Luftpost hinaus bis nach Amerika. Mit einem Mal kam mir der Massencharakter des Nationalsozialismus anschaulich zu Bewusstsein. Ich fragte mich, von wie vielen Millionen Menschen Hitler seinerzeit abgeleckt worden war, freiwillig oder nicht. Die Vorstellung hatte etwas Entsetzliches.

Wenn es nicht das Schwammkissen am Postschalter war, dann musste eine Menschenzunge ihn auf der Rückseite befeuchtet haben. Ich stellte mir Situationen vor, in denen das geschehen war, unbeobachtete, intime Momente, und dazu die Anlässe und die Orte. An einem strahlenden Julitag am Tisch eines Münchner Biergartens, mit einem kräftigen Faustschlag auf die widerspenstige Marke, wenn gerade keiner hinsah. Oder beschwingt auf ein Liebesbriefchen geklebt, das alsbald durch den Schlitz des Briefkastens glitt. An einem Winterabend in der Wachstube einer Kaserne im besetzten Polen, einer Berliner Kaschemme nach durchwachter Nacht und so weiter. Jedes Mal war es der gleiche selbstvergessene Handlungsakt gewesen, etwas nahezu Affenhaftes wie das Lausen der Felle, das Ablecken eines Stöckchens, an dem Ameisen kleben, ein bedingter Reflex, wie es im hoch entwickelten, modernen Leben so viele gab. Wer sich dabei ertappte, war wohl für einen Augenblick beschämt, dachte auch kurz an die Ansteckungsgefahr, vergaß es aber sogleich und hatte das nächste Stück Wertzeichen bereits angefeuchtet.

Die kleine violette Briefmarke zum Wert von sechs Pfennig mit dem Bild Adolf Hitlers und der Aufschrift Deutsches Reich – wie eine giftige Pflanze, eine Sumpfblüte klebte sie da. Ich erinnere mich, wie ich sie beim ersten Mal lange betrachtet hatte, wohlwissend, dass ich etwas Verbotenes tat. Damals bin ich in dieses kleine Quadrat hineingestürzt und zwischen die Zeiten geraten. So muss sich ein Bergwanderer fühlen, wenn er im Gebirge auf das seltene Edelweiß stößt. Später, wenn ich die Marke wiedersah, zitterte immer etwas von dem Gefühl des Ungeheuerlichen nach.

In dem kleinen Fetzen gezähnten Papiers war sie greifbar geworden, die Formel von dem Einzelnen und der Masse. In dieser Briefmarke war die beschämende Relation anschaulich geblieben. Da war der Einzelne als inferiore Gestalt – ein Namenloser, einer unter acht Millionen, wie er selbst geschrieben hatte in seinem Kampfbuch –, und dann hatte die Masse ihn, den früh Gescheiterten, an die Spitze getragen, die Masse, die ihrerseits vielfach aus Gescheiterten und Namenlosen bestand. Einer war da, sich zum Sprachrohr vieler zu machen, bis sie ihn zuletzt, auf dem Höhepunkt der totalen Herrschaft, auf ihre Briefmarken drucken mussten, millionenfach. Da aber war es dann längst zu spät, da war gegen ihn und seine toxische Wirkung kein Kraut mehr gewachsen.