Die Türkei entfernt sich von Europa. Auf den Militärputsch reagiert Präsident Erdoğan mit einem Gegencoup. Nach den Putschisten verbreitet er Angst im Land. Ein Fünftel aller Richter wurde entlassen, Tausende Beamte gefeuert. Soldaten und Beamte werden in Scharen verhaftet, Wehrpflichtige misshandelt. Der Sieg über die Putschisten bringt nicht mehr Demokratie, sondern eine Generalsäuberung. Und was kommt noch?

In dieser hochexplosiven Lage warnt US-Außenminister John Kerry die türkische Regierung, dass "zur Nato-Mitgliedschaft demokratische Pflichten" gehörten. Auch wenn sein Sprecher nachschickte, man denke nicht an Rauswurf, bleibt doch eine Ahnung davon im Raum. Die Nato sieht sich als ein Verteidigungsbündnis von Demokratien. Die EU hat Demokratie fest in ihre Grundakte geschrieben. Darf eine undemokratische Türkei Mitglied in westlichen Bündnissen sein?

Die Türkei ist gefährdet. Jedes Wort zählt

Die Nato bindet die Türkei fest an den Westen. Die Mitgliedschaft in der EU sollte der zweite Anker sein. Der türkische Staatsgründer Kemal Atatürk starb, bevor diese Bündnisse gegründet wurden. Aber sie passten zu seinem Traum: die Türkei unwiderruflich im Westen zu halten. Atatürk wollte die Republik als säkularen Soldatenstaat. Er sollte mit dem Rücken zum Nahen Osten stehen, Osmanenprunk, Kalifat und Dominanz der Religion begraben. Zur Demokratie wurde die Türkei erst später. Der Volkstribun Erdoğan hatte die Chance, Bürger und Staat demokratisch zu versöhnen. Die ist nun doppelt verspielt, von den putschenden Generalen und von Erdoğan selbst. Unerhörtes passiert: Das Volk lyncht "Mehmet", den einfachen Soldaten. Eine Revolution. Es droht das Ende der von Atatürk geschaffenen Republik.

Für die EU bedeutet das: Beitrittsverhandlungen haben aktuell keinen Sinn. Man kann mit der Türkei nicht über Rechtsstaat und Freiheit verhandeln, wenn unklar ist, wie sie nach ihrer Umwälzung aussieht. Und wenn Erdoğan, wie angedroht, die Todesstrafe wieder einführt, schlägt er die Tür zur EU selbst zu. Der Türkei und der EU blieben dann noch die Zollunion und bilaterale Abkommen, auch der Flüchtlingspakt. Doch bei der Nato liegt der Fall ganz anders. Da ist man drin oder draußen. Die Todesstrafe ist kein Kriterium, die haben die USA auch. Nichts spricht für den Rauswurf der Türkei, viel für das Gegenteil.

Erstens können die USA und Europa durch die Nato den stärksten Einfluss auf Erdoğan ausüben. Solidarität ist das stärkste Argument für ein Land, das Syrien, das Banditenkalifat und den Irak als Nachbarn hat. In Incirlik stehen nicht umsonst Nato-Soldaten, auch deutsche. Ob die demoralisierte Armee der Türkei allein die Fronten halten könnte, ist fraglich. Das Land ist zerbrechlich, von Identitätsfragen zerrissen. Türken gegen Kurden, Sunniten gegen Aleviten, Gläubige gegen Säkulare. Da sollte die Nato ihre Klammer nicht fortnehmen. Ein Syrien reicht.

Auch früher hat sich die Allianz nicht zu Kurzschlussreaktionen hinreißen lassen. Die Türkei trat 1952 bei, ihr Militär putschte 1960, 1971, 1980 und 1997. Die Armee rollte über die Demokratie hinweg – aber die Türkei blieb in der Nato. Ihre Mitglieder warteten, und immer fand Ankara zur Demokratie zurück. Für die Nato ist die Türkei der strategische Pfeiler im Südosten. Zu wichtig, um ihn Wladimir Putin in Moskau oder Ajatollah Chamenei in Teheran zu überlassen. Vor Kurzem hat sich Erdoğan wieder Russland angenähert. Nach dem Putsch telefonierte Putin mit ihm, noch vor den westlichen Führern. Eine bündnislose Türkei wäre für Moskau ein Geschenk. Im Westen verliert die EU gerade Großbritannien, da sollte die Nato nicht im Osten die Türkei ausschließen.

Hier zählt jedes Wort. Westliche Politiker dürfen sich nicht in die Trennung hineindrohen. Wenn sich die Türkei vom Westen entfernt, ist das Sache der Türken und die Entscheidung ihres erratischen Führers. Doch Amerika und Europa sollten Atatürks Traum nicht selbst begraben.

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