Die deutschtürkische Frauenärztin, die ich in Berlin treffe, redet schon seit Jahren mit Muslimen über Sex – allerdings ohne Verweis auf den Koran. Sie ist eine attraktive Frau um die vierzig, ihre Praxis wirkt hell und einladend. Sie bittet mich, ihren Namen unerwähnt zu lassen. Sie will das Vertrauen ihrer muslimischen Patientinnen nicht enttäuschen. "Nehmen Sie einen Fantasienamen", sagt sie. Ich wähle den Namen Ada Yildiz: Der türkische Vorname Ada hat mir schon immer gefallen, und Familien, die Yildiz heißen, gibt es in Deutschland und in der Türkei wie Sand am Meer. Außerdem bedeutet Yildiz "Stern", und eine Art Stern ist die Gynäkologin tatsächlich für viele ihrer Patientinnen.

Etwa die Hälfte von ihnen stammt aus dem muslimischen Kulturkreis. Die meisten haben ihre Wurzeln in der Türkei. Die Frauen kommen zu Frau Doktor Yildiz, weil es ihnen leichter fällt, auf Türkisch über Intimes zu reden. Noch wichtiger als die Sprache ist allerdings, dass die Ärztin ihren kulturellen Hintergrund teilt: Ihre Eltern kamen als Gastarbeiter nach Deutschland, sie wuchs mit jenen archaischen Vorstellungen von Sexualität auf, unter denen viele ihrer Patientinnen leiden. Den Satz "Sie wissen ja, wie es bei uns ist", hört Doktor Yildiz sehr oft. Sicherlich, unter ihren Patientinnen sind Musliminnen, die ihre Sexualität genauso aufgeklärt und selbstbestimmt leben wie der deutsche Durchschnitt, der in ihre Praxis kommt. Bei den meisten Musliminnen muss Doktor Yildiz jedoch viel Zeit und Geduld aufbringen, um ihrem Anspruch als helfende Ärztin gerecht zu werden.

Man sieht es den Frauen nicht an. Nach außen wirken sie offen und modern, in ihren Köpfen aber tragen sie althergebrachte Moralvorstellungen mit sich herum, die ihre Empfindungen und ihre Wahrnehmung von Sexualität umschließen wie ein Gefängnis: Die Frauen kennen ihren Körper nicht und können ihn nicht genießen. Sie wissen nichts von weiblicher Lust, und wenn sie diese doch einmal empfinden, schämen sie sich dafür. Der Gedanke, körperliche Nähe als eine schöne Form der Zuneigung anzusehen, ist ihnen fremd.

In den Ehen dieser Frauen interpretieren allein die Männer die Sexualität. Ihr eigenes sexuelles Empfinden ist ohne Belang. Als kleinen Mädchen wurde ihnen beigebracht, ihre Sexualität als etwas Verbotenes, Unreines anzusehen. Und als erwachsenen Frauen gelingt es den wenigsten, sich aus der Denkweise, die ihnen ihre Familien über Jahre hinweg eingeimpft haben, zu befreien. Sie fußt vor allem auf dem hohen Stellenwert der Jungfräulichkeit in der muslimischen Kultur. Von der Existenz islamischer Liebesliteratur und der sexuellen Offenheit prophetischer Überlieferungen wissen diese Frauen nichts.

Das Schlüsselwort, unter dem die weibliche Sexualität in traditionell denkenden türkischen Familien verhandelt wird und das auch Ada Yildiz als Kind sehr oft zu hören bekam, ist ayıp, "unanständig". Schon ganz kleinen Mädchen wird beigebracht, dass orası, "der Ort da" oder aşağısı, "da unten", auf eine äußerst ambivalente Form besonders ist: Sie haben etwas zwischen den Beinen, wofür sich Jungs interessieren und das sie deshalb verbergen und schützen müssen. Ihre Sexualität wird mit strengen Regeln, Verboten und so stark mit Scham belegt, dass schon das Aussprechen eines Wortes wie "Scheide" oder "Sex" als ayıp, als unanständig, gilt.

Die kindliche Neugier, die eigenen Geschlechtsorgane zu erkunden, wird unterbunden – das Wissen um den eigenen Körper könnte schließlich Anlass für dumme Gedanken sein. Den Sexualunterricht, den es an deutschen Schulen gibt, sehen viele türkische Eltern ebenfalls nicht gern. Ihre Kinder lernen dort etwas kennen, was die Eltern als so gefährlich erachten, dass sie es ihnen vorenthalten wollen. Darüber reden können die jungen Mädchen nur mit Freundinnen. In den Familien ist das Thema tabu.

Auch sollen Jungen und Mädchen möglichst voneinander ferngehalten werden. Dieses Denken saugen die Kinder quasi mit der Muttermilch auf. Und verinnerlichen damit eine Verhaltensaufforderung, die nur selten diskutiert oder infrage gestellt wird. Die Vorstellung, dass der Kontakt zu Jungen ayıp ist, schwebt wie ein Damoklesschwert drohend über der gesamten weiblichen Kindheit und Jugend. Der Vater von Doktor Yildiz beispielsweise sprach niemals direkt gegenüber seiner Tochter aus, dass er Kontakte zu Jungen nicht tolerieren würde, zeigte es aber durch eine subtile Form der Kontrolle. Einmal, Ada war damals in der sechsten Klasse, rief ein Junge aus der Schule an. Er hatte Fragen zu den Hausaufgaben. Während sie mit ihm telefonierte, saß ihr Vater neben ihr auf dem Sofa und hörte zu. Nachdem seine Tochter aufgelegt hatte, fragte er: Wer war das? Bist du denn die Einzige in der Klasse, die Auskunft zu den Hausaufgaben geben kann? Das nächste Mal wollte Ada Yildiz nicht mehr ans Telefon gehen. Und wenn ihr im Beisein ihrer Eltern ein Klassenkamerad auf der Straße begegnete, dann tat sie so, als kenne sie ihn nicht.

Von Ehre und sexueller Reinheit

Ganz anders verläuft die Erziehung von Jungen. Sie genießen alle Freiheiten. Ihr Geschlechtsteil gilt nicht als unrein, türkische Familien beten es förmlich an. Aslanım, "mein kleiner Löwe", koçum, "mein kleiner Widder", nennen die Mütter ihre Söhne, wenn diese im Kindesalter beschnitten werden. Die Beschneidung ist der erste Schritt zur Mannwerdung, die weibliche Verwandtschaft feiert ihn mit Pomp und Tränen. Die Mütter staffieren die kleinen Jungen aus wie Prinzen oder Offiziere und feiern mit der Familie ein rauschendes Fest.

Das Konzept, das der Ungleichbehandlung der Geschlechter zugrunde liegt, ist namus, die "Ehre". Sie ist identitätsstiftend für die meisten türkischen und arabischen Familien, wird jedoch immer mit der Sexualität der Frau in Verbindung gebracht. Als gehöre der Körper der Frau nicht ihr allein, sondern den Angehörigen, dem Clan, ihrer Kultur, den Verboten. Wird die Ehre nicht gewahrt, dann zerbricht das familiäre Fundament. Es genügt, dass ein Mädchen sich vermeintlich schuldig macht, und die Ehre der gesamten Familie ist beschädigt. Jeder Riss im Bild wird als kollektives Problem wahrgenommen, Gewalt gilt in bestimmten Milieus als einziges Mittel, ihn wieder zu kitten.

Mord ist die extremste Form davon, auch in Deutschland. Wie viele junge Frauen schon auf deutschem Boden einem Ehrenmord zum Opfer gefallen sind, weiß niemand. Eine Studie des Bundeskriminalamtes von 2011 geht von zwölf Ehrenmorden pro Jahr aus. Viele Taten bleiben allerdings unentdeckt. Bei manchen Ehrenmorden wird in der Berichterstattung oder vor Gericht der Begriff Ehre nicht einmal erwähnt. Für Aufsehen sorgte in Berlin der Mord an der 23 Jahre alten Hatun Sürücü im Februar 2005. Die junge Frau hatte ein Bauchnabelpiercing und einen deutschen Freund – aus Sicht ihres 18-jährigen Bruders Ayhan war es deshalb nötig, sie umzubringen und "die Ordnung in der Familie wiederherzustellen", so seine Erklärung vor Gericht.

Mädchen und junge Frauen sollen sich namuslu, "ehrenhaft", verhalten. Von ihrer sexuellen Reinheit hängt die Ehre der gesamten Familie ab. Im Klartext bedeutet das: Sie dürfen nicht flirten, keinerlei sexuelle Erfahrungen sammeln und sollen jungfräulich in die Ehe gehen. Die Jungfräulichkeit besitzt, wie in vielen archaischen Gesellschaften, in der patriarchalen Kultur muslimischer Gesellschaften einen sehr hohen Stellenwert. Dahinter steckt weniger ein strenger Glaube als vielmehr eine Ehrvorstellung aus vorislamischer Zeit. Im Koran wird die Jungfräulichkeit nirgendwo ausdrücklich als Gebot oder Pflicht formuliert, sondern lediglich als Präferenz. Allerdings wird Keuschheit gefordert, und Sex ist, wie schon dargelegt, vor der Ehe verboten. Besondere Bedeutung erhält die Jungfräulichkeit außerdem, da der Koran muslimischen Männern als Belohnung für ein besonders gottgefälliges Leben 72 Jungfrauen im Himmel verspricht.

"Traditionelle Familien", sagt Doktor Yildiz, "stellen sich Sexualität wie einen Dammbruch vor. Hat ein junges Mädchen einmal mit einem Mann geschlafen, dann heißt es, ›ihre Tür‹ sei ›offen‹ und jeder könne Sex mit ihr haben. Das Mädchen ist nicht mehr ›sauber‹." Junge Männer, erzählt die Ärztin weiter, ernteten hingegen Schulterklopfen für sexuelle Aktivität. Für diese Männer gebe es zwei Arten von Frauen: jene, mit denen man Sex hat, und jene, die man heiratet. "Frauen der ersten Kategorie präsentiert man niemandem", sagt Doktor Yildiz. "Die Männer ziehen diese Frauen auch nicht als Ehefrau in Betracht. Nur eine ›saubere‹, also jungfräuliche Braut gilt als gesellschaftsfähig."

Natürlich kommt es auch unter Muslimen zu vorehelichem Geschlechtsverkehr – Doktor Yildiz hat einige sehr junge muslimische Patientinnen, die heimlich die Pille nehmen. Der Kult um das Hymen bringt sie in Gefahr. Angst vor Entdeckung und extreme Gewissenskonflikte sind weitere Folgen dieser frauen- verachtenden Tradition, ebenso heimliche Abtreibungen.

Die nahende Hochzeit ist der Zeitpunkt, an dem die meisten muslimischen Patienten erstmals in die Praxis von Doktor Yildiz kommen. Die Frauen wollen sich über Verhütungsmethoden informieren. Obwohl sie es zunächst nicht zugeben, merkt die Ärztin, dass die Frauen noch etwas anderes bewegt: Unwissenheit und Angst, was in der Hochzeitsnacht passieren wird. Wie könnten die Frauen dem Ereignis auch entspannt entgegensehen? Die meisten von ihnen wurden nicht einmal richtig aufgeklärt. Im Türkischen sagt man: Kız onu birşey sanar, ama ilk gecede bikar – "Die Jungfrau denkt, dass es etwas Besonderes ist, und hat schon in der ersten Nacht genug davon." Gruselige Geschichten über das erste Mal verhelfen der Redewendung zu ihrem Recht. Sie kursieren hinter vorgehaltener Hand in der türkischen Community. Auch Doktor Yildiz wurde als Kind und Jugendlicher so einiges erzählt: "Als ich 15 Jahre alt war, hat eine Verwandte gesagt, ihre frisch verheiratete Freundin habe nach der Hochzeitsnacht drei Tage lang nicht mehr gehen können. Mich hat das sehr beunruhigt. Es gab leider niemanden, mit dem ich über meine Ängste hätte reden können", sagt sie.

Auch die Menstruation ist schambesetzt

Anstatt die jungen Frauen einfühlsam darauf vorzubereiten, dass die Entjungferung eine schwierige und schmerzhafte Prozedur sein kann oder dass es sogar einige Versuche brauchen kann, bis es mit dem Sex klappt, wird geschwiegen. Die Zweifel und Unsicherheiten der Frauen werden ignoriert. Sie werden umsponnen mit einer dicken Schicht aus gesellschaftlicher Zuckerwatte, bestehend aus pompösem Brautkleid, aufwendiger Schönheitspflege und gigantischer Hochzeitsfeier. Die Hochzeitsnacht gilt als der Moment, in dem ein Mädchen zur Frau gemacht wird. Eine ganze Industrie hat sich darauf eingestellt, sie dem Paar als ein wunderbares, ja märchenhaftes Ereig- nis zu verkaufen: Die speziell dafür angefertigten Nachthemden gleichen Prinzessinnenkostümen; das Schlafzimmer, in dem es passieren soll, wird ausstaffiert, als nächtige ein Königspaar darin. Die Königskinder haben aber bis dahin höchstens Händchen gehalten – wenn überhaupt.

Bei arrangierten Ehen, die auch in Deutschland in bestimmten Milieus noch üblich sind, ist die Situation noch dramatischer. Das voreheliche Kennenlernen beschränkt sich oftmals auf ein paar Gespräche. Und so landen in der Hochzeitsnacht eine sexuell gänzlich unerfahrene Frau und ein Mann miteinander im Bett, die nur wenig voneinander wissen und bisher keine oder nur wenig körperliche Nähe miteinander erfahren haben.

Die Tabuisierung von Sexualität, die fehlende Aufklärung und die Darstellung der weiblichen Sexualität als etwas Unreines führen bei den meisten von Doktor Yildiz’ muslimischen Patientinnen dazu, Sex als eine Verpflichtung wahrzunehmen, der sie als verheiratete Frau wohl oder übel nachkommen müssen. Ein Nein gegenüber dem Gatten darf es nicht geben. Doktor Yildiz sagt: "Die Frauen empfinden es als Erleichterung, wenn ihr Mann mal nicht da ist. Genauso reagieren sie, wenn ich ihnen wegen eines gynäkologisches Problems eine Woche sexuelle Abstinenz verordne. Es kommt selten vor, dass eine Frau das bedauert. Eher höre ich: Oh, mein armer Mann. Oder: Ich denke, mein Mann wird dafür Verständnis haben. Das ist symptomatisch für eine Sexualität, der es an Freiheit und Selbstbestimmung fehlt."

Manche verheiratete Frauen hätten sogar Probleme, ihren Familien mitzuteilen, dass sie schwanger sind. Unausgesprochen steht dann nämlich im Raum, Sex gehabt zu haben. Auch die Menstruation gilt als unrein und ist zutiefst schambesetzt. Junge Mädchen würden es niemals wagen, beim Familieneinkauf eine Packung Binden in den Einkaufswagen zu legen. Das ist umso paradoxer, da die Gebärfähigkeit der Frau und die Mutterschaft zutiefst verehrt werden.

Doktor Yildiz schätzt sich glücklich, dass es ihr als junger Frau gelang, Schritt für Schritt aus diesen Denkstrukturen auszubrechen. Sie schwindelte, um den elterlichen Fesseln zu entfliehen. Wenn sie ausgehen wollte oder auf eine Party, schob sie eine Übernachtung bei einer Freundin vor. Es war quälend. Sie fühlte sich sehr schlecht dabei. Die Eltern der Freundinnen mussten eingeweiht werden. Die so erkaufte Freiheit konnte sie nicht genießen. Die Ärztin sagt: "Es war eine schwere Zeit. Aber ich hätte meine Familie niemals verlassen können. Sie ist bis heute das Allerwichtigste für mich. Damals fehlte mir das Bewusstsein, dass ihre Strenge nicht gerechtfertigt war."

Und so ging ihr Versteckspiel nach dem Abitur weiter. Ada Yildiz zog nicht zu Hause aus, sondern schrieb sich an der Universität ihrer Heimatstadt für das Medizinstudium ein. Ihre Eltern freuten sich über diese Studienwahl, die Fachrichtung Gynäkologie verheimlichte die Tochter ihnen lange. Allein die Vorstellung, das Wort "Gynäkologie" vor ihrem Vater aussprechen zu müssen, erfüllte sie mit Scham. Irgendwann tat sie es doch. Der Vater reagierte gelassen. "Vielleicht", sagt Doktor Yildiz und lacht, "war er sogar erleichtert, dass ich nur mit weiblichen Patienten zu tun haben werde."