In Wirklichkeit heißt sie Carolin Bendel, hat Geschichte und Germanistik studiert und eine Promotion über deutschisraelische Sicherheitspolitik begonnen. Als Autorin nennt sie sich Poppy J. Anderson oder Alexandra Graham und schreibt Liebesromane rund ums Milieu eines amerikanischen Footballteams. Als erste deutsche Selfpublisherin – begonnen hat sie auf Amazon Kindles Selfpublishing-Plattform KPD (Kindle Direct Publishing) – hat sie über eine Million Bücher verkauft. Ein einzelner Leuchtturm ist sie nicht. Auf Amazons Bücher-Bestsellerliste werden jeden Monat über fünfzig Prozent der Kindle-eBooks von unabhängigen Autoren geschrieben.

Vor allem Thriller und Liebesromane haben erfolgreiche Selfpublishing-Autoren geschrieben – Genres, die Emotionen und Unterhaltung pur versprechen. Anderson setzt auf amerikanische Plots. Namen wie Willow oder Tiffy – zwei Charaktere aus ihrem neuen Roman Gleich und gleich küsst sich gern – klingen wie typische Figuren aus amerikanischen Serien, die auch hier Millionen Leute schauen – und vielleicht färbt dieses Flair auf Anderson ab. Ihre Titel Make Love und spiel Football oder Acht Pfoten und ein Traummann versprechen Glücks- und Belohnungsmomente, ebenso wie ihre Cover, die so knallbunt wie Pralinen daherkommen. Tag für Tag betteln die Leser auf ihrer Facebook-Seite um neue Romane. Klischees sind nun mal Klischees, aber sie funktionieren, wie Anderson weiß: "Ein bisschen Drama, Humor und Happy End treffen einen Nerv." Da hatten sich die Verlage, denen Anderson als Studentin erste Romane schickte, getäuscht, als sie meinten, Bücher über Football würde in Deutschland niemand kaufen. Neben verschiedenen Selfpublishing-Plattformen publiziert Anderson jetzt auch bei Rowohlt und Bastei Lübbe.

Nun sitzt sie in der Jury des Kindle Storyteller Award 2016 – eines Schreibwettbewerbs für Autoren, die bislang unveröffentlichte Bücher aller Genres noch bis zum 15. September auf KPD hochladen und von Kunden bewerten lassen können. Von den fünf beliebtesten Büchern sucht die Jury dann das beste aus. Die Texte werden also nicht vorrangig an ihrem Niveau gemessen, sondern an ihrem Erfolg beim Publikum. Dazu gehört ein gutes Marketing. Selfpublisher sind Unternehmer, die sich um ihr Layout, ein anständiges Lektorat und ihren Auftritt in sozialen Netzwerken selber kümmern. So stand beispielsweise Phillip P. Peterson, letztjähriger Gewinner des Wettbewerbs, über Facebook und Twitter in ständigem Austausch mit seinen Lesern. Er ist Raumfahrtingenieur und hat mit seinem detailgenauen Science-Fiction-Roman über die Raumfahrt Paradox – Am Abgrund der Ewigkeit gewonnen. Zu Andersons Marketingstrategie gehört, so sagt sie, möglichst viele Romane in kurzer Zeit zu schreiben, um in der Masse sichtbar zu bleiben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

Selfpublisherin Hannah Kaiser, die eine Ausbildung zur Physiotherapeutin abgeschlossen, Pädagogik und Germanistik studiert hat und heute selbst ernannte "Schnulzenromanautorin" ist, kontert die viel gehörten Vorwürfen gegen seichte Unterhaltungsliteratur mit einem Zitat von Gotthold Ephraim Lessing auf ihrer Homepage: "Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? – Nein. Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein."