Ist viel besser?

Das große Angebot an Studiengängen spaltet die Hochschulen und entfacht eine Debatte um die Tiefe der akademischen Ausbildung. Sechs Stimmen zum Streit.

Viele Fächer sind kein Problem!

Zu stark ausgeweitet, zu kleinteilig, undurchschaubar! Fast reflexartig kommen die Vorwürfe von Bildungsexperten, wenn es um das Studienangebot in Deutschland geht. Braucht es wirklich 18.000 Studienangebote und einen Bachelor in Coffeemanagement? Es lohnt sich, die Suggestivfragen beiseitezuschieben.

Zu stark ausgeweitet? Die Analyse des Centrums für Hochschulentwicklung zeigt: Die Zahl der grundständigen Studiengänge, also der Angebote, die zu einem ersten Hochschulabschluss führen, ist kaum gestiegen. Vor zehn Jahren konnte ein Studienanfänger unter 9257 Studiengängen auswählen, heute sind es nur 418 mehr. Dass sich die Anzahl an Studiengängen durch die Umstellung auf das Bachelor-und-Master-System ganz automatisch verdoppelte und auf diesem Wege auch neue Studienfächer entstanden, wird in der Debatte oft unterschlagen.

Zu kleinteilig? Wo zu Zeiten von Goethes Faust noch Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie genügten, ist der Fächerkanon heute breiter. Die Ausdifferenzierung ist mit rationalen Erwägungen erklärbar: An der Schnittstelle klassischer Disziplinen entstehen Hybridfächer wie Mechatronik oder Wirtschaftspsychologie. Zukunftsthemen wie Umweltschutz erfordern interdisziplinäre Studiengänge. Auch für die Akademisierung von Berufsfeldern, etwa bei Gesundheit, Pflege und frühkindlicher Erziehung, gibt es gute Argumente. Das alles führt zu Studiengängen mit vielen unterschiedlichen Namen. Aber ist es wirklich ein Problem, wenn in einem Studiengang drin ist, was draufsteht?

Der Knackpunkt ist nicht die Vielfalt, sondern die fehlende Transparenz der Angebote. Gab es etwa früher an der Hochschule Pforzheim zwei BWL-Studiengänge, können die dortigen Erstsemester heute unter zwölf verschiedenen BWL-Abschlüssen wählen. Um sich bei Entscheidungen wie diesen nicht zu verheddern, sollten Studierende gut beraten werden. Das sollte die Pflicht jeder Hochschule sein, die aus gutem Grund auf Vielfalt und Flexibilisierung setzt.

Frank Ziegele

Richtig ist, was nachgefragt ist

Ob es viele Studiengänge gibt oder wenige, ist vollkommen irrelevant. Richtig ist, was nachgefragt ist. Es gibt kaum arbeitslose Akademiker, auch nicht unter den Absolventen vermeintlich unsinniger Studiengänge. Die spezialisierten Studiengänge sind bei den Studierenden beliebt; Arbeitgeber sehen einen hohen Bedarf an Nischenwissen. In einer Umfrage von Stifterverband und McKinsey gab über die Hälfte der Unternehmen an, dass spezialisiertes Fachwissen in Zukunft wichtiger wird. Nur knapp jedes dritte Unternehmen sagt, dass Grundlagenfachwissen bedeutender wird. Die Studiengänge an den Rändern der Disziplinen bieten die Chance, neue Inhalte zu platzieren oder interessante Schwerpunkte zu setzen. Das Wirtschaftsingenieurwesen begeistert Menschen, die vielleicht nicht Maschinenbau studiert hätten. Mit Medieninformatik lassen sich mehr Frauen für das Programmieren interessieren.

Das ist eine positive Entwicklung, sie geht mir jedoch noch nicht weit genug. Denn warum sollten Studiengänge überhaupt noch vorgefertigt angeboten und nicht lieber von den Studierenden mitkonstruiert werden? Die Zukunft sieht dann so aus: Die Hochschule beschränkt sich auf Leitplanken, die Studierenden setzen Schwerpunkte und wählen aus. An einer Uni studieren nicht mehr alle denselben Studiengang Molekulare Biomedizin, sondern zum Beispiel Molekulare Biomedizin mit Ethik, Religion und Recht oder Molekulare Biomedizin mit Psychologie und Philosophie – all das hat man sich dann selbst zusammengestellt. Statt 18.000 Studiengängen könnte es künftig bis zu drei Millionen individualisierte Studienabschlüsse geben: so viele, wie es Studenten in Deutschland gibt. Das ermöglicht dem Einzelnen, fachliche und methodische Grundlagen zu erwerben und Teile des Studiums nach eigenen Zielsetzungen zusammenzustellen. Utopisch? Beim "Studium individuale" in Wien oder Lüneburg klappt das schon. Vielfalt wird mit Vielfalt begegnet.

Volker Meyer-Guckel

Wir haben die falschen Studiengänge

Sind 18.000 Studiengänge zu viel? Zu viel für 224.000 Bachelor- und 97.000 Masterabsolventen oder die 43.000, die im Jahr 2014 ein Lehramtsexamen bestanden? Die Frage lässt sich seriös nicht beantworten. Nur die Hochschulen wissen, wie viele Studierende pro Studiengang eingeschrieben sind, ob er gut oder schlecht nachgefragt ist – ob es also mehr Studiengänge brauchte oder weniger.

Doch klangvolle Namen wie "Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit" oder "Luxury, Fashion & Sales Management" zeigen: Viele der Studiengänge sind zu eng an einem Berufspfad orientiert. Denken, Lernen, Umdenken – das können wir den Studenten nur beibringen, wenn wir die Vielzahl der Studiengänge viel besser nutzen als bisher – und zwar anders. Bislang reden Politiker, Wissenschaftler und Hochschulverwalter über "das Studium" oft so, als ginge es um ein und dasselbe. Sie verkennen dabei seine ganz unterschiedlichen Ziele: Ein Bachelor soll wissenschaftlich informierte Akademiker hervorbringen, ein Masterabschluss wissenschaftlich eigenständige; wer Lehramt studiert, soll wissenschaftlich und pädagogisch geschult sein.

Doch viele der 18.000 Studiengänge sind vollkommen falsch konstruiert. So bereiten die Lehramtsstudiengänge mit ihrem großen Anteil an Pädagogik nur auf einen einzigen Beruf vor: Lehrer. Dabei landen viele Absolventen später in Wissenschaft, Museen oder Stiftungen. Viele Masterstudiengänge sind zu stark an einen bestimmten Bachelor gekoppelt. Wer einen Master in Economics machen möchte, braucht meist auch einen Bachelor in diesem Fach. Das ist unakademisch, international unüblich und viel zu eng auf einen bestimmten Beruf hin gedacht. In den USA und England können Studenten einen Economics-Master machen, auch wenn sie vorher Latein studiert haben. Diese Interdisziplinarität sorgt für eine Vielfalt des Denkens. Der Fachkräftemangel darf nicht dazu führen, dass wir den Praxisbezug des Studiums verabsolutieren, um flott neues Personal auszubilden. 18.000 verschiedene Studiengänge führen zu einer Kleinteiligkeit, die mit Vielfalt nichts gemein hat.

Sandra Richter

Schmalspur-Studenten braucht niemand

Schmalspur braucht niemand

Arm dran sind die Abiturienten, die sich zwischen Tausenden Studiengängen entscheiden sollen. Hier vernünftig auszuwählen würde voraussetzen, monatelang die Vielfalt des Angebots zu studieren. Nicht auszuschließen, dass eine Hochschule irgendwann auf die Idee kommt, einen eigenen Bachelor anzubieten: "Entscheidungshilfen bei der Studienfachwahl (Soziologie und Psychologie des Übergangs zwischen Hochschulreife und Erststudium)". Im Ernst: Ist es wirklich sinnvoll, die Welt der Wissenschaft schon in den Studiengängen immer weiter aufzufächern?

Bei forschungsorientierten Masterprogrammen mag es ja plausibel sein, einer gewissen Spezialisierung Raum zu geben. Aber zuvor, im Bachelor, sollte es doch um ein breites, solides Fundament des Wissens und der Kompetenzen gehen. Die Universitäten haben auch die Aufgabe, der Fragmentierung des Wissens und der Fragmentierung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Jede Institution und jeder Lehrstuhl will nun aber etwas ganz Besonderes sein. Die abseitigsten Winkel der Wissenschaft werden herausgeputzt, als seien sie ein akademischer Ballsaal. Unter dem Deckmantel der Profilbildung alles und nichts in den Rang eines Studienfachs zu heben zerstört die Idee akademischer Bildung. Schmalspur-Studenten braucht eigentlich niemand, allenfalls der Professor, der mit seinem Steckenpferd auf engen Pfaden trabt. Ein Hochschulabschluss sollte sich nicht darin erschöpfen, eine Spezialkenntnis zu zertifizieren, die auf einem höchst überschaubaren Arbeitsmarkt gefragt ist (und schon morgen vielleicht nicht mehr). Akademische Bildung muss, auch und gerade in einer komplexen, arbeitsteiligen Welt, auf ein Mindestmaß an Generalistentum zielen. Innovative Beifächer sind sinnvoll – doch der Kern des Studienangebots sollte klassisch und überschaubar sein.

Tanjev Schultz

Lieber gute als viele Studiengänge

Der Bologna-Prozess hat zu einer Mischung aus sozialistischem Zentralismus und liberaler Kombinierbarkeit geführt. Die Studienverläufe sind zwar stark verschult und durchgeplant, aber die Module lassen sich wie Legosteine aufeinanderstecken (wer die unendlichen Kombinationsmöglichkeiten von Legosteinen kennt, weiß, dass dies nur geht, weil die Steine exakt normiert sind). Modularisierung kann dann aus unterschiedlichen Fächern klangvolle Gesamtgestalten machen: "Bildung, Kultur und Anthropologie" oder "Management sozialer Innovation". Sie wirken passend für den Arbeitsmarkt und für universitäre Hochglanzbroschüren. Deshalb wächst die Zahl der Studiengänge rasant an. Der richtige Gedanke der Konfrontation mit unterschiedlichen Disziplinen und Wissensformen wird aber in der Praxis ausgehöhlt. Denn all das lebt davon, Partikel additiv zusammenzustecken, statt in einem Fach die problemlösende Potenz einer wissenschaftlichen Disziplin wirklich zu lernen. Nur wer etwas beisteuern kann, kann auch produktiv kombinieren und erlebt dann den Unterschied zum anderen nicht nur als hübsche Variation, sondern als Erkenntnisquelle. Ansonsten wird man ein Schwätzer, der nur Habitus und Wording der bildungsplanerischen Kombinationswelten lernt. Wissenschaft lernt man in vertiefenden Variationen des Eigenen, dafür braucht es Zeit. Es würde daher nicht helfen, wenigstens Bachelorstudiengänge mit klaren Fächergrenzen zu belassen und dann im Master beliebig zu kombinieren. Dafür ist der Bachelor zu kurz. Wenn man Wissenschaft nur noch als spielerische Kombination von Unterschiedlichem versteht, verkümmert sie zum wissenschaftlichen Zapping. Diesen Freilandversuch sollten wir nicht machen. Mit dem Legospielen hört man ja auch irgendwann auf und erfreut sich daran, dass Dinge nicht perfekt zusammenpassen. Erst dann fängt jenes Lernen an, das nicht von Programm zu Programm zappt, sondern das schwierige Verhältnis von Problem und Lösung bearbeitet. Dafür braucht es nicht viele, aber gute Studiengänge.

Vielleicht ist die Entwicklung ein Ausdruck der Fachhochschulisierung der Universitäten. Die FHs wären gerne Unis, die Unis wären gern arbeitsmarktkompatibler. Diese Angleichung korrumpiert den Auftrag beider. Man sollte neu darüber nachdenken, wie sie sich sinnvoll abgrenzen und ergänzen.

Armin Nassehi

Kombi-Fächer sind zufällig

Meine erste Vorlesung in Tübingen trug den nicht gerade bescheidenen Titel Literatur–Europa–die Welt. Hundert Studenten saßen im Hörsaal: Philologen, Germanisten, Studenten der Literatur- und Kulturtheorie und einige andere, die sich wie ich entschieden hatten, Internationale Literaturen zu studieren. "Sagen Sie mir einfach, was Sie für Scheine brauchen, dann regeln wir das", seufzte der Professor. Ihm blieb nichts anderes übrig, als seine Vorlesung geradewegs durchzuziehen – ungeachtet der Profile und thematischen Interessen, die die Studenten mit der Wahl ihrer Kombinationsfächer verfolgten.

Internationale Literaturen, das ist, wie ich bei der Studienwahl irgendwann herausgefunden hatte, ungefähr das Gleiche wie Komparatistik, also Vergleichende Literaturwissenschaft. So breit aufgestellt dieses Fach klingt, so spezifisch ist es doch im Vergleich zu den knapp zwanzig Kombinationsfächern, die ebenfalls mit Literatur zu tun haben. "Neuere deutsche Literatur, Kultur, Medien", "Literatur–Kunst–Medien", "Germanistik mit interdisziplinärem Profil" oder "Europäische Literaturen und Medien im globalen Kontext". Was wollen diese Fächer? Gezielter auf die Berufswelt vorbereiten? Indem sie statt spezialisierter Einzelkenntnisse ein vermeintlich kleines Universalwissen vermitteln? Ich habe mich gegen ein solches Kombi-Fach entschieden, weil ich mit Blick auf die Modulpläne befürchtete, dass Studenten in den Teilfächern oft nur stichpunkthafte Einblicke in zufällig gewählte Spezialthemen erhalten.

Bis heute habe ich es nicht bereut, mich auf den Bereich Literatur konzentriert zu haben. Ob ich später als Journalistin oder in einer kulturellen Stiftung arbeite – ich möchte ein Gebiet besetzen können, in dem ich mich auskenne. Allgemeinbildung kann ich mir auch selbst aneignen – durch ein anderes Nebenfach, durch Bücher und Museen. Bei Praktika habe ich gemerkt, dass Arbeitgeber froh sind, auch mal einen Spezialisten fragen zu können.

Caroline Rehner