Für seine Sommertour hat sich Cem Özdemir einen verblüffend selbstironischen Namen ausgedacht: "Cemtrail" – eine Anspielung auf die Verschwörungstheorie von den Giftwolken, Chemtrails, die angeblich aus Flugzeugen breitflächig auf die Menschheit niedergehen, zwecks Gedankenkontrolle. Auch der grüne Bundesvorsitzende ist derzeit breitflächig im Bild, auch er wird misstrauisch beäugt, nicht zuletzt in seiner Partei. Von den Tagesthemen bis zum Schwarzwälder Boten, von der New York Times bis zur Hürriyet – überall soll er, der "Spätzle-Türke", erklären, was mit der Türkei los ist, oder den Türken die Demokratie erläutern. Niemand anders, ganz bestimmt niemand aus der Bundesregierung, kann so authentisch zu beiden Seiten sprechen.

Aber es ist ein neuer Cem Özdemir, der da redet. Auftritt in Weimar, es ist Tag vier nach dem Putsch in der Türkei und der Morgen nach der Axt-Attacke in Würzburg. Zwei Fernsehkameras warten auf ihn. Der Özdemir von früher wäre jetzt auf Zehenspitzen ein vorbereitetes Skript von Plattitüden abgeschritten: Für Bündnis 90/Die Grünen kann Gewalt keine Lösung sein, die Demokratie darf der Sicherheit nicht geopfert werden – so etwas in der Art.

Der neue Cem sagt "Ich", und zwar mit einem Hauch Testosteron in der Stimme. "Ich bin da gerne bereit, eine Frist der Gesichtswahrung zu akzeptieren", sagt er auf die Frage, wie die Regierung von Angela Merkel nun auf die Säuberungsaktionen Erdoğans antworten solle. "Aber wenn ein deutscher Politiker ins Ausland reist, dann reisen unsere Werte mit." – "Ich", "wir", "unsere Werte", "meine Partei" – Cem Özdemir, so scheint es, ist zum ersten Mal in seiner 35-jährigen politischen Laufbahn wirklich bei sich angekommen.

Angefangen hat es mit der Yogamatte. Özdemir hatte sich, als einer der ganz wenigen Grünen aus der Bundestagsfraktion, für die Lieferung von Waffen an kurdische Peschmerga ausgesprochen. "Den IS", so hatte er damals gesagt, "bekämpft man nicht mit Yogamatten." Das war eine neue, ungewohnt kämpferische Sprache – von einem, der selbst Yoga praktiziert und der ganz bewusst als Erzieher in einer Kita gearbeitet hatte, um sich vom Machismo zu entfernen. Es war das erste Mal in seiner Rolle als Bundesvorsitzender, dass Cem Özdemir bewusst aneckte.

Unkompliziert war das Verhältnis zwischen Özdemir und seiner Partei nie. Zwischendrin hat sie ihn einfach fallen lassen, und der Außenseiter musste sich wieder ganz nach vorn kämpfen. Er hatte oft das Gefühl, da gelten doppelte Standards: einer für ihn und einer für die Claudia Roths der Partei, die Beliebten, die Neigschmeckten.

Vielleicht gab es einen unausgesprochenen Deal: Wir machen dich zum Vorstands-Cem, dafür bist du zum Dank immer das Modell für gelungene Integration. Cem Özdemir ist eines der ganz wenigen echten Arbeiterkinder an der Spitze der Grünen. Sein Vater war lange Zeit Textilarbeiter im Schwarzwald, seine Mutter hatte in einer Papierfabrik gearbeitet, aus der sie abends mit zerschnittenen Händen zurückkam. Nie konnte er mit der Selbstverständlichkeit eines Jürgen Trittin oder eines Winfried Kretschmann über das Ökolibertäre oder das Kommunistische Manifest extemporieren.

Bei Özdemir wirkte alles hart erarbeitet, strebsam, gelernt und kalkuliert – vor allem wenn es um Coolness gehen sollte. Die Koteletten ließ er mal wachsen, dann nahm er sie wieder ab, er ließ sich neben Hanfpflanzen filmen, er wurde Bierbotschafter – immer fehlte die Freiheit und Wurschtigkeit, etwas einfach mal so zu machen. Schließlich konnte er nie wissen, sagt einer der Partei-Intellektuellen, "ob der Migrant nun wirklich dazugehört oder nicht, ob die Grünen im Zweifel hinter ihm stehen oder nicht". Und das wohl zu Recht. Wenn in der Fraktion heute eine Abstimmung wäre, wer Cem Özdemir zum Vorsitzenden wolle, "dann bekäme er allerhöchstens zehn Stimmen", meint ein junger Grüner aus dem linken Lager.

Aber jetzt, wo Erdoğan sich die Türkei aneignet und die Deutschtürken für sich reklamieren will, da hat niemand die street credibility von Cem Özdemir. Kein Kretschmann und kein Trittin können sagen, was jetzt zu sagen ist. Özdemir dagegen ist derzeit so treffsicher wie noch nie.