DIE ZEIT: Frau Hoven, es gab seit 50 Jahren keine einzige Legislaturperiode, in der das Sexualstrafrecht nicht reformiert worden wäre. War eine weitere Neuregelung überhaupt nötig?

Elisa Hoven: Meiner Meinung nach schon, es gab kleine Lücken. Aber die allermeisten Fälle hatte das Strafrecht zuvor schon erfasst.

ZEIT: Welche nicht?

Hoven: Etwa das Ausnutzen der Überraschung des Opfers. Ich gehe aus der U-Bahn, jemand greift mir in den Schritt. Das galt bislang als "Beleidigung". Aber wenn mir jemand in den Schritt fasst, fühle ich mich nicht beleidigt, sondern in meiner sexuellen Selbstbestimmung beeinträchtigt.

ZEIT: So hundertfach geschehen in der Kölner Silvesternacht.

Hoven: Nein, das waren meist sexuelle Nötigungen, weil die Frauen sich nicht wehren konnten, sie wurden umzingelt – solche Fälle hat das Sexualstrafrecht schon immer erfasst. Nach Köln gab es große Beweisprobleme, das Strafrecht selbst aber hatte alle Instrumente. Die Fälle, die man nachweisen kann, werden auch verurteilt.

ZEIT: Warum streiten wir dann so sehr um das Sexualstrafrecht?

Hoven: Das Strafrecht ist ein Seismograf der Gesellschaft. Ganz besonders am Sexualstrafrecht lässt sich ablesen, wie Moralvorstellungen sich verändern: vom Verbot der Homosexualität zu einer immer toleranteren Gesellschaft. Derzeit wird das Sexualstrafrecht nach einer Zeit der Liberalität wieder strenger. Der Ruf nach dem Strafrecht scheint heute der Verteidigungsreflex einer Gesellschaft zu sein, die sich bedroht fühlt.

ZEIT: Ist das ein Problem?

Hoven: Ja, denn das Strafrecht wird damit zu symbolisch. Es geht weniger darum, ein gerechtes und praktikables Strafrecht zu schaffen; vielmehr soll ein gesellschaftlicher Wertekonsens festgeschrieben werden. Ich hätte mir vom Gesetzgeber gewünscht, dass er sich von der aufgeregten und teilweise unsachlichen öffentlichen Debatte distanziert. Wir bräuchten ein Gesetz, das einerseits die sexuelle Selbstbestimmung stärkt, andererseits aber auch mögliche Folgeprobleme in den Blick nimmt. Stattdessen wurde mit der Parole "Nein heißt nein" eine Sexualrechtsreform übers Knie gebrochen. Es ist mehr als bedauerlich, dass man nicht einmal die Arbeit der eigens eingesetzten Expertenkommission abgewartet hat.

ZEIT: Wenn es sich bei bestimmtem sexuellen Verhalten um gesellschaftlichen Konsens handelte, wäre das Gesetz doch unnötig. Aber offenbar nehmen viele eine Diskrepanz wahr zwischen gesellschaftlichen Realitäten und der Klarheit von "Nein heißt nein". Ist es nicht auch so herum: Gesetze funktionieren nicht nur seismografisch, sondern sie produzieren auch gesellschaftliche Realität – und Konsens?

Hoven: Damit ist das Strafrecht überfordert, die Befürworter der Reform haben sich keinen Gefallen getan. Diese Reform wird nicht viel ändern, jedenfalls nicht zum Positiven. Sie wird nicht zu mehr Bestrafungen führen, und die Reformerinnen verbinden damit Hoffnungen, die illusorisch sind.