Verena und Winifred Wagner, Adolf Hitler und Wieland Wagner (von links nach rechts) © Hans-Jürgen Syberberg

Den typischen Bayreuther Schlendrian im Umgang mit der eigenen Vergangenheit freilich kann man Wolfgangs Nachkommen ebenso wenig vorwerfen wie denen seines älteren Bruders Wieland. Ihre beiden Familienstämme (im Gegensatz zu den weitaus störrischeren der Schwestern Friedelind und Verena) sind geradezu auf Transparenz erpicht. Inzwischen liegen beide Nachlässe glücklich vereint in München, Wolfgangs bereits verzeichnet und archiviert, Wielands frisch aus Salzburg eingetroffen. Das hochkomplizierte, von Konkurrenz, Neid und Eifersüchteleien geprägte Verhältnis der Brüder dürfte, derart gespiegelt, wohl die eine oder andere Neudeutung erfahren. So wäre an der Legende zumindest zu kratzen, das Regie-Genie Wieland habe Bayreuth "gereinigt und gerettet" (wie seine Tochter Nike 1998 schreibt), während die Buchhalterseele Wolfgang unter der Rolle des künstlerisch minderbegabten, aber machtversessenen kleinen Bruders ächzte. Als Wieland 1966 überraschend stirbt, ist Wolfgangs Weg frei. Er rächt sich für alle erlittene Schmach, indem er sich in den 42 Jahren seiner Alleinherrschaft auf dem Grünen Hügel selbst zum Regisseur aufschwingt und in sämtlichen Familienangelegenheiten "knallhart" durchgreift, wie es heißt.

Wolfgang Wagner ist vier Jahre alt, als Adolf Hitler am 1. Oktober 1923 zum ersten Mal das Haus Wahnfried betritt – unmittelbar vor dem kläglich scheiternden Putsch der NSDAP gegen die Weimarer Republik und wie auf Pilgerfahrt. Nur sieben Jahre später werden die Wagner-Kinder durch den Tod ihres Vaters Siegfried zu Halbwaisen, und ihre Mutter Winifred wird zur Witwe. Hitlers Besuche (sie enden am 23. Juli 1940 mit einer Aufführung der Götterdämmerung) mögen unregelmäßig sein, oft spontan, oft inkognito, oft lässt er wochen-, monatelang gar nichts von sich hören – die Kinder hängen an ihrem lieben "Onkel Wolf", der ihnen Geschenke mitbringt und sie schon mal von der Schule befreit, wenn ihn die Sehnsucht nach der Rasselbande packt.

Was ihm das Werk, die Musik, die "Prophetengestalt" Richard Wagners bedeuteten, hat Hitler lange vor Bayreuth gewusst. Welch grandiose Repräsentations- und Projektionsfläche die Festspiele seiner faschistischen Ideologie boten, hat er früh gespürt. Das Einzige, womit er nicht rechnen konnte, war die Zuneigung der Familie Wagner, die abgöttische Verehrung durch Winifred und die Kinder. Einen sozialen Autisten wie ihn muss das umgehauen haben. Eva Braun übrigens hat den Grünen Hügel (wie viele andere Orte seines Lebens) nie betreten. Die Sphären wurden säuberlich getrennt.

Die Intimität der Wolfgangschen Filmaufnahmen von 1936 ist demnach eine natürliche, gewachsene, niemals zudringliche. Auch das gibt ihnen etwas gleichsam Entspanntes und Subversives, fast Peepshowartiges, als könnte sich die Betrachterin sicher sein, beim Blick durchs Schlüsselloch niemals ertappt zu werden. Außerdem war Hitler es gewohnt, dass Wieland und Wolfgang ihn fotografierten, gewissermaßen von klein auf. Wenn der halbwüchsige Wolfgang ihm in einer der letzten Szenen des Films mit seiner Kamera an einer langen Tafel frontal gegenübersitzt, dann scheint der Diktator das kaum wahrzunehmen. Zärtlich lässt er seinen Marmeladen-Blick über die Tischgesellschaft streifen, lauter Freunde, Vertraute. Winifred zu seiner Linken gestikuliert und redet, wie meistens eigentlich, Wieland, im weißen Anzug, steckt sich eine Gabel in den Mund, dazwischen NS-Offiziere und andere Honoratioren. Gerne auch mit im Bild: die Ehepaare Goebbels und Göring. Die Bayreuther Festspiele waren endgültig zu "Hitlers Hoftheater" geworden, wie Thomas Mann aus dem Exil spottete.

Sonderlich elaboriert wirkt Wolfgang Wagners Kameraführung nie. Im Gegenteil: Sobald er den "Führer" vor der Linse hat, scheint der junge Cineast eher bemüht zu sein, nichts zu verpassen, als sich Gedanken über Einstellungen, Blenden und Perspektiven zu machen. Er hält einfach drauf, die Kostbarkeit des Augenblicks spricht ohnehin für sich. Das führt zu einer gewissen Wuseligkeit, etwa wenn er Hitlers Ankunft auf dem Bayreuther Flugplatz filmt: Wieland (auch hier in weißem Anzug) begrüßt den lange Ersehnten erst per Handschlag, dann mit "deutschem Gruß" – und schon ist dieser, eskortiert von Sicherheitskräften und Paladinen, in der bereitstehenden Limousine verschwunden und rauscht davon.

Nicht minder wuselig gedreht, allein wegen der beteiligten Menschenmassen: der ungeheuerliche Moment, in dem Adolf Hitler zusammen mit Winifred, dem Regisseur Heinz Tietjen und dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler nach dem zweiten Akt des Lohengrin die Bühne (und also das Bühnenbild!) betritt, um sich öffentlich bei den Künstlern für die Aufführung zu bedanken. Als gäbe es keine vierte Wand, als hätten Kunst und Wirklichkeit sich längst bis zur Unkenntlichkeit ineinander vermengt. Man stelle sich vor: Die Szene vor dem Münster, Elsas Hochzeit mit Lohengrin, die "Heil!"-Rufe des Chores ("Heil dir, Tugendreiche! Heil Elsa von Brabant! Heil dir!") sind kaum verhallt – da blitzt mit einem Mal Hitlers Seitenscheitel zwischen all den Geharnischten hervor. Die Botschaft ist klar, und Wolfgang Wagner hat sie wohl verstanden, wenn er versucht, dem "Retter" und wahren Schwanenritter mit seiner Kamera, so gut es geht, auf den Fersen zu bleiben. Furtwängler ist der Einzige, der in diesem Stangenwald aus Hitlergrüßen doch leicht bedröppelt wirkt.