Ich soll präsentieren. Folien mit bunten Kreisen und Quadraten. Die Ergebnisse eines Gruppenprojekts des Verlags.

Zu Beginn des Projekts teilte ein Mann im Anzug Zettel aus, auf denen stand: "Teambuilding fördert die Bündelung der kreativen Potenziale unseres Hauses und skaliert so deren Impact." Ich schaute lange auf den Zettel. Der Anzugmann schaute lange auf mich. Dann sagte er: "Einer für alle, alle für einen."

Seither diskutiert meine Gruppe über den Impact, den wir machen wollen. Unsere Vorstellungen sind sehr unterschiedlich, unsere Diskussionen immer gleich. Ein Mann aus der Gruppe findet, dass man etwas machen sollte. Ein anderer Mann aus der Gruppe findet, dass man etwas anderes machen sollte. Die Frau in der Gruppe fängt an, etwas zu machen. Anfangs lachte sie darüber. Später schmollte sie. Noch später weinte sie.

Ich will nicht präsentieren.

Damit bin ich ziemlich alleine. Seitdem es das Internet gibt, wird dauernd irgendwas präsentiert. Der Oberkörper. Das neue Tattoo. Der neue Partner. Die Gesinnung. Oder das Haustier, wenn man weder einen präsentablen Oberkörper noch einen Partner hat. Alle präsentieren.

Inzwischen sogar mein Freund Alex.

Wir studierten und wohnten zusammen. Alex war klug und schön. Außer wenn jemand zu Besuch war. Dann hielt er bei Gesprächen den Mund und bei Fotos die Hand vor das Gesicht.

Bis seine Frau schwanger wurde. Und er eine WhatsApp-Gruppe einrichtete. Für Freunde und Familie und Freunde der Familie und die Familien der Freunde.

Auf dem ersten Foto saugte er an einem Schnuller. "Vortester", stand darunter. Auf dem nächsten Foto machten er und seine Frau das Victoryzeichen. Im Kreißsaal. "B-Day!", stand darunter. Auf dem bisher letzten Foto hielt er sein Baby im Arm und war bedeckt mit einer Flüssigkeit, die kurz zuvor noch zum Baby gehörte. Darunter stand: "Überschüttet mit Liebe." – "Warum?", fragte ich ihn am Telefon. "Weil das meine Menschen sind", sagte Alex.

Bevor ich meine Tage mit Alex verbrachte, verbrachte ich sie mit Nicole. Wir hatten uns auf einer Party kennengelernt, für die ich zu alt war und sie zu schön. Nicole lächelte häufig und redete wenig, und obwohl sie dasselbe Shampoo benutzte wie alle anderen Mädchen auf der Party, rochen ihre Haare besser. Wenn ich mit ihr die Straße entlanglief, machte mich ihre Schönheit stolz. Wenn ich mit ihr bei meinen Freunden saß, ärgerte mich ihr Schweigen. Und wenn wir alleine waren, sagte ich: "Du solltest mehr reden." Anfangs lachte sie. Später schmollte sie. Noch später weinte sie. Dann lag ein Zettel auf dem Küchentisch. "Ich wäre so gerne Dein Mensch gewesen."

Die Kreise und Quadrate auf unseren Folien sehen aus wie beschriftete Bauklötzchen. Ich schäme mich dafür. Ich präsentiere trotzdem. Einer für alle.

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