Der polnische Antisemitismus, auch unter den Widerstandskämpfern der Heimatarmee, ist seit Jahren historisch gut erforscht, und es ist natürlich eine dumme Behauptung, dass die Deutschen sich vom Holocaust entlasten würden, wenn sie den Judenhass auch andernorts thematisierten. Kein Verbrechen der Deutschen im "Dritten Reich" kann dadurch relativiert werden, dass es Kollaborateure in anderen Ländern gab. Umgekehrt kann sich auch kein Volk seiner Verantwortung für die eigenen Verbrechen entledigen, nur weil ein anderes weitaus größeres Unheil angerichtet hat. Derartige, nun wirklich nicht allzu komplizierte Einsichten sind in Polen zurzeit kaum vermittelbar. Seit der unguten Politisierung der polnischen Gesellschaft in den vergangenen Jahren gibt sich das Land (darin der Türkei nicht unähnlich) einem Opferkult hin, der an Geschichtsfälschung grenzt.

Vor einigen Tagen sorgte ein Interview mit der polnischen Bildungsministerin Anna Zalewska für Aufsehen, in dem sie sich trotz zahlreicher Nachfragen standhaft weigerte, die Beteiligung von Polen an den Pogromen in Kielce (1946) und Jedwabne (1941) einzugestehen. In Danzig wird derzeit auf ein neues Museum zum Zweiten Weltkrieg massiv Einfluss ausgeübt. Die Regierungspartei PiS drängt darauf, die Geschichte der Polen mit "Würde und Stolz" darzustellen und von einer "Pädagogik der Schande" abzusehen. Die Geschichte der Polen soll ausschließlich eine Geschichte des Heroismus sein.

Dass der deutsche Fernseh-Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter antisemitische Strömungen der Heimatarmee thematisierte, gilt wiederum als unfassbarer Affront des deutschen Volkes wie des Mainzer Senders ZDF. Jetzt stehen die Programmmacher in Polen vor Gericht, weil ein Kriegsveteran ihnen eine Verletzung seiner Persönlichkeit und der nationalen Würde vorwirft. In den derzeitigen Debatten geht es nicht um die Aufarbeitung, sondern um die Instrumentalisierung von Geschichte. Wer zu Mäßigung und Sachlichkeit aufruft, gilt fast schon als Volksverräter. In Deutschland scheint man weise genug, die erhitzten Gemüter wohlwollend zu ignorieren.