"Der Lauer war auch da" – Seite 1

Eines Julimorgens um 6.45 Uhr nimmt der Abgeordnete Christopher Lauer im RBB-Inforadio zum großen Berlinaufreger dieser Tage Stellung – es ist sein letztes Interview vor der Sommerpause und der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 8. September. Es geht: um ein besetztes Haus in der Berliner Rigaer Straße, um brennende Autos vor den "Yuppieneubauten" in der Rummelsburger Bucht und um einen Berliner Innensenator, dem linksradikale Krawalle für seinen Wahlkampf gelegen kommen. Die Politik, so Lauer, müsse sich mit den Hausbesetzern an einen Tisch setzen. Dann spricht der Abgeordnete einen dieser in seiner Klarheit, Flapsigkeit und leicht arroganten Genervtheit typischen Christopher-Lauer-Sätze: "Dann muss man sich eben mit den Leuten einigen: So, Kinder, jetzt habt ihr hier euer alternatives Hausprojekt, dann hören jetzt aber auch diese scheiß Autobrände und der ganze Kack auf." Und der Berliner Innensenator Frank Henkel tut dem Abgeordneten Lauer den Gefallen, so empört wie vorhersehbar zu antworten: "Ich bin fassungslos, dass jemand allen Ernstes fordert, über die Einstellung von Brandanschlägen zu verhandeln. Der Rechtsstaat ist nicht verhandelbar."

Du liebes bisschen: die Politik. Und, o ja, vor allem: du liebes bisschen, du besonders liebe, arme und traurige Berliner Politik. Die Stadt Berlin steht seit Jahren, besonders seitdem dort im nun fünften Jahr die rot-schwarze Koalition von Bürgermeister Michael Müller (SPD) die Geschäfte führt, im Ruf, eine besonders schlecht, uninspiriert und ineffizient regierte Stadt zu sein, wovon zahlreiche Probleme zeugen (Verwaltungskrise, Flüchtlingskrise, Wohnungsbaukrise, Sicherheitslage der Stadt). Seit ebendiesen nun fünf Jahren sitzt auch der Abgeordnete Christopher Lauer, 32, als Oppositions- und Innenpolitiker im Berliner Parlament, er wurde 2011 als Mitglied der Piraten mit den berühmten 8,9 Prozent (dem historisch höchsten Ergebnis, das die Piraten bei einer Landtagswahl je erzielt haben) ins Abgeordnetenhaus gewählt. Im September 2014 trat Lauer bei den Piraten aus, es war der Anfang der Selbstauflösung der Partei (8 von 13 Berliner Piraten haben bis heute die Partei verlassen), blieb aber Mitglied der Fraktion. Im Januar 2015 unterschrieb der Ex-Pirat und Abgeordnete beim Axel-Springer-Verlag einen Vertrag als "Leiter strategischer Innovation" (sein Gehalt von monatlich bis zu 7.000 Euro machte er öffentlich), ein Job, der ihm nicht nur bei der ehemaligen Wählerklientel der Piraten, sondern in der gesamten Berliner Öffentlichkeit viel Irritation und Unverständnis einbrachte, und kündigte den Vertrag im beidseitigen Einvernehmen zum Ende des Jahres.

Wenn die Berliner und Berlinerinnen im September ein neues Parlament wählen, dann steht Christopher Lauer, einer der prominentesten Politiker im Berliner Abgeordnetenhaus – vielleicht der lauteste, anstrengendste, nervigste und öffentlichkeitswirksamste Berliner Politiker überhaupt –, nicht mehr zur Wahl. Er wird sich einen neuen Job suchen müssen. Vielleicht liegt der außerhalb, vielleicht innerhalb der Politik. Das ist, wenige Wochen vor der Wahl, noch nicht klar.

Es geht also nicht nur ein bekannter Politiker (als Fraktionsvorsitzenden kannten Christopher Lauer 40 Prozent der Berlinerinnen und Berliner), es geht, trotz seines beinahe noch jugendlich frischen Alters, ein politisches Naturtalent und Alphatier, ein Homo politicus, ein trotz seiner vorerst auf fünf Jahre begrenzten Wirkungszeit mit allen Wassern gewaschener politischer Profi. Er war einmal "Berlins berühmtester Pirat" (BZ), der "Joschka Fischer der Piraten" (Tagesspiegel), vor allem im vergangenen Jahr lief Lauer als zäher, rhetorisch brillanter, enorm unterhaltsamer, bisweilen gut bösartiger Redner und Gegner des Senats zur Bestform auf (unvergessen seine Rede im Berliner Abgeordnetenhaus, bei der er den Innensenator Henkel fragte, was dieser eigentlich beruflich mache). Konkrete Erfolge, die der Ex-Pirat sich nach fünf Jahren im Abgeordnetenhaus anrechnen lassen kann: Lauer hat die umstrittene Ermittlungsmethode "Funkzellenabfrage" der Polizei und den Einsatz von Staatstrojanern ohne die passende Rechtsgrundlage öffentlich gemacht, er setzte die einheitliche Kennzeichnung von Polizisten im Dienst durch, auf seine Initiative geht auch die Einrichtung einer Gewaltschutzambulanz in der Berliner Charité (Opfer sexualisierter Gewalt können sich zur Spurensicherung bei einem Rechtsmediziner begeben, ohne Anzeige zu erstatten).

In Berlin hat es dieser Christopher Lauer zu einer wirklich besonderen und eigenwilligen Prominenz gebracht: Er war der Politiker für all diejenigen, die sich nicht für Politik interessieren, genauer: der Politiker all derjenigen klugen, jungen, hübschen, enorm beweglichen und erfolgreichen Menschen – und von denen gibt es in Berlin viele –, für die die Politik ihrer Hauptstadt schlichtweg kein Ort ist, der in ihrem Alltag, ihrem Bewusstsein und ihren Entscheidungen irgendeine Rolle spielt. Gerade hat der scheidende Politiker Christopher Lauer in einem Interview mit dem Feuilleton der FAS das mangelnde Interesse seiner Altersgenossen an Demokratie und Parlamentarismus, das viel tiefer gehe als die allseits beklagte Politikverdrossenheit, kritisiert und mehr politisches Engagement gefordert ("Hört auf, die Politik zu verachten! Geht in die Sitzung eines Ortsvereins und bringt eure Freunde mit!"). Als beinahe einziger Berliner Politiker, vergleichbar nur mit dem ehemaligen Partybürgermeister Klaus Wowereit, nimmt Lauer am jungen Bohemeleben der Stadt teil, für das Berlin im Ausland berühmt ist, man sieht ihn in Bars, bei Theaterpremieren und auf Kunsteröffnungen. (Man sagt: "Da sitzt der Lauer." Und: "Der Lauer war auch da.") Erfolgreicher als anderen Berliner Politikern ist es Lauer dabei in den vergangenen Jahren gelungen, der schweigenden, desillusionierten und der Politik abgewandten Mehrheit der Stadt eine Stimme zu geben. Zur Verwunderung und zum Frust seiner Parlamentskollegen, die von viel exponierterer Stelle, von Senatorenposten und als Staatssekretäre agieren, schafften es seine Attacken im Berliner Abgeordnetenhaus mit schöner Regelmäßigkeit in die BZ, die Berliner Morgenpost und die RBB-Abendschau. Ganz in der Tradition der Piraten agitiert er die Öffentlichkeit mit einem Stakkato von Wortmeldungen auf Twitter und auf Facebook, oft sind es mehr als zwanzig Posts am Tag. Für den Öffentlichkeitsprofi Lauer spricht – man fragt sich ein wenig, warum das nicht mehr Politiker in seinem Alter tun –, dass er sich in seinen politischen Auslassungen einer bewusst alltäglichen, gesprochenen, salopp-untechnokratischen Sprache bedient (Lauers Twitterkommentar zum EU-Austritt Großbritanniens: "Der Brexit ist insofern ganz geil, als er noch mal schön zeigt, wie scheiße diese lügenden Rechtspopulisten sind.").

Ein Glücksfall also, ein zeitgemäßer, durch und durch moderner Volksvertreter, von dem es in Deutschland mehr geben müsste, ein Einzelkämpfer, dem eine glänzende politische Zukunft offenstehen müsste. Wie hat es der Ex-Pirat Christopher Lauer nach fünf Jahren Parlamentsarbeit in Berlin geschafft, dass seine politische Karriere jetzt erst einmal an einem Endpunkt steht? Wie schaut er auf das politische Erbe der Piraten? Ist die Politik, so naiv muss man doch fragen, als unter vierzigjähriger, intelligenter, von den Werten von Parlamentarismus und der Parteiendemokratie überzeugter Mensch zu empfehlen? Was sind seine Pläne ab Oktober dieses Jahres, wenn sich das neue Abgeordnetenhaus konstituiert?

Das erste von etwa zehn Treffen, es findet im Sommer vor gut einem Jahr statt: Café Einstein auf der Friedrichstraße. Lauer ist ein mittelgroßer Mann, er pflegt eine gekonnte, halb hippe, halb nach biederen sechziger Jahren aussehende Garderobe (schwarze Hornbrille, Seersuckerjackett, Strickkrawatte). Wo anfangen? Sein Blick auf die Piraten fällt geteilt, halb desillusioniert, halb nostalgisch, aus. Wer heute in Berlin noch mal die Piraten wähle, der verschenke seine Stimme: Die Guten seien ausgetreten, die Deppen, denen es nicht mal um ihre Karriere, sondern nur um ihre Abgeordnetendiäten gehe, seien noch drin. Klare Worte: "Mir wäre es wichtig, dass die Piraten nicht noch einmal ins Abgeordnetenhaus einziehen." Wenn Lauer von 2011, den Zeiten des Aufbruchs der neuen Partei, spricht, dann sagt er: "Ich fand das geil, dass bei den Piraten niemand fragte, wo du herkommst und was für eine Ausbildung du hast." Und: "Man hatte das Gefühl, sich aus einer Ohnmacht herauszubegeben."

"Ich werde der Politik erhalten bleiben"

Lauer, 1984 in Simmern im Hunsrück geboren, wuchs geschwisterlos bei seiner Mutter, einer Beamtin im öffentlichen Dienst, in Bonn auf. Die Brille trägt er seit seinem zehnten Lebensjahr, "ich war ein einsames, kein glückliches Schulkind", politisch geprägt wurde er durch die Tagesschau: "Ich gehe nicht gerne auf Demonstrationen, halte nicht gerne Plakate hoch. Ich weiß, das ist ein bisschen blöd als Politiker." Kultur- und Technikstudium an der TU Berlin (nicht abgeschlossen). Ein Einschnitt in Lauers politischem Bewusstsein ("Ich war einer dieser typischen Prenzlbergbewohner, die sich bei der zweiten Flasche Rotwein über unsere Ohnmacht beschweren") war 2008 für ein Auslandssemester in der chinesischen Millionenmetropole Hangzhou: "Da hat man schön gesehen, wie sich Diktatur und Kapitalismus die Klinke in die Hand geben." 2009 trat Lauer, agitiert durch Ursula von der Leyens und Karl-Theodor zu Guttenbergs "Netzsperre", den Piraten bei. Innerhalb kurzer Zeit macht er bei der neuen Partei Karriere, wird 2010 im Bundesvorstand Politischer Geschäftsführer, ist für die Installierung des Meinungsfindungstools Liquid Feedback verantwortlich. 2011, als er vergeblich für den Bundesvorstand kandidiert, hat er einen Terminplan wie ein Bundesminister: "Es war zu krass. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich das geschafft habe." Über seine Zeit bei den Piraten hat Lauer mit Sascha Lobo ein Buch geschrieben (Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei). Sein Fazit: Zur Zeit ihrer größten Erfolge seien die Piraten politisch schon am Ende gewesen. Die Partei habe viele Forderungen – den fahrscheinlosen Nahverkehr –, aber kein Ziel gehabt: "Der Großteil der Mitglieder der Piratenpartei war auf eine absurde Art apolitisch. Das waren keine Politiker. Das waren Computernerds mit einem digitalen Politikverständnis: Es gab nur richtig oder falsch." Die Piraten hätten Politik nicht gestalten, sondern lediglich imitieren wollen: "Man wollte in einer Pose verharren, in der man sagen konnte: Wir dürfen ja nicht mitbestimmen."

Zweites Treffen im Frühjahr in der "Kasino" genannten Kantine des Berliner Abgeordnetenhauses. Wie blickt er auf die fünf aktiven Jahre in der Berliner Politik zurück? War es frustrierend? Einmal schießt der Nochabgeordnete keine schnelle Antwort raus: "Es war extrem frustrierend. Aber es war auch die beste, lebendigste und sinnvollste Zeit meines Lebens." Einen Bewusstseinswandel habe er bei seiner Arbeit im Springer-Verlag erlebt, die er ebenfalls als ernüchternd erlebt habe: "Ich sagte mir: Ja gut, wenn es überall gleich frustrierend ist, dann muss ich ein anderes Verhältnis zur Frustration und eine andere Metrik für Erfolg entwickeln." Als Glück habe Lauer seine freien Reden bei Plenarsitzungen erlebt und die Tatsache, dass er das Leben der Berlinerinnen und Berliner mit seinen Gesetzesvorschlägen konkret verbessern konnte: "Es ist nicht egal, wenn sich das Leben zum Besseren verändert. Es ist ein großer Erfolg."

Christopher Lauer sieht sich in der Politik am richtigen Ort angekommen: "Ich habe festgestellt, dass die Politik mich umtreibt. Und: Wenn du etwas kannst, dann solltest du schauen, dass du das machst." Auf seinen parlamentarischen Kleinkrieg mit dem CDU-Innensenator blickt er gelassen: "Ich glaube, dass Frank Henkel ein hochsensibler Mensch ist. Den macht sein Misserfolg unendlich fertig." Der bei seinen Gegnern, dem Berliner Senat, populäre Vorwurf, dass es dem großen Redner und Selbstdarsteller Christopher Lauer immer nur um sich selber gehe: Ach, ja. "Selbst, wenn ich mich selber für arrogant und doof hielte, dann hat dieser arrogante Egoficker trotzdem dafür gesorgt, dass es in Berlin eine Gewaltschutzambulanz gibt und dass es die Videoüberwachung am Alexanderplatz nicht gibt." Und nun packt den baldigen Ex-Abgeordneten doch ein Moment der Erschöpfung: "Wenn du es mit 27 Jahren geschafft hast, mit einer neuen Partei in ein Landesparlament einzuziehen, dann gibt es nur noch wenige Dinge im Leben, die dich richtig flashen." Mit 32 Jahren komme er sich manchmal vor wie 60. Vielleicht, nur vielleicht ist das eine ironische Fragestellung: "Was soll ich denn um Gottes willen in den nächsten 50 Jahren noch machen?"

Spaziergang im Tiergarten. Zeit für die großen Themen. Der Politiker Lauer hält sich für wertkonservativ und für liberal. "Ich sage natürlich: Lass uns die Drogen legalisieren. Ich sage auch: Lass uns ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen." In den Grünen sieht er im Jahr 2016 eine religiöse Bewegung: "Die müssten doch, angesichts der Klimaerwärmung, die Radikalsten sein. Stattdessen Ökoglühbirne. Stattdessen der Yuppie, der im Porsche Cayenne auf dem Kollwitzmarkt vorfährt und den fair gehandelten Hüttenkäse einkauft." Ist er am Ende doch ein klassischer Linker? "Ich kann mit der ganzen linken Folklore nichts anfangen. Für mich stimmt die linke Inszenierung einfach nicht." Und dennoch: Im Bund wie im Berliner Abgeordnetenhaus befürwortet Lauer eine rot-rot-grüne Koalition: "Diese drei Parteien müssen zusammen eine Perspektive für die Zukunft entwickeln." Die Agonie seiner Altersgenossen beschäftigt ihn: "Wir können uns diese Passivität nicht mehr leisten. Über die Regeln unseres Zusammenlebens wird im Parlament, nirgendwo anders, entschieden. Wenn du ein Auto kaufst, würdest du dem Autohändler doch auch nicht sagen: Entscheiden Sie mal, wie es ausgestattet ist und was es kostet."

Letzte Plenarsitzung des Berliner Abgeordnetenhauses vor der Sommerpause: Da sitzt, eine Reihe hinter Lauer, mit Vollbart, rot-gelb-grün gefärbten Haaren und silbern lackierten Fingernägeln, der Pirat Simon Kowalewski, was für ein lustiger Vogel. Wer jetzt auf heikle Fragen, seine politische Zukunft betreffend, von Christopher Lauer eine Antwort haben möchte, muss ihm einfach eine SMS schreiben – der Abgeordnete antwortet blitzschnell. Welcher Partei wird er beitreten? Bewirbt er sich wie seine ehemalige Piratenkollegin Anke Domscheit-Berg, die 2017 im Wahlkreis Frank-Walter Steinmeiers in Brandenburg/Havel für Die Linke antritt, um ein Bundestagsmandat? Antwort Lauer: "Ich werde der Politik erhalten bleiben." In der BZ war kürzlich zu lesen, dass Lauer mit der SPD verhandele. So viel ist vom Bald-Ex-Abgeordneten zu erfahren: Er führe Gespräche mit der SPD-Generalsekretärin Katarina Barley, es wird wohl auf eine Übergangsaufgabe, vielleicht als Berater für digitale Medien, im Willy-Brandt-Haus hinauslaufen.

Beim Sommerfest im Abgeordnetenhaus steht er, der begnadetste Politiker seiner Generation, mit dem Regierenden Bürgermeister zusammen. Es sieht voll okay, es sieht ganz selbstverständlich aus.