Im Windschatten der Weltereignisse wird im politischen Berlin seit einiger Zeit am Projekt "Bundespräsident" gearbeitet. Das bringt wie üblich eine Menge Gerüchte mit sich, schließlich handelt es sich um guten Gesprächsstoff für Partys, das alte Wer-mit-wem-Spiel halt. All das bedürfte in diesem Sommer der Schrecklichkeiten keiner größeren Beachtung. Doch avanciert eine der Erwägungen bereits zum Plan; mit wachsendem Eifer werden dazu parteiübergreifende Gespräche geführt. Es geht kurzum darum, den Schriftsteller Navid Kermani zum Kandidaten eines rot-rot-grünen Bündnisses zu machen.

Das ist auf den ersten Blick eine ausgesprochen reizvolle und auf den zweiten eine ziemlich schlechte Idee.

Reizvoll daran ist natürlich der Kandidat. Viele beklagen ja gern, es gebe in Deutschland heutzutage keine großen politischen Intellektuellen mehr, keinen Günter Grass, keinen neuen Hans Magnus Enzensberger, keinen zweiten Jürgen Habermas. Diesen Leuten möchte man zurufen: Doch, die gibt es! Guckt gefälligst hin! Navid Kermani ist einer!

Der aus dem Iran stammende Kölner ist Essayist und Reporter (auch für diese Zeitung), Denker, Orientalist und Theaterregisseur, er ist ein Schiit mit herausragenden Korankenntnissen sowie ein profunder und vielleicht gerade deshalb ironischer Kenner des Christentums. Nicht zuletzt kann er etwas meisterlich, das in Deutschland eben nicht jeder kann: reden. Seine Festreden zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes im Bundestag wie zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gehören zu den wichtigsten intellektuellen Interventionen der letzten Jahre.

Warum also nicht Bundespräsident?

Die gängige Auffassung von dessen Aufgaben lautet: Der hat keine Macht außer der Rede. Das ist nicht ganz richtig. Außerdem ist er nämlich noch der führende Diplomat des Landes, zudem ein Berater der politisch Mächtigen, der sich regelmäßig die Spitzen der Fraktionen ins Schloss holt und ihnen ins Gewissen redet. Und er hat eine recht große Behörde zu leiten.

Auf diesen Feldern – niedere Machtpolitik, höhere Diplomatie, schnöde Verwaltung – hat Kermani noch wenig Erfahrung. Könnte man dieses handwerkliche Risiko eingehen und ihn trotzdem zum Bundespräsidenten machen? In einer Zeit, da dieses Land durchgerüttelt wird wie schon lange nicht mehr, angesichts dessen, dass in die Amtszeit des nächsten Bundespräsidenten höchstwahrscheinlich ein recht rockiger Kanzlerwechsel fällt? Vielleicht sogar ja, angesichts der anderen Qualitäten, über die Navid Kermani verfügt. Dann ist er noch Muslim. Das ist ein immenser Vorteil, weil Integration und kulturelle Selbstveränderung zu den größten nationalen Aufgaben der nächsten Jahre zählen. Manche, die Kermani sehr schätzen, sagen aber auch, dass es nach dem Jahr der subjektiven Selbstüberforderung durch eine Million überwiegend muslimischer Flüchtlinge ein bisschen over-the-top wäre, einen Muslim ins Bellevue zu schicken. Ein Schritt, ohne Zweifel, in die richtige Richtung – aber zu schnell.

Doch womöglich sind diese Skeptiker zu ängstlich, vielleicht könnte man trotz der handwerklichen Risiken und der kulturellen Provokation Navid Kermani mit vereinten Kräften tatsächlich zum Bundespräsidenten machen. Dafür müsste dann vor allem die Union die Überzeugungsarbeit in den konservativen Teil der Republik hinein übernehmen.

Mit vereinten Kräften also: vielleicht. Als Kampfkandidat einer rot-rot-grünen Koalition: auf keinen Fall. Das Wagnis, Kermani zum Vehikel eines noch größeren Wagnisses Rot-Rot-Grün zu machen, verleiht dem ganzen Projekt etwas Hasardeurhaftes, das dem Kandidaten eigentlich kaum zuzumuten ist.