Sie ist die Doyenne der Istanbuler Kunstszene: Beral Madra, Jahrgang 1942, kuratierte die ersten beiden Istanbul Biennalen 1987 und 1989, mehrfach den türkischen Pavillon auf der Biennale in Venedig und organisiert bis heute auch in Berlin, Stuttgart und München Ausstellungen. Sie hat mehrere Bücher zur zeitgenössischen Kunst veröffentlicht, als Kritikerin schreibt sie für Zeitungen und Magazine. In Istanbul gehörte sie 2012 zu den Mitbegründern der Galerie Kuad.

DIE ZEIT: Istanbul galt in den vergangenen Jahren als die kommende große Kunststadt. Neue Kunstmessen, Biennalen und Galerien wurden gegründet. Wie hat die Kunstszene auf den gescheiterten Putschversuch und die Verhängung des Ausnahmezustands reagiert?

Beral Madra: Im Moment herrschen Stummheit und Hemmung. Für solch chaotische Momente braucht man eigentlich eine potente Zivilgesellschaft. Die Hauptproduzenten der zeitgenössischen Kunst, die Künstler, Kuratoren und Kritiker, haben aber keine Macht. Der Traum vom Hotspot Istanbul ist schon in den vergangenen Jahren zerfallen. Istanbul ist jetzt der frosty spot. Es war nie die ganz große Kunsthauptstadt, das war mehr Einbildung als Realität. Die zeitgenössische Kunst tritt nur in drei von etwa vierzig Vierteln dieser Megastadt überhaupt in Erscheinung. Aufgrund ihrer Geschichte, ihrer geografischen Lage und der neuen Konsummöglichkeiten hatte die Stadt eine enorme touristische Anziehungskraft, die jetzt wegen der politischen Spannungen, wegen der Terrorangriffe und durch den Putschversuch leider auf lange Sicht zerstört ist.

ZEIT: In den vergangenen Tagen wurden Tausende von Menschen in der Türkei festgenommen. Sind neben Richtern, Journalisten und Professoren auch Künstler betroffen?

Madra: Der Kunstbetrieb bildet eine ganz kleine Zivil-Initiative in der Türkei, er stellt aus Sicht der Regierung keine Gefahr dar. Die Kunst wird hier von den Mächtigen nur wahrgenommen, wenn sie dem Kulturtourismus oder der herrschenden Ideologie hilft. Repression und Zensur sind allerdings keineswegs fremd in der Kunst der Türkei. Auf der Website siyahbant.org gibt es die lange Liste der vergangenen und gegenwärtigen Zensurmaßnahmen und Repressionen. Vor ein paar Monaten wurde das private Kunstzentrum Salt Beyoğlu ohne nachvollziehbare Gründe geschlossen. Die Galerie der Akbank hat eine Ausstellung zensiert. Man vermutet, dass diese Unternehmen der Auffassung der jetzigen Regierung nicht widersprechen wollen.

ZEIT: Wie kommuniziert die Kunstszene in diesen Tagen? Trifft man sich?

Madra: Es ist Sommer, die Kunst-Fakultäten und viele Galerien sind geschlossen. Bis jetzt habe ich keine dissidente oder ärgerliche Stimme gehört, nicht einmal auf Facebook oder Twitter. Die Atmosphäre der Angst ist spürbar. Wir sind unglücklich und bedrückt.