Dass sein Blick von hypnotischer Kraft gewesen sein soll, lässt sich angesichts dieser Filmbilder beim besten Willen nicht nachvollziehen. Für einen 47-Jährigen schauen einen hier weiche, ungewöhnlich große, regelrecht marmeladige Augen an, das wohl. Als hätte Adolf Hitler, sobald er nur Bayreuther Luft atmete und in die vertrauten Gesichter der Familie Wagner blickte, nah am Wasser gebaut. Als fürchtete er, ihn könnte jeden Augenblick die Rührung überkommen, das Nichtfassenkönnen von so viel Nähe, solchem Glück. Sommer 1936, drei Jahre nach der Machtergreifung und drei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entpuppt sich der größte Massenmörder und Diktator des 20. Jahrhunderts als Gefühlsdussel.

Während Hitlers Mätresse Eva Braun ihre Privataufnahmen vom Berghof in Berchtesgaden zeitgleich bereits in Farbe drehte, sind die Bayreuther in Schwarz-Weiß gehalten – und ebenfalls stumm, ohne Ton. Ein Fall für Lippenleser. Eva Brauns Filme gelten als wohlinszeniert (und -zensiert) und sollen den "Führer" als Privatmenschen zeigen, wie zum Beweis, dass er als solcher existierte, mit Vorliebe an der Seite von niedlichen Kindern und großen Hunden. Der Schwarz-Weiß-Film hingegen offenbart ihn ungeschützt familiär: Hitler im Garten von Haus Wahnfried, der ehemaligen Villa des Komponisten Richard Wagner in Bayreuth, Hitler lauschend, lächelnd, Hitler unerhört bescheiden, ja devot. Die Kamera führt der 16-jährige Wolfgang Wagner, Enkel des Komponisten und langjähriger Hüter der Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele. 16 Millimeter Schmalfilmformat, das meiste mit freier Hand gedreht, technisch sehr fortschrittlich (aber das waren die Wagners auf ihre Art ja immer).

Dieser Film, zehn Minuten und 40 Sekunden lang, ist eine Sensation. Nicht nur weil keine vergleichbaren Privataufnahmen des Diktators existieren und er lange als verschollen galt, als gestohlen, verscherbelt oder verschlampt, sondern vor allem, weil er Adolf Hitler so nah zeigt, so intim wie nie. Man kann ihm förmlich in die Augen schauen, kleine Asymmetrien des Bärtchens entdecken oder an der glänzenden Stirn, den speckigen Backen die Bayreuther Sommerhitze ermessen. Nicht dass Hitler einem jemals nicht gespenstisch vorkäme oder gar sympathisch werden könnte, dafür hat der Blick der Nachgeborenen für alle Zeit jegliche Unschuld verloren. Geschichte vergisst sich nicht. Aber das Antlitz des Teufels oder die Körpersprache eines menschlichen Monsters sind es nicht, die einem hier begegnen. Eher eine viel zu warm und viel zu korrekt gekleidete Spießbürgerfigur, der zum Wagnerschen Haus- und Wahlvater im Grunde nur die Strickjoppe fehlt. Dr. Jekyll und Mr. Hyde im oberfränkischen Großfamilienidyll.

Seit November 2015 befindet sich der Film in der Obhut des Bayerischen Hauptstaatsarchivs an der Münchner Ludwigstraße (wo er mir auch vorgeführt wird). Seit Anfang Juli dieses Jahres ist er digitalisiert, demnächst kann er hier zu Forschungszwecken auf CD eingesehen werden. Doch warum war er so lange verschwunden? Wieso wusste niemand von seiner Existenz, nicht einmal die energische Sylvia Krauss als Münchner Archivdirektorin und Wolfgang Wagners Nachlassverwalterin? Ist das, was der Streifen zeigt, so brisant, dass man versuchte, es unter Verschluss zu halten (wer auch immer)? Wurde die Brisanz vielleicht gar nicht erkannt? Oder war hier bloß der bewährte Bayreuther Schlendrian am Werk, jenes miefig Selbstgestrickte, das den Festspielen lange ihren Charme verlieh, aber auch dafür sorgte, dass man es dort mit vielem nicht so genau nahm?

Wie das Gesamtkonvolut der Wolfgang Wagnerschen Jugendfilme (26 Stück, darunter Mitschnitte von Festspielproben und -aufführungen, Naturaufnahmen, spielende Hundewelpen sowie, zur Schulung und Stärkung des jungen Auges, ein paar NSDAP-Veranstaltungen) wieder aufgetaucht ist, liest sich wie ein echter Bayreuth-Krimi. Der Fund verdankt sich zwei Personen: Sylvia Krauss und dem Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg. Syberberg kam mit dem Material Mitte der 1970er Jahre in Berührung, bei den Dreharbeiten zu seinem legendären Fünf-Stunden-Epos Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried. Aus dem Instinkt des Dokumentaristen heraus fotografierte er den Film ab, Einstellung für Einstellung, und bewahrte die Bilder sorgfältig auf – ohne sie je zu verwenden. Im Zuge der umstrittenen Neueröffnung des Hauses Wahnfried als Museum, Archiv und Forschungsstätte im vergangenen Jahr erzählte er mir von den Filmen. Doch wo waren sie geblieben? Ich begann zu recherchieren, zu suchen, telefonierte mich durch die halbe Wagner-Republik, ohne Erfolg (ZEIT Nr. 31/15).

Erst Sylvia Krauss brachte Monate später mit der Hartnäckigkeit der Nachlassverwalterin Licht ins Dunkel. Die alten Agfa-Filmdosen – unleserlich beschriftet, halb angerostet und verbeult – hatten all die Jahre offenbar unerkannt im zweiten Stock des Festspielhauses gelegen. Was schon insofern pikant ist, als das brüchige, nitrathaltige Material der Rollen bei sehr warmen Temperaturen (und auf dem Grünen Hügel kann es im Sommer sehr warm werden) zur Selbstentzündlichkeit neigen. Bayreuth, ein Pulverfass?

Die Intimität zwischen Hitler und den Wagners

Verena und Winifred Wagner, Adolf Hitler und Wieland Wagner (von links nach rechts) © Hans-Jürgen Syberberg

Den typischen Bayreuther Schlendrian im Umgang mit der eigenen Vergangenheit freilich kann man Wolfgangs Nachkommen ebenso wenig vorwerfen wie denen seines älteren Bruders Wieland. Ihre beiden Familienstämme (im Gegensatz zu den weitaus störrischeren der Schwestern Friedelind und Verena) sind geradezu auf Transparenz erpicht. Inzwischen liegen beide Nachlässe glücklich vereint in München, Wolfgangs bereits verzeichnet und archiviert, Wielands frisch aus Salzburg eingetroffen. Das hochkomplizierte, von Konkurrenz, Neid und Eifersüchteleien geprägte Verhältnis der Brüder dürfte, derart gespiegelt, wohl die eine oder andere Neudeutung erfahren. So wäre an der Legende zumindest zu kratzen, das Regie-Genie Wieland habe Bayreuth "gereinigt und gerettet" (wie seine Tochter Nike 1998 schreibt), während die Buchhalterseele Wolfgang unter der Rolle des künstlerisch minderbegabten, aber machtversessenen kleinen Bruders ächzte. Als Wieland 1966 überraschend stirbt, ist Wolfgangs Weg frei. Er rächt sich für alle erlittene Schmach, indem er sich in den 42 Jahren seiner Alleinherrschaft auf dem Grünen Hügel selbst zum Regisseur aufschwingt und in sämtlichen Familienangelegenheiten "knallhart" durchgreift, wie es heißt.

Wolfgang Wagner ist vier Jahre alt, als Adolf Hitler am 1. Oktober 1923 zum ersten Mal das Haus Wahnfried betritt – unmittelbar vor dem kläglich scheiternden Putsch der NSDAP gegen die Weimarer Republik und wie auf Pilgerfahrt. Nur sieben Jahre später werden die Wagner-Kinder durch den Tod ihres Vaters Siegfried zu Halbwaisen, und ihre Mutter Winifred wird zur Witwe. Hitlers Besuche (sie enden am 23. Juli 1940 mit einer Aufführung der Götterdämmerung) mögen unregelmäßig sein, oft spontan, oft inkognito, oft lässt er wochen-, monatelang gar nichts von sich hören – die Kinder hängen an ihrem lieben "Onkel Wolf", der ihnen Geschenke mitbringt und sie schon mal von der Schule befreit, wenn ihn die Sehnsucht nach der Rasselbande packt.

Was ihm das Werk, die Musik, die "Prophetengestalt" Richard Wagners bedeuteten, hat Hitler lange vor Bayreuth gewusst. Welch grandiose Repräsentations- und Projektionsfläche die Festspiele seiner faschistischen Ideologie boten, hat er früh gespürt. Das Einzige, womit er nicht rechnen konnte, war die Zuneigung der Familie Wagner, die abgöttische Verehrung durch Winifred und die Kinder. Einen sozialen Autisten wie ihn muss das umgehauen haben. Eva Braun übrigens hat den Grünen Hügel (wie viele andere Orte seines Lebens) nie betreten. Die Sphären wurden säuberlich getrennt.

Die Intimität der Wolfgangschen Filmaufnahmen von 1936 ist demnach eine natürliche, gewachsene, niemals zudringliche. Auch das gibt ihnen etwas gleichsam Entspanntes und Subversives, fast Peepshowartiges, als könnte sich die Betrachterin sicher sein, beim Blick durchs Schlüsselloch niemals ertappt zu werden. Außerdem war Hitler es gewohnt, dass Wieland und Wolfgang ihn fotografierten, gewissermaßen von klein auf. Wenn der halbwüchsige Wolfgang ihm in einer der letzten Szenen des Films mit seiner Kamera an einer langen Tafel frontal gegenübersitzt, dann scheint der Diktator das kaum wahrzunehmen. Zärtlich lässt er seinen Marmeladen-Blick über die Tischgesellschaft streifen, lauter Freunde, Vertraute. Winifred zu seiner Linken gestikuliert und redet, wie meistens eigentlich, Wieland, im weißen Anzug, steckt sich eine Gabel in den Mund, dazwischen NS-Offiziere und andere Honoratioren. Gerne auch mit im Bild: die Ehepaare Goebbels und Göring. Die Bayreuther Festspiele waren endgültig zu "Hitlers Hoftheater" geworden, wie Thomas Mann aus dem Exil spottete.

Sonderlich elaboriert wirkt Wolfgang Wagners Kameraführung nie. Im Gegenteil: Sobald er den "Führer" vor der Linse hat, scheint der junge Cineast eher bemüht zu sein, nichts zu verpassen, als sich Gedanken über Einstellungen, Blenden und Perspektiven zu machen. Er hält einfach drauf, die Kostbarkeit des Augenblicks spricht ohnehin für sich. Das führt zu einer gewissen Wuseligkeit, etwa wenn er Hitlers Ankunft auf dem Bayreuther Flugplatz filmt: Wieland (auch hier in weißem Anzug) begrüßt den lange Ersehnten erst per Handschlag, dann mit "deutschem Gruß" – und schon ist dieser, eskortiert von Sicherheitskräften und Paladinen, in der bereitstehenden Limousine verschwunden und rauscht davon.

Nicht minder wuselig gedreht, allein wegen der beteiligten Menschenmassen: der ungeheuerliche Moment, in dem Adolf Hitler zusammen mit Winifred, dem Regisseur Heinz Tietjen und dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler nach dem zweiten Akt des Lohengrin die Bühne (und also das Bühnenbild!) betritt, um sich öffentlich bei den Künstlern für die Aufführung zu bedanken. Als gäbe es keine vierte Wand, als hätten Kunst und Wirklichkeit sich längst bis zur Unkenntlichkeit ineinander vermengt. Man stelle sich vor: Die Szene vor dem Münster, Elsas Hochzeit mit Lohengrin, die "Heil!"-Rufe des Chores ("Heil dir, Tugendreiche! Heil Elsa von Brabant! Heil dir!") sind kaum verhallt – da blitzt mit einem Mal Hitlers Seitenscheitel zwischen all den Geharnischten hervor. Die Botschaft ist klar, und Wolfgang Wagner hat sie wohl verstanden, wenn er versucht, dem "Retter" und wahren Schwanenritter mit seiner Kamera, so gut es geht, auf den Fersen zu bleiben. Furtwängler ist der Einzige, der in diesem Stangenwald aus Hitlergrüßen doch leicht bedröppelt wirkt.

Winifred Wagner setzt gezielt ihre Kinder ein

Auf Wieland Wagners Rücken: Adolf Hitler in Bayreuth 1936 © Hans-Jürgen Syberberg

Andere Filmszenen lassen Diskretion spüren, vor allem wenn Winifred, die Mutter, im Spiel ist, von der Wolfgang gewusst haben dürfte, dass sie mit dem Reichskanzler existenzielle Dinge zu verhandeln hatte. Ohne dessen Geldspritzen, ohne seinen kreativen Umgang mit der ökonomisch desaströsen Situation der Festspiele (von aufgekauften Kartenkontingenten bis zu Bodo Lafferentz’ "Kraft durch Freude"-Aktionen ab 1939) hätten diese die Zwischenkriegs- und Kriegszeit niemals überdauert. Man sieht Winifred also in gemessener Entfernung mit dem treuen, unbedingt nützlichen Wolf durch den Garten schreiten, sie schwadroniert und fuchtelt mit den Händen in der Luft, er kratzt sich hinterm Ohr und schweigt, als sinne er auf neue, ungeahnte Lösungen.

Im Kampf um die Festspiele wusste Winifred nicht nur die antiwagnerianisch gesinnte Reichskulturkammer gegen sich, sondern auch die Gemeinde der mächtigen Altwagnerianer, die in den künstlerischen Reformen, die Tietjen und der Bühnenbildner Emil Preetorius auf dem Grünen Hügel anstießen, "jüdisches Zersetzungsgift" sahen. Die Situation war absurd: Ausgerechnet Hitler (dessen Vorstellung vom NS-Schönen man zu kennen meint!) wird in Bayreuth zum Schutzschild einer Ästhetik, die es weg von allem historistisch-naturalistischen Bühnengerümpel hin zur musikdramatischen Essenz der Werke drängte. Bauhaus statt Bärenfell?

Um Hitler in der Pflege seines Privatpläsiers bei Laune zu halten, setzt Winifred ganz gezielt auch ihre Kinder ein. Der heitere Klaps, den sie ihrer jüngsten Tochter Verena gibt, damit diese den "Onkel Wolf" beim Bummeln durch den Garten erfreue, besitzt Nachhaltigkeit. Verena gehorcht, hakt sich bei Hitler unter, alle Augen (das des Filmers inklusive) heften sich an das lustwandelnde Paar. Friedelind, die Älteste, Lauteste und Frechste, war für solche Aufträge weniger gemacht. Prompt neckt Wolfgang die Schwester, indem er sie mit der Kamera buchstäblich aufs Korn nimmt: Knöchel, Hüfte, wogender Busen in Großaufnahme – und Zungeherausstrecken ihrerseits.

Überhaupt ist die Laune in Wahnfried Mitte der dreißiger Jahre ziemlich glänzend. Man raucht, was das Zeug hält, macht Späße, gibt sich mondän. Und noch einmal Verena, diesmal am Eingang des Festspielhauses: ihr süßes Backfischlächeln, als der "Führer" sie im Vorübergehen an der Wange tätschelt.

Sind all diese Sequenzen nun so kompromittierend, dass man sie lieber hat in der Versenkung verschwinden lassen? Bei allen Neurosen, die den Grünen Hügel schütteln, ist das schwer vorstellbar. Sicher entfaltet die Intimität zwischen Adolf Hitler und den Wagners bei Bewegtbildern eine ganz andere Wucht als bei Fotografien. Weil sie zu leben scheint, als lebte sie immerfort. Und weil eben doch mehr Hitler in der Wagner-Rezeption ist, als wir meinen.

Die sprechendste Szene des Films gehört Wieland, dem Lieblings-Wagner-Enkel des Diktators. Sie zeigt die beiden vor einer Hecke stehend, man schweigt und redet und schweigt, Hitler wippt leise auf den Zehenspitzen. Dann drückt ihm jemand ein Stück Karton in die Hand, und Wieland bückt sich und bietet dem "Führer" seinen Rücken als Unterlage dar. Wie Kinder es tun oder Soldaten im Feld. Offensichtlich zeichnet Hitler etwas, er hält mehrfach inne, sinniert, zeichnet weiter, eher kleine Striche als große, schließlich ist er zufrieden und reicht die Skizze weiter. Der Blick, mit dem er das tut (am linken Bildrand taucht Verena auf), hat etwas unfreiwillig Komisches und abgrundtief Grässliches zugleich: Halb rutscht ihm beim Lächeln das Gebiss auf die Unterlippe, halb kräuselt sich das Bärtchen unter der Nase. Ein Spieler, ein Hanswurst, in diesem Fall ein dämonischer.

Hans-Jürgen Syberberg hat diesen Blick mit seinem Fotoapparat ingeniös eingefangen. Und er ist es auch, der im Gespräch einen Gedanken aufgreift, der nie wirklich ernst genommen wurde: Was wäre, wenn der verhinderte Künstler Adolf Hitler durch seinen intimen Kontakt zur Familie Wagner auf die Bayreuther Ästhetik weit mehr Einfluss genommen hätte als bekannt? Wäre dann gerade Wielands Neubayreuth in seiner kargen, entrümpelten Monumentalität nicht die logische Fortschreibung der NS-Ästhetik à la Emil Preetorius? Und mit ihr, mehr oder weniger, das ganze spätere bundesrepublikanische Regietheater? Die Aufarbeitung der Wolfgang- und Wieland-Nachlässe wird Fragen wie diese beantworten. Der wiedergefundene Hitlerfilm hilft, sie zu stellen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Weitere Informationen zum Filmmaterial gibt es auf der Website von Hans-Jürgen Syberberg.