Als die Morgensonne auf die Bucht von Guanabara trifft, schwankt das Boot der alten Männer sanft in den Wellen. Langsam lichtet sich der dichte Nebel und gibt den Blick frei auf die atemberaubende Silhouette: der Zuckerhut, die zart geschwungene Brücke zwischen Rio und Niteroi, majestätische Tankschiffe vor der Hafeneinfahrt. Gilmar Lopez de Guzmão und Haroldo Francisco de Paula, beide Mitte sechzig, wechseln kein Wort. Was sollen sie schon sagen? Die Handgriffe sitzen, seit zwölf Jahren fischen sie gemeinsam in dieser Bucht. Nun holen sie ihr Netz ein, klauben Fische aus den Maschen und werfen sie in eine Plastikwanne, wo sie noch minutenlang zappeln.

"Nicht mal neun Kilo", schnaubt Haroldo, dann kehrt er mit Gilmar um. Ihre Heimat ist die Fischerkolonie Z-10 gleich hinter dem internationalen Flughafen. Die Regierung hat die Siedlungen nummeriert: Z-8 liegt am Ufer gegenüber, Z-11 unter einer Autobahnbrücke und so weiter. Jeden Morgen zwischen drei und vier Uhr fahren die beiden Männer hinaus, zurück geht es gegen zehn. Bis zu 30 Kilometer legen sie täglich zurück – rudernd.

In wenigen Tagen werden Gilmar und Haroldo nicht mehr die Einzigen sein, die in den Fischgründen von Guanabara sportliche Großtaten vollbringen. Am 8. August starten die olympischen Segelwettbewerbe in der Bucht; auf fünf verschiedenen Strecken rings um den traditionellen Jachthafen Marina da Gloria geht es in zehn Bootsklassen um Medaillen. 380 Athleten werden erwartet, auch fünf Frauen und acht Männer aus Deutschland. Grandiose Fernsehbilder, den Postkartenblick auf die Traumstadt Rio haben sich die Veranstalter von den Regatten erhofft. Doch inzwischen ist die Bucht zu einem Symbol für etwas ganz anderes geworden: für die Fehlplanungen rings um Olympia – und für eine völlig überlastete Stadt.

Seit Monaten gehen Bilder von im Wasser treibenden Röhrenfernsehern und Tierkadavern um die Welt. Die Guanabara-Bucht erstickt im Müll. Täglich laufen 1,5 Milliarden Liter ungeklärte Abwässer hinein – damit ließen sich 622 olympische Schwimmbecken füllen. Dazu kommen Öl von Schiffen und aus lecken Pipelines, heimlich verklappter Sonderabfall aus Krankenhäusern und der Chemieindustrie. Dem Internationalen Olympischen Komitee hatten die Stadtoberen versprochen, die Bucht für die Spiele zu säubern, aber ernsthaft daran gearbeitet wurde nie. Nach einem Testwettbewerb im vergangenen Jahr mussten mehrere Segler, auch der 49er-Europameister Erik Heil aus Berlin, wegen Hautentzündungen und Durchfällen behandelt werden. Später stellten Biologen arzneiresistente Bakterien im Buchtwasser fest. Inzwischen hat sich das deutsche Team mit der Lage arrangiert; seit Tagen stellen die Sportler begeisterte Fotos von Restaurantbesuchen und Stadttouren ins Netz.

Auch der Fischer Gilmar de Guzmão merkt, dass Olympia bald beginnt. "Ab dem 20. Tag vor den Wettbewerben schickt die Küstenwache alle Fischer zurück, die in die Nähe der Segelreviere kommen", sagt er und verzieht sein Gesicht. Es ist Mittag, inzwischen hat er alle Fische verkauft, jetzt wäscht er seine Hände in einer Tonne voll Regenwasser. 45 Real erhalten sie für den Fang dieser Nacht, 12 Euro. Den Großteil hat ein untersetzter Mann mitgenommen, der die Ware weiter bergauf verkaufen will, wo sich Armutsgebiete über die Hügel erstrecken. "Es ist der billigste Fisch", sagt er mit der Miene eines Gourmets, "und auch der beste."

Ihm sei es peinlich, sagt Gilmar, dass jetzt so viele Ausländer kommen, dass Journalisten und Sportler seine Bucht in so schlechtem Zustand erleben. "Wo die segeln wollen, würden wir nicht mal fischen!", sagt sein Kompagnon Haroldo lachend. "Da ist es doch am schmutzigsten überhaupt!"

Es ist ein Scherz unter Fischern, aber nur ein halber. Über dem olympischen Segelrevier zieht alle paar Tage ein Südwind auf und treibt frisches Atlantikwasser herein. Doch die Wetterlage ist Glückssache. Wenn der Wind anders steht, treibt er den Schmutz aus dem Inneren der Bucht in die Regattareviere. Von der Gegend um den Flughafen etwa, wo ungezählte Abwasserkanäle in verwinkelte Einlässe und Kanäle münden; dort treibt der Müll tonnenweise auf den Wellen. Wer begreifen will, warum Guanabara so schmutzig ist und warum sich daran trotz der weltweiten Aufmerksamkeit nichts ändert, muss hierhin fahren.