Wenn der Architekt Philip Johnson Appetit hatte auf eine getrüffelte Kartoffel aus dem Four Seasons, musste er bloß den Aufzug abwärts nehmen. Sein Büro befand sich in der 34. Etage des Seagram Building, das berühmte Restaurant in den Flügelanbauten. Als Ludwig Mies van der Rohe diesen elegantesten Wolkenkratzer der Nachkriegsmoderne 1954–58 baute, stand Johnson ihm zur Seite. Mies betraute seinen Protegé auch mit der Inneneinrichtung des Four Seasons. Der amerikanische Architekt machte daraus ein Kronjuwel des International Style. Rasch avancierte das Lokal zum Inbegriff von Manhattans urbaner Anmut. Hier traf Johnson fast täglich Kunden oder Kollegen zum Mittagessen, genoss den Heimvorteil des Stammgastes und das Privileg eines festen Tischs: Nummer 32.

Jetzt endet eine Ära. Vom Immobilieninvestor Aby Rosen aus dem Mietverhältnis komplimentiert, ziehen die Restaurantbesitzer Julian Niccolini und Alex von Bidder mit ihrem Schlemmertempel die Park Avenue ein paar Blocks runter. Den Mythos des alten Four Seasons gibt es zuvor in kleinen Häppchen serviert. Ein Großteil des Inventars wird am 26. Juli vor Ort versteigert: vom Barhocker bis zum Dessertwagen, von der Kaviarschale bis zum Kochtopf. Küchenutensilien, Trinkgläser und Tafelsilber waren damals von dem Industriedesigner L. Garth Huxtable und seiner Frau Ada Louise exklusiv für das Lokal gestaltet worden. Das Möbelangebot umfasst Klassiker von Mies, Hans Wegner und Eero Saarinen sowie Johnsons eigene Entwürfe, darunter Tisch Nummer 32 samt dazugehöriger gepolsterter Eckbank (Schätzpreis: 3000 bis 5000 Dollar).

New Yorker Entscheidungsträgern, die in dieser Power-Lunch-Kathedrale ihre Geschäfte einfädelten, mag der Ausverkauf das Herz brechen. Ebenso wie einer Reihe von Architekturhistorikern. Denn die Bedeutung des Four Seasons besteht gerade darin, als Komplettkunstwerk mehr als ein halbes Jahrhundert nahezu intakt überdauert zu haben. Sammler von Mid-Century-Design wittern jetzt hingegen eine Chance auf Trophäen mit betörender Provenienz und Patina.

Partnerschaftlich klügelten Mies und Johnson eine schnörkellose, ja erschreckend strenge Eleganz aus und überschritten doch immer wieder die Schwelle zum Verschwenderischen: Das Foyer aus Travertin, zwei Speiseräume von monumentaler Abmessung, flamboyant gemaserte Wandpaneele aus französischem Nussbaum und ein zentraler Marmorpool. Wie geraffte Abendkleider schmücken Marie Nichols’ schimmernde Metallgardinen die Fensterfronten. Über der Bar schwebt Richard Lippolds Skulptur aus Bronze-Röhrchen. Immerhin, all diese architektonischen Elemente werden nicht angetastet, sie stehen unter Denkmalschutz.

Selbst der Fußabtreter eines Londoner Restaurants kostet plötzlich Tausende Pfund

"Ein rigoroser Modernismus zeichnet das Restaurant aus", sagt auch Brent Lewis, New Yorker Statthalter des Auktionshauses Wright, das die Versteigerung durchführt. "Für Designkenner ist diese Aura ebenso unwiderstehlich wie für leidenschaftliche Gäste, die eine Memorabilie mit nach Hause nehmen möchten."

Begehrlichkeiten dürfte vor allem die Barcelona-Sitzgruppe aus der Travertin-Lobby wecken: Zwei dunkelbraune Sessel samt Hocker (5000 bis 7000 Dollar pro Paar), die am Boden festgeschraubt waren, weil der Perfektionist Mies es nicht ertragen hätte, wären sie auch nur um einen Millimeter verrutscht. Das Ensemble ist eine Rarität aus der frühen Produktionsphase. Bevor Knoll in den sechziger Jahren die Herstellung im großen Stil selbst ausführte, wurden Barcelona-Möbel nur auf Bestellung von Treitel-Gratz in New York gefertigt. Ein vergleichbares Set aus Johnsons Wiley House in New Canaan spielte im Juni 2013 bei Wright 35.000 Dollar ein.

Und hinter welchem Los verbirgt sich wohl das sogenannte Dark Horse, also ein Außenseiterobjekt mit Siegerpotenzial? Die Tulpen-Tische von Saarinen, sagt Lewis: Eine Spezialanfertigung mit seltener Platte aus polierter Bronze (5000 bis 7000 Dollar).