Es wird darüber diskutiert, ob der Mann, der auf der Strandpromenade von Nizza mit einem gemieteten Lastwagen 84 Menschen tötete, tatsächlich ein "Soldat des IS" gewesen sei oder doch nur ein psychisch schwer gestörter Amokläufer – als ob das eine das andere ausschlösse. Die Herausforderung durch die jüngsten Formen des Terrorismus besteht gerade darin, dass er ohne Weiteres beides gleichzeitig gewesen sein kann und das eine das andere unterstützt und befördert hat. Wenn das zutrifft – und es spricht vieles dafür –, dann haben wir es nicht nur mit einem neuen Typ von Terrorist zu tun, sondern auch mit einer neuen Form der terroristischen Bedrohung. Darüber muss man gründlicher nachdenken, als das bislang der Fall war.

Der klassische Terrorismus, der in seiner sozialrevolutionären wie nationalseparatistischen Variante bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, war durch zwei Imperative charakterisiert: Er zielte mit seinen Gewaltakten auf herausgehobene Personen der politischen Klasse und der gesellschaftlichen Elite, und er konzipierte seine Anschläge gegen sie als Botschaft an einen "zu interessierenden Dritten", der durch den in der Elite verbreiteten Schrecken zu Widerstand und Aufruhr motiviert werden sollte. Bombenanschläge und Attentate sollten in der klassischen Strategie des Terrorismus als Initialzündung für eine tief greifende Umwälzung der politischen und gesellschaftlichen Ordnung dienen. Eine solche Strategie hatte Folgen für die Auswahl der taktischen Ziele: Die Gewalt musste gezielt gegen die Repräsentanten des Systems gerichtet werden, und aus den Reihen des "zu interessierenden Dritten", ethnischer Minderheiten oder sozialer Klassen, durfte keiner zu Schaden kommen. Die Konsequenz war, dass die Terrorgruppen ihre Ziele genau auswählen und die Durchführung der Anschläge präzise planen mussten. Derlei wurde in den Führungszirkeln der terroristischen Organisationen beraten und entschieden, bevor die Anweisung an die mit dem Vollzug des Anschlags beauftragte Gruppe erteilt wurde.

Unter diesen Umständen war klar, wie die Terrorabwehr zu funktionieren hatte: Man musste die potenziellen Ziele der Terroristen schützen, um den Anschlag entweder zu verhindern oder seine Durchführung so kompliziert und aufwendig zu machen, dass Polizei und Geheimdienst von seiner Vorbereitung erfuhren und die Terrorgruppe zerschlagen konnten. Das war die taktische Direktive für Polizei und Geheimdienste, während die Strategie der Terrorismusabwehr sich um die Aufgabe drehte, den "zu interessierenden Dritten" davon abzuhalten, sich in die von den terroristischen Gruppen vorgegebene Richtung zu bewegen. An dieser politischen Vorgabe sind viele Terrorbekämpfer gescheitert, da ihre Repressionsmaßnahmen häufig nicht nur die Terrorgruppen selbst und das engere Umfeld ihrer Unterstützer, sondern auch den "zu interessierenden Dritten" trafen. So kam es vor, dass das, was als Terrorbekämpfung in die Wege geleitet wurde, mehr als die Anschläge selbst dazu beitrug, die Anschläge in einen Aufstand oder einen Partisanenkrieg münden zu lassen. Dies war bei nationalseparatistischen Gruppen sehr viel häufiger der Fall als bei sozialrevolutionären.

Autoritäre Regime tun sich leichter mit dem Terror als demokratische Gesellschaften

Das terroristische Erfolgsrezept lautete: Präzise gezielte und wohldosierte Gewalt provozierte eine massive Repressionskampagne des Staates, und die erst schuf die Voraussetzungen dafür, dass sich viele aus den Reihen des "zu interessierenden Dritten" mit den Zielen der Terroristen identifizierten und diesem anschlossen. Terrorismus ist eine Strategie, die über den Mechanismus der Reaktionsprovokation funktioniert. Terroristen sind Fallensteller, und der Staat geht umso häufiger in die gestellte Falle, je schneller er sich provozieren lässt und "blindwütig" reagiert. Die Terrorbekämpfer sind gut beraten, wenn sie sich mit Gegenmaßnahmen Zeit lassen, die Struktur des Angriffs genau analysieren und mögliche Effekte des Gegenhandelns sorgfältig bedenken. Das ist nicht immer leicht, denn eine durch die Anschläge in Angst und Schrecken versetzte Bevölkerung erwartet schnelle Gegenmaßnahmen, und die Berichterstattung der Medien ist ein Beschleuniger dieser Erwartung. Offene Gesellschaften sind durch terroristische Angriffe deswegen sehr viel verwundbarer als autoritäre Systeme, in denen die Medien unter Kontrolle sind und die Bevölkerung nichts zu sagen hat.

Das zeigt sich auch an der nach Anschlägen zu hörenden Formel, man befinde sich im Krieg. In offenen Gesellschaften sind das zumeist nur starke Worte, die bevorzugt von schwachen Politikern gebraucht werden, wenn sie Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit demonstrieren wollen. In autoritären Regimen behalten die Machthaber die Kontrolle über die Begriffe: Sie können mit Gruppen, denen sie eben noch den Krieg erklärt haben, wenn sie nur wollen, morgen auch wieder Frieden schließen. In offenen Gesellschaften gibt es hingegen eine Eigendynamik der Kriegssemantik, und die führt unter anderem zur Erwartung des eigenen Sieges und der endgültigen Niederlage des Angreifers. Da der aber mit genuin militärischen Mitteln so gut wie nicht zu fassen ist, muss man einen wirklichen Krieg führen, um den Erwartungen zu genügen – und ist damit womöglich schon in die Falle getappt, die seitens der Terroristen gestellt wurde. Man muss sorgfältig prüfen, ob man terroristische Angriffe nach dem Kriegs- oder nach dem Kriminalitätsparadigma angeht und welche Folgen damit jeweils verbunden sind.

Nun zeichnen sich die jüngsten Anschläge terroristischer Akteure dadurch aus, dass sie nicht mehr gegen bestimmte Politiker oder Angehörige der gesellschaftlichen Elite gerichtet sind, sondern ihnen buchstäblich jeder und jede zum Opfer fallen kann. Konnte man bei dem Angriff auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo noch meinen, bestimmte Texte und Karikaturen hätten den Anschlag provoziert und es gebe insofern eine Verbindung zwischen Tätern und Opfern, so war dies bei den Anschlägen auf den Musikclub Bataclan und die Besucher von Cafés und Restaurants im November 2015 in Paris schon nicht mehr der Fall, ebenso wenig bei den Bombenanschlägen auf den Brüsseler Flughafen und eine U-Bahn-Station und schon gar nicht bei dem jüngsten Massaker auf der Strandpromenade von Nizza. Hier ging es nur darum, möglichst viele Menschen zu töten, um größtmögliche Aufmerksamkeit zu erreichen und so allgemein Angst und Schrecken zu verbreiten. Es gibt in den großen europäischen Städten im Prinzip niemanden mehr, der nicht Opfer terroristischer Angriffe werden könnte. Das unterscheidet den neuen grundsätzlich vom herkömmlichen Terrorismus, und es hat Folgen, die sorgfältig bedacht werden müssen.

Terrorismus - Die Anschlagspolitik des IS Der IS plant zentral gesteuerte Anschläge und versucht, Einzeltäter zu Attentaten zu inspirieren. Wie die Strategie zu bewerten ist, erklärt Yassin Musharbash.